Herr der Träume – Stoffies auf der Jagd

Wurde aber auch langsam Zeit. Eva, die kleine Prinzessin, ist heute Abend mutig genug, in ihrem eigenen grossen Bett zu schlafen. Wenn Sie nur wüsste!! Auf diese Gelegenheit hat der Scherge Crepitus nur gewartet und schickt nun seine Schattengestalten auf die Jagd nach dem kleinen Mädchen. Wie üblich erscheinen diese Monster unter dem Bett (wer nicht aufgeräumt hat, muss halt leiden!) und krabbeln ins Zimmer. Zum Glück sind wir jedoch allzeit bereit! Wir? Ja, wir übernehmen die Rolle eines „Justice-Avengers-A-Teams“ in Form von Stofftieren und bekämpfen mit Hilfe von Büchsenöffner oder Gummibändern diese Bösewichte.

Herr der Träume oder im Original Stuffed Fables erschien im Jahr 2018. Die deutsche Ausgabe wird von Asmodée verkauft. Eine Partie dauert in der Regel mindestens 90 Minuten und kann mit Kindern ab 7 Jahren gezockt werden. Wir bestreiten kooperativ verschiedene Abenteuer im Zwischenreich der Träume und begleiten unsere geliebte Eva beim Älter werden. Herr der Träume ist gleichzeitig auch eine Geschichte und kommt zudem in Form eines Buches daher. Die jeweiligen Seiten stellen das Spielfeld dar und informieren uns über das Ziel und den Aufbau des entsprechenden Abenteuers. Die Stofftiere sind also im wesentlichen Dungeon Crawler!

Unsere wagemutigen Helden sind allzeit bereit.

Die niedlichen Spielfiguren werden durch den Einsatz von Würfeln orchestriert. Jede Farbe hat ihr eigenes Einsatzgebiet. Unsere Helden können sich bewegen, blutrünstige Monster bekämpfen, die Gegend erforschen, heikle Aufgaben bewältigen, Freunde gewinnen oder mit den Bewohnern der träumerischen Welt Handel betreiben. Die herzigen Stoffies irren natürlich nicht planlos in der Gegend herum. Nein, sie haben jeweils ein spezifisches Ziel zu erfüllen. Wie bei anderen Dungeon-Crawler-Spielen können wir uns gegenseitig unterstützen und z.B. nicht benötigte Würfel unseren Mitstreitern überreichen. Und natürlich können wir uns im Verlauf des Abenteuers ausrüsten, müssen Zwischenetappen erreichen oder missionsirrelevante Entscheidungen treffen. Und hier hat der Autor grosse Arbeit geleistet. Alles ist thematisch vorbildlich in die Geschichte eingebettet: Stompi, unser herzallerliebster Elefant, rüstet sich nicht mit einem magischen Schwert aus, sondern mit dem spitzen Brieföffner! Wir müssen keinen (Achtung Spoiler!!!) brennenden Altar einfangen und die Hexenmeister killen, wir müssen stattdessen (Achtung Spoiler!!!) mit einem Spielzeuganhänger einen Berg runter rasen, dem kaputten Spielzeug ausweichen und über ein Hindernis springen. Keine leichte Aufgabe! Mein Sohn musste an einer Stelle entscheiden, ob er den gemobbten Plüschtieren helfen soll… Knifflige Situation, da die Gefahr bestand, vom Pausenrüpel eins auf die Nase zu bekommen.

Das war ein Spass… Europapark ist ein Kindergeburtstag dagegen!

Nach unseren Aktionen bewegen sich die Monster und attackieren uns. Zum Glück verlieren wir keine Lebenspunkte, sondern Watte! Auch hier wieder top in das Thema eingebettet. Falls ein Plüschtier seine Innereien komplett verliert, ist die Partie nicht aus. Es kann zu jeder Zeit weitere Watte gewonnen werden.

Mein geliebter Stampfi!

Ach, ein kleines Detail habe ich noch vergessen: Jeder Stoffie hat eigene Fähigkeiten – sie sind stärker, mutiger, kräftiger, zielsicherer oder schneller als ihre Kumpanen.

Haben wir eine Mission geschafft, folgt gleich die nächste. Thematisch sind alle zusammenhängend, unser Hauptcharakter Eva entwickelt sich immer weiter, mit ihr auch die Abenteurer. Insgesamt können 7 verschiedene Unterfangen erlebt werden, alle dauern jeweils circa 2 Stunden.

Herr der Träume zu bewerten ist etwas vom Schwierigsten, was ich auf unserem Blog bisher gemacht habe. Ich stelle mich jedoch gerne dieser Herausforderung.

Die Ausstattung ist phänomenal. Die Miniaturen laden uns ein, sie zu bemalen und dadurch noch realistischer zu gestalten. Das Abenteuerbuch kann gleichzeitig als Landkarte eingesetzt werden, die Knöpfe sind herzallerliebst, die Bilder sind sehr schön gezeichnet. Ein grosses B-R-A-V-O an das gesamte Team, welches für die Gestaltung verantwortlich war.

Die Geschichte rund um Eva, ihre tapferen Stofftiere und die böse Schattenwelt wird spannend erzählt, weitergeführt und dargestellt. Zudem versuchen die Autoren pädagogisch wertvolle Punkte in das Geschehen einfliessen zu lassen. Kinder können sich auch mit dem Mädchen identifizieren, da sie Etappen des Heranwachsens durchlebt, wie das Trockenwerden in der Nacht. Hervorzuheben ist weiter, dass Mädchen wie Jungs genügend Figuren finden, mit welchen sie die Abenteuer bestreiten können. Beispielsweise kann Hopps getrost in die Top 3 Frauen aufgenommen werden. Die zielsichere Häsin hat uns schon mehrmals das Leben gerettet.

Eine Dreirad-fahrende Killermaschine…

Die Abenteuer, die Geschichten sind also in erster Linie für Kinder gedacht. Auch der Schwierigkeitsgrad ist eher niedrig, nicht zu vergleichen mit demjenigen von Gloomhaven oder Swords & Sorcery. Ergo, bei Herr der Träume handelt es sich um ein Kinderspiel.

Hmmmmm…. So einfach ist die Kategorisierung des Spiels nicht. Um durch die Abenteuer zu führen, benötigt die Runde einen erfahrenen Vorleser, einen regelkundigen Guide. Die Vielzahl der möglichen Aktionen, die Abfolge der Kämpfe, die Details jedes Abenteuers, gar von jedem Zwischenziel führen alle dazu, dass mehrere Male pro Partie im Regelheft nachgelesen werden muss. Das darf ich von einem Kenner erwarten, für allein spielende 7-jährige Kinder, Amateur-Brettspieler oder für übermüdete Eltern wird dies jedoch schwierig, wenn nicht gar unmöglich (oder ist nicht erwünscht).

Ich habe zwei Nächte nicht mehr geschlafen!

Das Nachlesen, wie auch die sehr unterschiedliche Dauer jedes Zuges führen zudem dazu, dass ich mich (also der Abenteuerguide) mit ungeduldigen Kindern auseinandersetzen muss. Fügt der Stressteufel noch den Fakt dazu, dass eine Partie gut und gerne 2 Stunden dauern kann, ohne zeitlich aufwendigen Aufbau, werden die Stofftiere und deren Besitzer schnell übermüdet und verlassen gar den Tisch. Ich als Leiter muss also die Geschichte lesen, die Regeln intus haben, Kämpfe korrekt durchführen, meine Mitspieler bei Laune halten, deren Züge überwachen, die Abenteurer füttern und zur Tränke führen, bei Verlassen des Tisches wieder zurückholen, etc. Nach einer Partie bin ich fix und foxi!!! Grundsätzlich würde ich einen Wellness-Aufenthalt benötigen, muss aber noch die Kleine, welche die ganze Zeit über auf meinem Arm war und die Bösewichte mampfen wollte, wickeln… Ihr seht auf was ich aus will. Wir haben nun angefangen, ein Abenteuer zu zerstückeln und während mehreren Abenden zu zocken. Das stört den Spielfluss, lässt aber dem Elternteil noch seine Haarreste übrig.

Alleine können jüngere Kinder Herr der Träume nicht zocken, ältere Kinder oder Jugendliche finden die Story zu öde (lieber Monster killen!!), für „Anfänger“-Familien ist das Spiel zu aufwendig. Welche Zielgruppe bleibt dann wohl übrig? Richtig, die Kenner-Brettspielfamilie. Aber auch hier müssen die richtigen Zutaten vorhanden sein: Geduldige Kinder, ausdauernde Eltern, grosser Tisch, genügend Zeit und Interesse an Stofftieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Herr der Träume im Grunde ein richtig tolles Spiel ist! Leider gibt es gar sehr viele Einschränkungen in seinem Einsatz. Zudem graut es mir bereits heute vor einer nächsten Partie. Nicht weil es langweilig werden wird, sondern weil mir meine Gesundheit trotz allem auch wichtig ist… Daher muss jeder Elternteil selber abwägen, ob ihm seine Haarpracht in Zukunft wichtig ist. Bei einem Kauf erhält die abenteuerlustige Familie tolle Geschichten, viele gemeinsame spannende Stunden und je nach Situation eine gehörige Ladung an Stress.

 

Das meinen andere Wattehelden

Matthias: Ich muss Yves in den meisten erwähnten Kritikpunkten Recht geben. Die Spiellänge ist für ein Familienspiel zu lang und die Regeln zu komplex. Bei so viel Text müssen die Nachwuchsmonsterjäger zudem über gute Lesekompetenz verfügen, oder der Erwachsene am Tisch wird sehr viel Arbeit verrichten. Und anstrengend ist die Leitung einer Partie tatsächlich. Auch die Story weiss nicht recht, auf welches Alter der Abenteurer sie abzielt: Da ist einerseits das ganze Kleinkinderthema mit eingepinkelten Betten und dem gegenüber stehen verrückte Bösewichte aus einer Parallelwelt, welche Monster unter den Betten hervorbeschwören… Was meinen meine Kinder dazu?

Die Fünfjährige: Findet die Story absolut spannend und liebt das Würfeln. Sie kann aber die Entscheidungen im Spiel nicht wirklich selber fällen. Papa gibt zwei bis drei Vorschläge, und sie wählt aus. Spezialeffekte von Karten und Helden sind eine totale Überforderung. Trotzdem blieb sie in allen Partien bis zu Schluss am Tisch. Sie identifiziert sich sehr stark mit ihrem Stoffhelden und erzählt gerne auch anderen von ihren Heldentaten.

Die Siebenjährige: Mag keine langen Spiele und hat nicht alle Partien mitgespielt. Sie blieb aber immer in Hörreichweite und hat die Geschichte mitverfolgt. Die scheint sie jedenfalls zu mögen.

Die Neunjährige: Hat die Regeln und Aktionsmöglichkeiten verstanden und fällt selbständig taktische Entscheidungen im Spiel. Die Geschichte mag sie auch, am liebsten sind ihr die kleinen Begegnungskarten in welchen eine Wahl getroffen werden kann. Sie schein mir von Alter und Interesse her am besten zur Zielgruppe des Spiels zu passen. Sie hätte lieber mehr „Spiel“ und weniger Geschichte.

6 Kommentare

  1. Danke Yves für deine Rezension. Als ich 90min gelesen habe, dachte ich sofort für ein Familien/Kinderspiel viel zu lang. Eindrücklich habt ihr beschrieben wie es sich anfühlt als Spielleiter zu fungieren. Es zeigt sofort auf, dass die Geduld und Ausdauer der Kinder arg strapaziert wird – dadurch auch die armen Nerven des Vielspielers. Da fragt man sich: “ Warum haben die Spielentwickler nicht kleine Spielpausen integriert oder besser gesagt die Geschichte mit „Tageszielen“ unterteilt.
    Bis bald
    Corinne

    1. Tagesziele gibt es. Du kannst nach jedem Kapitel unterbrechen und an einem anderen Abend weiterzocken. Leider musst du dann aber jedesmal das Spiel neu aufbauen.

  2. Geduldige Kinder: „Mir ist langweilig….“

    Ausdauernde Eltern: „Ich sags jetzt zum letzten MAL…“

    Genügend Zeit: „Wir müssen jetzt los…“

    Aber mit einem grossen Tisch und 37 Stofftieren haben wir immerhin zwei deiner fünf Vorraussetzungen erfüllt. Ich denke dass sind die beiden wichtigsten und mit meiner Haarpracht ist es eh vorbei. Von daher habe ich uns heute das Spiel besorgt.
    Regeln lasen sich recht eingängig. Scheinbar sehr würfellastig. Design und Spielmaterial sehen sehr gut aus.

    Bin gespannt auf unsere erste Partie von Gloomhaven für Kinder. Werde berichten.

  3. So, erste Geschichte erfolgreich abgeschlossen – (Achtung Spoiler!) – die Kuscheldecke ist wieder da.
    Zuerst die gute Nachricht: Die Kinder wollten direkt die nächste Geschichte spielen.
    Und dass, obwohl wir (mit Pausen) fast drei Stunden am Tisch saßen. Gerade der Einstieg war etwas holprig. Doch viele Regeln und (für die Kinder) sehr ungewohnte Mechaniken und Abläufe. Aber das Spielmaterial und die vielen bunten Würfel sowie die recht schnellen Erfolge haben über den schwierigen Start hinweggeholfen.
    Die Story ist allerdings ziemlich untergegangen. Zwischen Regelfragen, ungeduldigem Gewürfel und dem Mikromanagement von Watte, Herzen und Sonderfähigkeiten durch Gegenständen waren alle froh, wenn die Bösen vertrieben und die Karte erkundet war. Warum, war zweitrangig.
    Ich hatte mir die Regeln schon gut angeguckt aber im Spiel tauchen ja immer Situationen auf, wo man nicht so genau weiß was zu tun ist. Das nervt schon Erwachsene, bei Kindern kippt dann aber die Stimmung. Eine gewisse Regeltoleranz ist hier auf jeden Fall hilfreich.
    Einige Würfel sind dann nicht so wie erwartet gefallen. Großes Drama, starke Emotionen. Aber das Spiel war dann doch so interessant, dass es nach kurzer Zeit weiterging.
    Ich hatte befürchtet, dass es teilweise zu gruselig (die Krabbler sehen schon fies aus) wird. Das war aber unbegründet.
    Danke für die Empfehlung Yves, bin auf die nächste Partie gespannt.

    1. Dann deckt sich deine Erfahrung mit meiner. Ich bin froh, dass die Kuscheldecke wieder zurück ist. Ich habe gestern versucht, der Herr der Träume wieder auf den Tisch zu kriegen. Mit in der Auswahl waren noch Adventure Island und Space Escape. Entschieden haben sie sich für die Nacktmule…

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