Bus – Roll around the Clock

Selbst wir würden davor zurückschrecken, unserer Runde als Absacker mal eben kurz Indonesia, Food Chain Magnate oder gar ein Antiquity aufzutischen. Mit Bus erlebt nun aber einer der frühsten Splotter-Titel nach 20 Jahren ein Revival. Ein für das Autorenduo eher aussergewöhnlicher Titel, da er sich in gerade mal 45 Minuten durchzocken lässt – und uns dabei hoffentlich trotz seiner Kürze den Splotter-eigenen-Abgang für den Heimweg im Gaumen beschert?

bus schachtel
Die Jubiläumsedition – hübsch und vollgepackt!

Zunächst einmal: Abstruse Spielregelformate sind vor allem eines: abstrus! Wer auf die Idee mit dem Faltblatt kam, sollte zur Strafe ein ganzes Jahr Busse putzen. Oder Schneeketten montieren. Möglicherweise war es ja dieselbe Person, die dachte, es wäre pfiffig, den Hinweis zum Zusammensetzen der Uhrzeiger auf dem Spielbrett in denselben dreizeiligen Abschnitt zu packen, wie die initiale Aufstellung der Passagiere. Dabei können wir diesmal die Schuld am kurzen, aber dennoch leicht suboptimalen Regelwerk nicht einmal den Holländern in die Schuhe schieben, schliesslich hat sich mit Capstone Games ein Verlag um die Neuauflage gekümmert, von dem man eigentlich andere Kaliber gewohnt ist.

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Definitiv nicht von Splotter: Der Startspielermarker und Plastiktüten in Spielerfarben

Immerhin: Das neue Spielbrett ist zwar lange nicht so kultig wie das Original, aber doch deutlich hübscher, übersichtlicher und zweckmässiger und an den Holzteilen lässt sich – bis auf den beachtlichen Preis für das zwar proppenvolle aber doch recht kleinformatige Gesamtpaket – auch nicht wirklich etwas aussetzen. 

bus alt neu
Der Südwesten unserer Stadt in alt und neu.

Aber lassen wir dieses technokratische Gedöns und wenden uns Relevanterem zu. In Bus verkörpern wir Busunternehmer in einer (nicht nur) bezüglich ÖV massiv unterentwickelten Stadt. Greta sei Dank haben die Stadtväter und -mütter die Misere erkannt: In Kürze soll die arbeits- und ausgangswillige Bevölkerung auf den Individualverkehr verzichten.

Dazu handeln wir arbeiterplatzierenderweise die Geschicke unserer Unternehmen ab. Wir verlängern nach strikten, stadtplanerischen Vorgaben unsere Linien, vergrössern unseren Fahrzeugpark, bringen neue Passagiere an die Bahnhöfe, bauen (hier wird’s leicht unthematisch) neue Wohnhäuser, Büros oder Ausgangslokale, übernehmen (es bleibt unthematisch) den Startspielermarker oder – VROOOOM!!! (zurück zum Thema) – fahren unsere Kundschaft zu einer freien Destination. Sofern Kundschaft erreichbar ist. Oder eine freie Destinaton.

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Mögliche Aktionen in der Übersicht. Besonders auffällig: Der Zeitanzeiger aus der Hölle

Morgens gehts nämlich für alle ins Büro, danach in die Bar, und schliesslich wieder nach Hause. Der tägliche Trott wäre also vorprogrammiert und die Pendlerströme perfekt durchplanbar, wenn da nicht der Sprung im Raum-Zeit-Kontinuum wäre, der uns gehörig einen Strich durch die Rechnung machen kann. Möchte jemand springen, dann gelingt dies mittels noch nicht erwähnter Arbeitereinsetz-Option, mit der man kurzerhand die Zeit anhält. Dadurch schlafen unsere Kunden länger aus, hängen eine weitere Arbeitsschicht an oder versumpfen im Pub. Die Folgen dieser Ereignisse: Die meisten Bewohner verzichten pandemiemässig auf ihre Mobilität und bleiben an Ort und Stelle. Und da jede Lokalität lediglich durch eine Person besetzt sein kann, stehen für allfällige Neuankömmlinge an den Bahnhöfen auch kaum noch freie Destinationen bereit, bei denen man sie abliefern könnte.

Allerdings: Strapaziert man das Kontinuum zu häufig, macht’s… kein Geräusch (wegen Vakuum und so), und das Universum verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen, beziehungsweise die Partie endet sofort. Das wird nicht sehr häufig geschehen, denn jedes Herumwerkeln an der Zeitlinie wird mit einem saftigen Minuspunkt bestraft. Allerdings: Die Drohung alleine reicht völlig aus, um die Konkurrenz erzittern zu lassen.

Ansonsten geht eine Partie zu Ende, wenn alle Bauplätze besetzt sind, oder nur noch ein Unternehmen Arbeiter im Spiel hat. Dieser letzte Punkt ist denn auch eine weitere Besonderheit von Bus: Jede Firma beschäftigt 20 solcher Arbeiter. Die werden zwar traditionell reihum eingesetzt, aber weniger traditionell ist, dass uns freigestellt ist, wie viele wir davon in jeder Runde irgendwie beschäftigen. Ihnen gemeinsam ist allerdings, dass es sich um Einwegarbeiter handelt. Wer seine Leistung erbracht hat, ist weg. Und so bleiben uns die maximal 20 Aktionen, um am Ende mit den meisten Punkten, sprich den meisten transportierten Passagieren dazustehen.

Sozusagen als humoristische Einlage verläuft die Punkteleiste bis zum Wert 20. Tatsächlich ist das vermeintlich so sozial verträgliche ÖV-Business aber ein gnadenloses Hauen und Stechen um Passagiere und Destinationen. Wer in einer Partie um die 10 Transporte schafft, darf sich getrost auf die Schulter klopfen – sollte jemand mehr als 15 erreichen, hat die Konkurrenz gepennt. Vermeintlich harmlose Aktionen wie etwa die Eröffnung eines Pubs arten in Kleinkrieg aus, wenn man das neue Lokal an eine Kreuzung setzt, an der ein Konkurrent bereits ein Bürogebäude bedient. Das neue Pub bewirkt nämlich, dass ein dort beschäftigter Bürolist in Zukunft nach Feierabend nicht mehr per Bus durch die halbe Stadt zu einem entfernten Lokal gondelt, sondern lediglich kurz über die Strasse torkelt und dort feiert.

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Die begehrte Südecke des Central Parks. Dort stehen lediglich zwei Ausgangslokale, was dazu führt, dass sich Passagiere dort nicht länger niederlassen und die Strassenecke folglich stark frequentiert ist. Es sei denn, ein Tubel hält die Zeit an…

Wie eingangs erwähnt handelt es sich bei Bus, splotter-untypisch, nicht um eine Hauptmahlzeit, sondern um einen Zwischengang. Zumindest zeitlich. Die 45 Minuten haben es aber in sich, wobei neben den engen Platzverhältnissen in der Stadt insbesondere auch die begrenzten Arbeiter Druck auf die Spieler ausüben. Ob wir nun alle über fünf Runden jeweils vier Aktionen ausführen, ergibt die gleichen 20 Aktionen, wie es hier der Fall ist. Aber dennoch ist es etwas anderes, ob ich für den Zeitpunkt des Einsatzes meiner Angestellten selber verantwortlich bin, oder an der Hand genommen werde. Diese eine Aktion mehr oder weniger in der dritten Runde kann sich am Ende als durchaus spielentscheidend herausstellen.

Bus wird die eingangs erwähnten Schwergewichte in unserer Splottersammlung nicht ersetzen, aber hervorragend ergänzen. Dank seiner Spieldauer und dem übersichtlichen Regelwerk lässt es sich auch einigermassen spielerfahrenem (ganz ohne diese würden die diversen Hirnwindungen dann doch schlapp machen), bisher aber noch splotterfernem Publikum vorsetzen. Viele liebgewonnene, typische Zutaten aus den komplexeren Titeln findet man bereits in diesem „Oldie“, der sich in seinem neuen Gewand auch optisch äusserst attraktiv präsentiert…. bis auf…

bus scvhachtel rückseite

… Original Splotter: Die hübsch gestaltete Schachtelrückseite…

2 Kommentare

  1. Das Spiel ist schon dreimal von „unbedingt Kaufen“ auf „mal abwarten“ und wieder zurück gewandert. Jetzt gerade steigt wieder die Kauftendenz…

    Da man aber gerade gar nicht mit dem Bus fahren sollte hier ein paar Alternativen:

    http://play.boardgamecore.net/ (eher funktional, kleine Auswahl, aber euere Spiele sind dabei!)

    https://www.yucata.de/de (auch nicht hübsch, aber große Auswahl und keine Kosten/ Werbung. @ Ben: Revanche bei Polis? Zwei Jahre sind um)

    https://de.boardgamearena.com/ (schick und auch gute Spielauswahl. Nur momentan völlig überlaufen. Mit einem Premiumaccount (4€/Monat) auch abends spielbar. Sonst nicht.)

    bleibt gesund

    1. Wenn Du Splotter sonst magst, darfst Du ruhig zugreifen. Die konnten das offenbar auch schon rund 20 Jahre vor Food Chain Magnate…

      Danke für die LInks – und dann gibts momentan auch noch den Tabletop Simulator auf Steam recht günstig…

      Polis: Klar… ich habs allerdings mit dir zuletzt gespielt, also bitte keine hohen Erwartungen!

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