Warhammer Underworlds – der Kampf um Ehre, Farbe und Karten

Als Gesellschaftsspieler muss ich mich zu einer recht „nerdigen“ Untergruppe der menschlichen Spezies zählen. Aussenstehende denken ja immer noch, dass ich regelmässig abends Mensch ärgere dich nicht und Monopoly spiele. Wer unseren Blog und nun auch diese Zeilen liest, interessiert sich offensichtlich auch für Gesellschaftsspiele und gehört ziemlich sicher mit in den Club der Spielefanatiker. Aber: Leute, die ein Wochenende lang bemalte Miniaturenarmeen aufeinander losgehen lassen, mit Würfeln und Massstäben hantieren oder Schlachtfelder modellieren, waren von meiner Warte aus betrachtet noch ein gutes Stück verrückter als ich. „Warhammer“ stand für diese Art von Spiel. Wenn ich Warhammer höre, sehe ich vor meinem geistigen Auge folgendes:

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Junggesellenbude, überstellte Tische und tonnenweise Minis. (CC Eric Savage)

Warhammer Underworlds richtet sich vor allem an Spieler, welche eben nicht riesige Plastikarmeen im Wohnzimmer aufmarschieren lassen wollen, keine Lust auf stundenlange Würfelorgien haben, aber auf einfachere Art und Weise ähnliche Spannung erleben möchten. Worum geht es?

Thematisch befinden wir uns in untergegangenen Städten (in der Unterwelt), in welchen verschiedene Kriegerscharen gefangen sind, die wiederum darum kämpfen, diese verfluchten Orte zu verlassen. Ehrlich gesagt habe ich den ganzen „geschichtlichen Hintergrund“ nur überflogen (psst… das Warhammer Universum interessiert mich immer noch nicht sonderlich). Das macht aber überhaupt nichts, das Spiel funktioniert auch ohne thematischen Unterbau: Zwei Spieler versuchen, mit ihren Kriegerscharen möglichst viele (Ruhmes)Punkte zu sammeln. Punkte gibt es, wenn man gegnerische Krieger ins Gras in den steinigen Boden beissen lässt oder – und das ist wichtiger als blindes Draufloshauen – wenn man seine Missionsziele erfüllen kann. Nach etwa 30 Minuten ist das Scharmützel zu Ende und wer mehr Ruhm gesammelt hat, gewinnt.

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Missionskarten werden unterschiedlich gewertet; schwieriger zu erreichende werfen mehr Punkte ab.

Nach dem Aufbau des Spielfeldes, währenddessen schon einige taktische Entscheidungen fallen, führen die Spieler abwechselnd drei Runden à vier Aktionen aus, unterbrochen von 2 Phasen, in welchen vor allem Karten gespielt und nachgezogen werden. Im Anschluss folgt die Endabrechnung und dann ist Schluss. Bei nur einem Dutzend Aktionen wird klar, dass vom Spieler Effizienz erwartet wird. Unnötige Züge werden mit einer Niederlage bestraft.

Warhammer Underworlds verbindet zwei Spielsysteme. Zum einen ist es ein taktisches Miniaturenspiel. Die Figuren werden auf Hexfeldern platziert und bewegt.  Es muss auf Reichweite, blockierte oder gefährliche Felder, angrenzende Feinde und Freunde und noch mehr geachtet werden. Eine gute Positionierung der eigenen Figuren ist extrem wichtig. Es nützt nichts, wenn unser Zwergenhäuptling – ein wahrer Panzer – weitab vom Schlachtengetümmel am Däumchendrehen ist oder unsere fragilen Fernkämpfer mitten in einer Horde wütender Orks stehen.

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Kein Abmessen nötig: Alle Bewegungen und Distanzen werden über Hexfelder abgezählt.

Zum anderen ist Warhammer Underworlds ein Kartenspiel. Die Missionskarten geben die Strategie vor und die Kraftkarten erlauben uns, ungewöhnliche Manöver durchzuführen, Lady Fortuna etwas nachzuhelfen (falls sich die Kampfwürfel einmal nicht an die Wahrscheinlichkeiten halten sollten), unsere Kämpfer zu verbessern oder die Pläne des Gegners zu vereiteln. Das Zusammenstellen dieser Kartendecks ist ein zentrales (aber nicht notwendiges – siehe unten) Element.

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Die Handlungskarten erlauben den Spielern das Geschehen auf dem Spielplan massgeblich zu beeinflussen.

Die Mischung ergibt ein kurzweiliges (habe ich schon erwähnt, dass eine Partie ungefähr 30 Minuten dauert?), spannendes (die Würfel führen genretypisch zu fröhlichen oder wütenden Lautäusserungen am Tisch), taktisches (wo positioniere ich meinen Kriegshund am besten?) und strategisches (wieso stellt mein Gegner seine Skelettarmee so weit hinten auf?) Spiel. Der Einstieg fällt dank klarer Regeln nicht schwer, erst beim intensiven Gebrauch einiger Karten tauchen Fragen auf, die aber in den ausführlichen FAQs (online in mehreren Sprachen vorhanden) beantwortet werden. Ausserdem lässt sich der Spass auf unterschiedlichen Intensitätsniveaus geniessen:

Level 1 – Die Gelegenheitsspieler

Du kaufst dir ein Grundset. Beim Erscheinen des Spiels im Jahr 2017 war dies Warhammer Underworlds: Shadespire, aktuell wird Warhammer Underworlds: Nightvault verkauft, welches zusätzlich ein Magiesystem einführt (beide Versionen sind kompatibel). Für 50-60 Franken (je nachdem, wo man das Ding kauft) erhält man zwei Kriegerscharen, alles zum Spielen benötigte Material und genügend Karten. Im Set enthalten sind vorgefertigte Decks um direkt loszuspielen. Beide Parteien erhalten ihr Material (es ist genug für 2 Spieler enthalten) und nach 10 Minuten Regelerklärungen geht es los. Wer ein Zweipersonenspiel sucht, welches in unregelmässigen Abständen auf den Tisch kommen soll, und dem kriegerischen Szenario nicht abgeneigt ist, bekommt ein interessantes Spiel für sein Geld und einige Stunden Spielspass. Wer weiss, vielleicht beginnt man später die vorgefertigten Decks mit den zusätzlichen Karten abzuändern. Sobald das passiert ist man aber auf dem Weg ins…

Level 2 – Die Deckbauer

Du möchtest mehr als nur 2 Kriegerscharen zur Auswahl? Kein Problem.

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Mittlerweile sind über ein Dutzend davon erhältlich. Die Fraktionen spielen sich sehr unterschiedlich und eine Erweiterung kostet um die 30 Fr., was ein fairer Preis für die Menge an Material ist. Ausserdem: In jeder Packung findet man einige neutrale Karten, welche für alle Kriegerscharen benutzt werden können. Welche Karten in welchem Set sind, ist auf der Interneseite des Verlags zu sehen. Wir sprechen hier also von einem „Living Card Game“ (LCG): Blindkäufe sind ausgeschlossen. Mit jeder Anschaffung hat man mehr Möglichkeiten beim Zusammenstellen seines Missions- und Kraftkartendecks. Die Auswirkungen, welche ein anderes Deck mit der gleichen Kriegerschar auf das Spiel hat, sind extrem. Spätestens jetzt werden die vielen taktischen und strategischen Möglichkeiten ersichtlich. Ein Deck zusammenzustellen und dann zu sehen, wie es „in der Praxis“ funktioniert (oder eben nicht), macht wirklich sehr viel Spass.

Allerdings tauchen spätestens von diesem Punkt an einige LCG-typische Probleme auf. Da in den Erweiterungen die Karten nur je einmal vorhanden sind, kann nur eine Person die neuen Optionen ins Deck einbauen, es sei denn, mein Gegenüber kauft sich selber auch Erweiterungen. Aber es wird noch Schlimmer: Jede Erweiterung beinhaltet 3-4 wirklich gute, neutrale Karten. Wer mehr Erweiterungen besitzt, ist klar im Vorteil, weil er stärkere Decks zusammenstellen kann. So kann z.B. eine defensive Strategie immer gezielter verfolgt und ausgeführt werden. Wirklich fair ist der Kampf nur, wenn beide Rivalen ähnlich viele Erweiterungen besitzen. Wer alle neutralen Karten zur Auswahl haben und im Spiel einsetzten möchte, muss ungefähr 300 Fr. investieren und einen Mitspieler im Freundeskreis haben, der bereit ist, das Gleiche zu tun. Das ist auch in unserer Zeit, mit erhöhter Schmerzgrenze (hat jemand Kickstarter gerufen?) ein grosser Betrag. In meinen Träumen bietet Games Workshop bald eine Möglichkeit an, die Karten einzeln oder immerhin ohne die Miniaturen zu kaufen. Das würde den Einstieg in das Spiel für neue Spieler extrem erleichtern (= weniger kostspielig machen). Aber wieso sollte der Verleger sein Produkt billiger verkaufen? Immerhin: Da in einem zusammengestellten Deck keine doppelten Karten vorhanden sein dürfen, muss niemand die gleiche Erweiterung zwei mal kaufen. Das komplette Spiel zu besitzen ist nicht billig, aber auch nicht nötig, ausser man will hinauf auf…

Level 3 – Die Wettkämpfer

Warhammer Underworlds eignet sich sehr gut für Turniere oder andere kompetitive Veranstaltungen. Die kurze Spieldauer und die vielen Möglichkeiten bei der Wahl der Strategie sind optimale Voraussetzungen. Selbst in der Schweiz gibt es mittlerweile in allen Sprach- und Landesregionen kleinere Turniere. Wer weiss, vielleicht verirren sich eines Tages sogar einige MUWINSer in eine solche Veranstaltung…

Level 4 –  Die Maler

Die Miniaturen von Citadel, dem Hersteller der Figuren, sind wirklich toll und laden geradezu zum Bemalen ein. Selbst einige von uns konnten der Versuchung nicht wiederstehen. Das Farbengrundset kostet übrigens auch nur 100 Fr….

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Eine meiner Lieblingsfraktionen: Die Weitläufer. Mit ihren Armbrustpistolen beherrschen sie auch den Fernkampf.

Mein Schlussfazit.: Mit Warhammer Underworlds hat Games Workshop einen tollen Miniaturen-Kartenspielhybriden auf den Markt gebracht, welcher sicher das Potential hat, „normale“ Brettspieler in die Gefilde der Miniaturenspiele zu locken. Wie schon erwähnt, ist auch nur das Grundspiel alleine sehr unterhaltsam. Das Material ist hochwertig und die relativ kleine Anzahl an Kämpfern in einer Kriegerschar eignet sich gut für „Gelegenheitsmaler“. Einziger Wermutstropfen ist die Preispolitik mit den Erweiterungen, weil es keine Möglichkeit gibt, Karten einzeln zu kaufen, falls man nicht alle Kriegerscharen besitzen möchte. Wer einmal Blut geleckt hat, läuft Gefahr, mehr zu wollen.

Andere kriegerische Kriegerscharmanager meinen…

 

Benjamin: Ja, ich geb’s zu, ich hab‘ IMMER noch keine Partie gespielt, dafür sind mittlerweile die rüstungsbepackten Stormcast Eternals, die gespenstischen Nighthaunts sowie vor allem meine Kriegerschar der Wahl, die rostbefallenen Skelette, vollständig bemalt. Immerhin da: ERSTER!
Wer schon länger damit geliebäugelt hat, mal ein paar Minis zu bemalen (weil die dann einfach so sauge sehr schön aussehen): Wann, wenn nicht jetzt?!?! So eine Schar ist mit drei bis (bisher) maximal neun Figuren überschaubar, die Miniaturen sind qualitativ allerfeinst und sogar mit zwei linken Händen sieht ein wenig Farbe auf dem Plastik einfach schick aus. Und irgendwann spiel ich das Ding auch noch – versprochen! Wann kommen die Elfen?

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Was krabbelt uns denn da aus der Tischplatte?

Yves: Seit Magic the Gathering hat mich kein Spiel mehr so gepackt wie nun Warhammer Underworlds… Eigentlich benötige ich keine neuen Brettspiele mehr: Ich habe das Kickstarter-App gelöscht, den GMT-Newsletter abgemeldet, Splotter aus meiner Browser Favoriten Liste gelöscht und das Wort Euro aus meinem Kopf getilgt… Es genügen heute und morgen die täglichen News von Warhammer!

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