Stop the Train – Secret Zugbegleiter

Zu unserer Schwäche für Eisenbahnspiele haben wir uns ja bereits im Rahmen diverser Rezensionen bekannt. Allerdings scheren wir uns diesmal weder um Warenströme noch um Aktienpakete, sondern unterliegen gleichzeitig unserer nicht weniger geringen Schwäche für Social-Deduction-Spiele, sitzen selber an Bord des Gefährts und rasen mit dem 19:05 schnaubend Paris entgegen. Mit einer Bombe im Abteil…

Zugegeben, das Thema ist angesichts tagesaktueller Ereignisse etwas heikel, aber immerhin stehen wir politisch auf der richtigen Seite! Zumindest die Mehrheit von uns, denn natürlich materialisiert sich so ein Knallfrosch nicht aus dem Nichts im ÖV. Nein, unter uns befindet sich ein Saboteur, der dafür sorgen möchte, dass der Zug auch wirklich am Gare de Lyon ankommt – um dort Verheerendes anzurichten.

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Rollenkonfusion! Wer ist wohl diesmal alles mit an Bord?

Zum Glück hat Escape Plan dem Bösewicht unsere heldenhafte Truppe entgegengestellt, die ihn noch unerkannterweise mutig und mit vereinten Kräften zur Strecke bringt! Wir tun dies, indem wir die Geschwindigkeit drosseln und die Strecke des Zugs so geschickt wählen, dass wir bei Spielende (also wenn dem Gefährt die Kohle ausgeht) weit vor Paris zum Stehen kommen und der Tunichtgut so seiner gerechten Strafe zugeführt werden kann!

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Die ganze Strecke in voller Pracht. Welches andere Zugspiel kann da mithalten?

„Ööööh… schon“, meint da mein linker Tischnachbar. „Aber erst mal geben wir Vollgas – zum Bremsen reichts ja dann später immer noch“. Sagmagehtsnoch? Immerhin: Auf die Kooperation meiner rechten Tischnachbarin kann ich zählen – zumindest, bis wir uns vor der Verzweigung für eine der drei Strecken nach Paris entscheiden dürfen – und sie sich für die kürzeste davon ausspricht. Trotzdem kommt sie mir nicht ganz so verdächtig vor, wie mein Gegenüber, der sich schon die ganze Zeit völlig irrational verhält. Da trifft es sich ja gut, dass wir demnächst über eine Brücke fahren – die Gelegenheit, ihn per dezentem Schubs in den Rücken aus dem Zug zu spedieren. Aber warum freut er sich jetzt plötzlich über die entsprechende Androhung?!?

Die heldenhafte Truppe ist nämlich in Wirklichkeit alles andere als geeint. Tatsächlich haben (fast) alle ausser dem Saboteur das Ziel, den Zug noch vor Paris zum Stehen zu bringen, aber darüber hinaus sind die Rollen mit Sekundärzielen ausgestattet – und die haben es in sich. So könnte mein linker Nachbar wirklich der Saboteur sein, oder vielleicht stattdessen nur ein gutmütiger Geschwindigkeitsfetischist, der nun ausgerechnet mit dem 19:05 einen neuen Rekord aufstellen will, indem der Zug auf einem der wenigen abschüssigen Geleiseabschnitte mal kurz auf die Tube drückt und Vollgas fährt? Die Nachbarin links? Vielleicht die Sängerin, die auf direktem Weg im Vorort von Paris auf die Bühne muss? Und mein Gegenüber? Böser Saboteur oder unterbezahlter Stuntman, der darauf hofft, dass man ihn bei der nächsten Brücke aus dem Zug wirft und er sich mit einem spektakulären Sprung aufmerksamkeitsheischend in die Tiefe stürzt? Ich selber bin Fotograf und hätte eigentlich erreichen sollen, dass der Zug die Strecke mit den meisten künstlerischen Motiven, also die lange Aussichtsroute entlang fährt. Aber auch, wenn ich das nicht schaffe, besteht noch Hoffnung, denn alternativ gewinnen viele Rollen auch durch den Besitz eines Passierscheins – vorausgesetzt der Zug erreicht Paris nicht…

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Hoppla – da hat jemand auf die Tube gedrückt! Der Zug rattert aktuell mit 180 Sachen (6 Feldern) Paris entgegen… Das Werk eines Saboteurs? Oder vielleicht nur des Speedsters?

Die diversen Rollen (und das Spiel enthält eine Menge davon) führen dazu, dass Stop the Train eines der wenigen Spiele dieser Art ist, das auch schon zu viert wunderbar funktioniert. Überhaupt bedient es sich hinsichtlich seiner Mechanik gleich bei zwei bei uns hoch angesehenen Titeln. Die sich mehr oder weniger stark überschneidenden Zielsetzungen erinnern an die Aufträge bei Nemesis, während die Kartenmechanik direkt von Secret Hitler übernommen wurde. Bin ich am Zug, zieht der Nachbar drei Karten vom „Geschwindigkeitsstapel“, gibt zwei davon an mich weiter, von denen ich eine auswählen und aktivieren muss. Und diese Karten beeinflussen in den meisten Fällen das Tempo des Zuges, der daraufhin mehr oder weniger zügig Paris entgegen rattert. Eine leichte Temposteigerung hier, eine Vollbremsung da… die Wahl der Karten lässt Rückschlüsse auf die Zielsetzungen der Personen zu, aber natürlich besteht kein Zwang, hinsichtlich der möglichen Auswahl die Wahrheit zu behaupten…

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Einmaleffekte dürfen säupferständlich auch nicht fehlen…

Man kann dem Spiel vorwerfen, ein Kickstarter-Projekt gewesen zu sein, mit einem typischen Problem, das damit oft einhergeht: Zu viel von allem. In diesem Fall betrifft dies vor allem einige der zahlreichen Rollen (insbesondere den Kickstarter-exklusiven Bürgermeister von Paris) und die eine oder andere einfach allzu starke Interventionskarte. Angesichts des Gesamtspielerlebnisses und der überschaubaren Spieldauer ist aber beides zu verzeihen und einfach zu lösen, indem man bei Bedarf die entsprechenden Elemente weg lässt oder leicht modifiziert.

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Ein Tunnel noch, dann sind wir in Paris. Nicht alle sind darüber gleichermassen glücklich.

Stop the Train kam bei uns noch in den Tagen vor dem erneuten Lockdown auffällig häufig auf den Tisch. Ich schwöre, dass das nicht ausschliesslich am vorgängigen Schienenaufbau oder den imposanten Holzloks liegt und freue mich schon jetzt aufs nächste Tuuuut Tuuuut!!

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Anmerkung 1: Im Spiel zu viert ist der Einfluss des Saboteurs recht gross, der Zug also, je nach sonstiger Rollenzusammensetzung, oft eher ziemlich schnell unterwegs. Der Autor empfiehlt in einer Regelvariante für diesen Fall, drei „Accelerate“-Karten aus dem Spiel zu nehmen, was das Spiel um eine Runde verkürzt und die Möglichkeiten zum Gas geben etwas einschränkt. Wir tun dies auch.

Anmerkung 2: Eine weitere Regelvariante mit dem zusätzlichen Güterzug, der unserem eigenen Gefährt im Nacken sitzt, ist nach den ersten Partien tatsächlich sehr reizvoll. Darüber hinaus ist das Spielsystem offen auch für hausgemachte Varianten (sogar für einen Hausregelmuffel wie ich es bin).

2 comments

  1. hey Muwinsler ihr fehlt mir. Diese Spielvorstellung reizt mich wirklich zu spielen. Das Spielen allgemein fehlt mir in dieser verrückten Zeit. Solo Spiele sind nicht wirklich erbaulich.

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