Brettspiel-Midlife-Crisis? Ein optimistisches Geständnis

HeroQuest und Risiko. In meiner Teenagerzeit verbrachten ich und meine Freunde unzählige Stunden, Abende, ja, praktisch ganze Tage mit diesen beiden Spielen: Einerseits waren es endlose Kämpfe um die bunten Erdteile, die sich oft über Wochen hinzogen (zum „Speichern“ zwischen den Fortsetzungen wurde das mit Plastikeinheiten übersäte Spielbrett jeweils vorsichtig unter das Bett geschoben). Andererseits stiegen Barbar, Zwerg, Alb und Zauberer in so viele vorgegebene und selbst gebastelte Dungeons hinab, dass die Kampfwürfel nun total abgewetzt sind. Viele von euch dürften ähnliche Erinnerungen haben, wenn auch vielleicht mit anderen Titeln und/oder Video- statt Brettspielen. Aber wie sieht’s bei euch heute aus? Wie oft spielt ihr während abendfüllender Stunden am Stück an einer Partie? Wie oft verbringt ihr noch (Halb)Tage oder gar Wochen mit einem einzigen Spiel? Eben. 

Wheroquest
Spuren unzähliger Angriffs- und Verteidigungswürfe…

Kürzlich beklagte sich Etienne im MUWINS-Gruppenchat darüber, dass er das Zusammenstellen der Kartendecks für eine Partie Eldritch Horror mittlerweile als ziemlich mühsam und zeitraubend empfinde. Ich erwiderte darauf salopp, er sei halt jetzt – als Mittdreissiger und junger Familienvater – in jenem Zwischenalter, in welchem man schnell erklärte und aufgebaute Brettspiele bevorzuge, die sich zügig und in einem überschaubaren Zeitrahmen spielen lassen: 60- bis maximal 90-minütige Titel, zugänglich für Gelegenheits- aber auch spannend für Vielspieler. Nun ist das ja eine Brettspielkategorie, die sich in den letzten Jahren stetig wachsender Beliebtheit erfreut und als solche gewiss auch nicht verwerflich, wird damit doch ein grosses Publikum angesprochen. Aber handelt es sich dabei nun einfach um einen vorübergehenden Trend? Ist es der neue Standard – gekommen, um zu bleiben? Oder können wir tatsächlich in so etwas wie eine Brettspiel-Midlife-Crisis geraten, Trend hin oder her?

Meine an Etienne gerichtete Bemerkung liess mich nämlich innehalten und einen Blick auf mein eigenes Spieljahr 2018 werfen: Unter den meistgespielten Titeln überwiegen ganz klar solche, die in obgenannte Kategorie fallen. Ja, das zweite Halbjahr von Pandemic Legacy 2, einige Gloomhaven-Partien und Pen-&-Paper-Rollenspielsitzungen sind da auch zu finden. Jedoch bilden diese eindeutig eine Minderheit. Und das letzte Mal, dass ich mein geliebtes und einst fast schon obsessiv gespieltes Arkham Horror auf den Tisch brachte, ist mittlerweile gar über zwei Jahre her. Oh – doch, ich verbrachte letzten Sommer mehrere Stunden damit: Diese gingen aber ironischerweise für das Basteln von Inlays drauf. Das verschaffte mir zwar wieder etwas Platz im Spieleregal und weckte durchaus Lust auf eine Partie, die Zeit dafür nahm ich mir aber letzten Endes trotzdem nicht.

AH_inlay
Geordneter Horror wirkt doch gleich viel weniger angsteinflössend. Nein?

Bemühen wir uns um etwas Ursachenforschung, werden wir schnell fündig. Als Schüler bzw. Student hatte ich bestimmt mehr Freizeit und ein weniger gedrängtes Pflichtprogramm als heute. Nebst Berufstätigkeit und anderen Erwachsenenaufgaben kommen dann oft noch Aspekte wie Interessenverschiebung bzw. -diversifizierung, Beziehung und Familie hinzu. Hat man nun einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und nach erfüllten „Hausaufgaben“ noch etwas Zeit zum Spielen, greift man in der Regel wohl nicht zu einem drei- bis vierstündigen COIN-Titel, sondern schaltet mit einem süffigen Ethnos oder Warhammer Underworlds: Nightvault ab. Die gleichen Umstände gelten natürlich auch für die potentiellen Mitspieler, die es ja auch braucht. Eine Ausrede findet sich also immer, aber ist es wirklich nur das? Fehlt mir einfach generell die Zeit, bin ich zu oft zu erschöpft, schlicht zu faul oder sind mir solche Spiele gar verleidet?

Ersteres möchte ich verneinen, schliesslich finde ich auch genügend Zeit für andere Aktivitäten. Weiter ist meine Arbeit zwar durchaus geistig fordernd, deswegen ist mein Gehirn aber noch lange nicht jeden Abend Matsch. Und ja, ab und zu bin ich gerne mal faul, doch ist dies ebensowenig ein permanenter Zustand. Bleibt noch der letzte Punkt – ist mir echt die Lust auf spielerische Schwergewichte und Kampagnen vergangen? Mir, dem erklärten Fan von thematisch dichten, vereinnahmenden und narrativ geprägten Brettspielen? Auch da möchte ich mit Nein antworten. Man würde doch meinen, dass, wenn schon nicht die alten Brocken, so doch zumindest die gehaltvolleren (bezüglich Regeln und/oder Spieldauer) Kickstarter-Neuankömmlinge einen gewissen Enthusiasmus bei mir auslösen. „Cult of the new“ und so. Die Beweislage ist jedoch ziemlich er- und bedrückend.

Titel / so lange in meinem Besitz / so oft auf dem Tisch gelandet:

  • Gloom of Kilforth / 18 Monate / nie (noch nicht mal die Tokens ausgepöppelt)
  • This War of Mine / 17 Monate / 1 mal (zur Materialsichtung, anschliessend eine Proberunde gespielt)
  • The 7th Continent / 15 Monate / 2 mal (mit einjährigem Intervall)
  • Hannibal & Hamilcar / 10 Monate / nie (Karten noch eingeschweisst; nicht ausgepöppelt)
  • Tsukuyumi: Full Moon Down / 5 Monate / nie (nicht ausgepöppelt; Regeln nur überflogen)
ks_stapel
Diese und weitere Kollegen kämen gern öfter bzw. überhaupt mal raus zum Spielen.

Dies ist nur eine stellvertretende Auswahl – die mich übrigens auch nicht davon abzuhalten scheint, weiterhin Spiele-Crowdfundings für solch zeitintensive Titel zu unterstützen. Jüngste Beispiele dafür wären etwa Assassin’s Creed: Brotherhood of Venice und Tainted Grail. Auf all die aufgelisteten Titel hatte ich mich eigentlich gefreut. Und würde mich nun jemand fragen, ob ich einen davon gerne spielen würde, meine Antwort wäre: Ja! Ich möchte sie alle (nochmal) spielen. Ausgiebig sogar. Und so verhält es sich auch mit Allzeitfavoriten wie Arkham Horror oder Combat Commander.

Dass die ganze Schar aktuell ein Schattendasein fristet, liegt also nicht daran, dass ich prinzipiell keinen Bock auf sie hätte. Es sind vielmehr zwei andere Hauptverdächtige, die ich diesbezüglich anklage: komplexe Regelwerke und die Aussicht auf kontinuierliche Partien – und zwar in Kombination miteinander.

Schauen wir uns dafür doch Tsukuyumi an. Für diesen Titel vom Kaliber „Expertenspiel“ gibt es zwei Regelhefte mit insgesamt rund 40 relevanten Seiten. Sie erklären die Funktionsweise von fünf Fraktionen, die sich ganz unterschiedlich spielen und für ihre (ebenfalls unterschiedlichen) Einheiten und Fähigkeiten jeweils eigene Regeln zu berücksichtigen haben. Die Spieldauer dürfte, zumindest bei Vollbesetzung, wohl nicht weniger als drei Stunden betragen, plus die erforderliche Erklärzeit für die Erstpartie. Klar, spätere Partien würden sich zackiger spielen, aber käme es auch wirklich zu mehreren davon? Die Präsenzzeit am MUWINS-Tisch ist heiss begehrt: Selten mal hält sich ein Spiel länger als einen Monat in der Rotation. Und da jeder von uns regelmässig seine Sammlung erweitert, bin ich natürlich längst nicht der einzige, der was Neues auf den Tisch bringen möchte.

tsukuyumi_regeln
Regeln für die Menschen, Regeln für die Roboter… und für jedes Schwein!

Will ich also mehrere Stunden dafür aufbringen, mir das Regelwerk eines Spiels zu verinnerlichen, welches wir lediglich zwei oder drei mal spielen (Rezensionskandidaten ausgenommen)? Und dann vielleicht erst ein Jahr später wieder hervorkramen, was aufgrund der Komplexität eine erneute Aneignung der Regeln voraussetzen würde? In der Theorie ja, weil das Spiel sowie dessen Prämisse und Aufmachung mich wirklich ansprechen. In der Praxis war es jedoch bisher ein Nein, weil sich Aufwand und Ertrag ungünstig gegenüberzustehen scheinen.

Dafür kann ich weder einen Trend verantwortlich machen, noch trifft meine Mitmuwinser eine Schuld, denn sie würden erklärterweise alle mal mitspielen. Mal. Vielleicht ein paar, vielleicht auch nur ein einziges. Und auch diese Unwägbarkeit kann und will ich ihnen nicht anlasten. Genausowenig befinde ich mich allerdings in einer „mir-fehlt-halt-die-Zeit-für-sowas-Ausuferndes“-Brettspiel-Midlife-Crisis (fragt mich aber nicht, wie es diesbezüglich um Etienne steht). Ich könnte mir die Zeit durchaus nehmen – wenn ich nur wollte.

hannibal_minis
Auch sie wollen eigentlich nur spielen. Aber bitte regelkonform!

Letztlich ist es also mein innerer Schweinehund, meine Scheu davor, ein Spiel könnte sich im Bezug auf den erforderlichen Zeitaufwand nicht „lohnen“. Aber selbst wenn wir Tsukuyumi (oder einen der anderen Titel) nur einmal spielen würden, wäre das wirklich schlecht investierte oder gar verschwendete Zeit? Ich hätte sie schliesslich mit Beschäftigungen verbracht, die ich spannend finde und die mir Freude bereiten: mich in die Funktionsweise eines Spiels zu vertiefen und zu erleben, wie dieses später am Tisch zum Leben erwacht. Gemeinsam mit meiner Lieblingsbrettspielrunde, meinen Blogkollegen hier. Mit denen ich dann über Sinn und Unsinn, Funktionalität und, ähm, Unfunktionalität von Regeln, Mechanismen und Strategien diskutieren kann. Ich finde, das klingt nach einer prima Sache!

Somit hätte ich nun auch meinen Brettspielvorsatz fürs neue Jahr: Weniger „aber was, wenn…“-Negativität und mehr „die Gelegenheit ist da, packen wir’s an“-Mentalität. Werde ich also den ganzen Stapel innert Jahresfrist gründlich durchspielen? Vielleicht nicht. Aber zumindest werde ich nicht mehr weiter so um ihn rumschleichen. Und wisst ihr was? Streicht das Wort „Brettspiel“ aus dem ersten Satz: Das soll auch ausserhalb unseres spannenden Hobbys mein Vorsatz sein. Euch allen wünsche ich ein frohes neues Jahr – wir sehen uns am Spieltisch (wenn ihr euch traut)!

gloom_regeln
Na, dann woll’n wir mal…

7 Kommentare

  1. Ich will nur kurz klarstellen: Der Stapel für Unterstützungen mit all den Erweiterungen von Eldritch Horror misst ca. 30 cm, ohne allzu grosse Übertreibung. Nun gibt es zwei Möglichkeiten eine solche Karte zu bekommen: A) nehme die bestimmte Karte xy! (viel Glück beim Durchsuchen). Oder B) nehme eine zufällige Karte mit Eigenschaft xy! Das heisst, ich kann die Karten auch nicht sortieren, da sonst der Zufall relativ berechenbar ist. Also ziemlicher Horror, objektiv gesehen wie ich finde.

    Ich habe mich nur über diesen klitzekleinen Negativpunkt, der bei der Verwendung aller Erweiterungen eintrifft beklagt. Der Rest ist reine Autobiografie von Peter.

  2. Ebenfalls Fohes Neues! Hoffe ihr hattet einen guten Start und eine schöne Weihnachtszeit.

    Als erstes: Du bist nicht alleine! Es gibt viele Menschen mit dem gleichen Problem. Vielleicht sollten wir eine Selbsthilfegruppe aufmachen?

    Aber das Problem bist nicht du sondern die Vielfalt. Wie du ja selber schreibst gab es nur Hero Quest und Risiko. Vielleicht noch „das schwarze Auge“ oder ein zwei andere Spiele. Wir hatten ja nichts, damals. Und konnten uns voll auf das Wenige konzentrieren.

    Heute kommen jedes Jahr 2000 neue Spiele raus und täglich grüßt der Kickstarter.

    Die verwirrt vor dem Joghurt-Regal im Supermarkt umherirrenden Menschen beweisen regelmäßig, dass ein Überangebot die Menschen überfordert. Die Lösung ist ein selbstauferlegtes Neukaufzölibat. Auch wenn das Neue, das Unbekannte immer reizt, muss man der Versuchung wiederstehen. Sonst entsteht Spielestau und Frust.

    So und jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Schneeschippen…

  3. „Ein selbstauferlegtes Neukaufzölibat“ – das wäre gewiss ein valabler, wenn auch zugleich recht drastischer, Lösungsansatz. Ich fürchte, das würde ich über längere Zeit (also ein Jahr) nicht schaffen. Und so auch nicht wollen. Aber ja, zumindest erst mal spielen, was man bereits hat, bevor man der nächsten Neuheit hinterherrennt – das wär‘ doch schon mal was.

  4. Naja, wie bei allen guten Vorsätzen gibt es ja berechtigte Ausnahmen, Sonderregelungen und Auszeiten. Ich habe aber meine Neuzugangsquote deutlich nach unten geschraubt. Ich gucke schon genauer hin (oder informiere mich bei den Muwins), ob mir das Spiel etwas neues bietet, oder ob ich von dem Mechanismus schon drei im Schrank stehen habe. Derzeit kaufe ich eher weniger, dafür aber deutlich teurere Spiele als sonst. Also sparen tue ich nicht wirklich.

    Ich gucke auch eher, ob für jede Spielegelegenheit etwas im Schrank steht. Was für die Kinder, was für Gelegenheitsspieler, was für meine Strategen, was kurzes, was langes, für 2, 4, 5, 6, 8 Leute, kooperativ, kompetativ, hohe Interaktion, lustig, thematisch….
    Echte Innovationen sind eher selten. Das habt ihr ja auch als Fazit zur Messe Essen 2018 geschrieben.

    Aber es liegt auch noch einiges im Schrank, das ich 2019 auf den Tisch bringen muss:

    Scythe: Aufstieg der Fenris
    Neanderthal
    Nemesis

    Und Pandemie 2 möchte noch zu Ende gespielt werden und von Gloomhaven haben wir auch erst 1/4 durch…

    Ich glaube weniger Arbeiten wäre eine Lösung. Obwohl ich hab schon nur eine halbe Stelle…

  5. @Peter: Ha! Wir müssen einfach unsere Brettspielrunde wieder reaktivieren, dann MUSST du solche Schinken einfach mit mir spielen. Sofern ich bis dahin nicht auch in der Brettspiel-Midlifecrisis angekommen bin. 😛

Kommentar verfassen