Switch & Signal – zurück in die Kindheit

Es gab mal eine Zeit, da stand bei praktisch jedem Buben eine Eisenbahn im Zimmer. Durchgescheuerte Hosen, der eigentümliche Geruch nach Dampföl… bei so manchem setzte sich die Faszination für die kleinen elektrifizierten Riesen übers Kinderzimmer hinaus fort – beispielsweise bis auf den Spieletisch. Dementsprechend herrscht auch heute, obwohl das Geschäft mit der Modelleisenbahn längst nicht mehr floriert, kein Mangel an Eisenbahnspielen. Braucht es dieses eine nun trotzdem noch? Oder sogar gerade dieses?

Ja, Aktienspekulationen und verwinkelte Schachzüge haben durchaus ihren Reiz – aber seien wir ehrlich: mit der ursprünglichen, manuellen Faszination haben sie nur wenig gemeinsam. Auch das Sammeln von Kartensets zwecks Streckenbau bedient andere Bedürfnisse. Die eigentliche Faszination lag nämlich vor allem darin, die Loks sicher in die (H0) Spur zu bringen, Weichen zu stellen, Wagonkombinationen anzuhängen – und sich dann am geschmeidigen Verhalten dieses Wunderwerks der Technik zu ergötzen. Oder es zu optimieren. Und offenbar ist David Thompson, der Autor von Switch & Signal (Kosmos) da gleicher Meinung.

Das Spiel nimmt uns sozusagen an der Hand, stösst die Tür zu unserem Kinderzimmer eine Handbreit auf, lässt uns das warme Leuchten aus echten Glühbirnen im Inneren geniessen, schubst uns mit einem leichten Stoss in den Rücken und flüstert uns ins Ohr: „trau dich…“

Denn tatsächlich lässt uns Switch & Signal mehr von diesen Kindheitserinnerungen erfahren, als dies jedes andere Eisenbahnspiel bisher getan hat. Dass wir dabei nicht versuchen, uns gegenseitig übers Ohr zu hauen, sondern uns in der Geborgenheit unserer Spielerunde gegenseitig unterstützen, nicht gegen einen bösen Feind, nicht um abstrakte Punkte zu ergattern, sondern um ein hehres Ziel zu erfüllen, bekräftigt das familiäre Setting. „Gemeinsam ans Ziel“, steht auf der Schachtel.

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Das wird eng – der braune Zug hat freie Fahrt nach Marseille, das zweite Signal für den Bummler steht noch auf rot. Hoffentlich behält er die Nerven…

Das hehre Ziel besteht darin, Waren aus verschiedenen Städten dort abzuliefern, wo sie hin gehören – auf der Europakarte ist das Marseille, während wir auf der USA-Karte sowohl die Ost- wie auch die Westküste bedienen sollen. Dazu stehen uns drei Zugkategorien zur Verfügung: graue Bummler sind leicht zu kontrollieren, aber kommen nicht so richtig in die Gänge, normale braune Züge sind da schon deutlich schneller unterwegs, doch erst ein schwarzer Express bringt so richtig Zug (!) in die Sache – verursacht aber auch mal ausgedehntere Haareraufattacken. Durch Ereigniskarten kommen die entsprechenden Loks nach und nach ins Spiel, unsere Einflussmöglichkeiten beschränken sich auf das Fahren, das Stellen von Weichen, das Aufladen von Waren und das Bedienen von Signalen. Merkt ihr etwas?

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Drei Kartentypen reichen: Weiche stellen, Signal bedienen, Zug fahren.

Ja, es ist lediglich ein kleines Holzklötzchen, aber dieses Holzklötzchen rattert jetzt auf unserem Zug quer durch Europa. Und irgendwann wird es in Marseille ankommen – vorausgesetzt, wir haben die Weichen korrekt gestellt, den Schnellzug umgeleitet, der uns beinahe frontal entgegengebrettert wäre, das Signal gerade noch rechtzeitig auf grün geschaltet, nachdem es eben noch dem Schnellzug aus Wien die Einfahrt nach Berlin ermöglicht hat – ein geschmeidiges Wunderwerk der Technik eben… wenn es denn funktioniert. Und sonst wird eben optimiert! Immer und immer wieder, denn Switch & Signal ist zwar ein regeltechnisches Leichtgewicht für die ganze Familie, weist aber einen durchaus knackigen Schwierigkeitsgrad auf, der ganz wunderbar motiviert.

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Ereigniskarten bringen neue Züge ins Spiel, und lassen sie fahren. Links zwei beliebige Farben, rechts alle braunen Züge.

Neben der Funktion, neue Loks auf die Karte zu bringen, führen die Ereigniskarten nämlich auch dazu, dass die Lokführer unabhängig von unseren Anweisungen immer mal wieder auf die Tube drücken. Und zwar dann nicht nur ein einzelner Zug, sondern gleich alle einer Farbe (oder auch mehrerer). Das ist durchaus befriedigend, weil wir dann schön manuell die kleinen Loks über die Schienen führen dürfen – hoffentlich ihrem Ziel entgegen. Aber planen wir nicht voraus, kann dies auch durchaus dazu führen, dass ein Express in Zürich nach München abbiegt, statt in Richtung Marseille zu fahren. Und dann haben wir den Salat, denn nicht nur die Anzahl grüner Signale, auch unsere Zeit ist durch die Anzahl der Ereigniskarten (ihre dritte Funktion) begrenzt! Verursachen wir zu viele Fehler, die dazu führen, dass Züge ihre ausgewürfelte Geschwindigkeit durch rote Signale oder falsch gestellte Weichen nicht ausfahren können, verlieren wir sogar Ereigniskarten, und dann wird’s richtig eng.

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Ups – mal eben dumm gelaufen! Der Zug aus Luxemburg ist schnell unterwegs – und biegt in Zürich nach München ab. Immerhin knallt er dort nicht auch noch in die geschlossene Weiche.

Sollte es nicht reichen, entgleist unser Zug nach ungefähr 45 Minuten. Wir stehen kurz auf, strecken die eingeschlafenen Beine und machen uns ans Optimieren. Ja, irgendwann müssen die Sachen wieder in ihre Schachtel und unters Bett. Aber jetzt noch nicht…

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Das meinen andere Eisenbahner:

Matthias: Switch & Signal kommt mit sehr wenig Regeln und einer erstaunlich überschaubaren Anzahl Aktionsmöglichkeiten aus. Liebhaber von Eisenbahnspielen und Familien werden sicher ihre Freude daran haben. Für erfahrene Spieler könnte die Fahrt etwas zu einf… „Huch! Jetzt fährt mir der Zug von Nürnberg tatsächlich noch vor dem Beladen in die falsche Richtung davon. Ausgerechnet auf unsere viel befahrene Nord-Süd-Strecke! Wer hat hier noch Weichenkarten?!“

One comment

  1. Ou tami! Bis jetzt fand ich das Spiel sehr gäbig. Denn es hat mich null gereizt bzw. in Versuchung geführt.
    Und jetzt kommt Ihr daher, macht es mir schmackhaft und gefährdet so einen fein abgestimmten Nicht-Kaufen-Pakt zwischen mir und meiner Brieftasche… So richtig glücklich macht mich das nicht…

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