Making of… Spielworxx

Uli Blennemann, Gründer und Besitzer des Spielworxx Verlages, Emporrichter des Verlagsbereichs von Blackfire und seit Januar 2018 Brand Manager Brettspiele bei Compass Games. Mit diesem tollen Erfahrungsschatz versorgt uns Uli regelmässig mit „…limitierten Erstauflagen anspruchsvoller Brett- und Kartenspiele“ wie La Granja, Arkwright oder Gentes. Gemeinsam sind ihnen „umfangreiche Regelhefte“ – und dass sie innert Kürze vergriffen sind. Im Rahmen unserer Making of…-Reihe setzen wir uns an den virtuellen Tisch und durchlöchern Uli mit unseren Fragen.

image001MUWINS: Du bist ein Mann mit vielen Hüten. Willst du uns die jeweiligen Tätigkeiten vorstellen?


Uli Blennemann: Spielworxx ist mein eigener Kleinverlag, den ich verantwortlich führe. Compass Games ist ein amerikanischer Verlag, der bisher lediglich Wargames herausgebracht hat. Ich führe die „Euro Games“-Division, die Spiele auf Kennerniveau herausbringen soll.


image001MUWINS: Wie kam es zur Gründung von Spielworxx?


Uli Blennemann: In erster Linie wollte ich Spiele veröffentlichen, die ich spielen möchte – und diese von A bis Z betreuen. Als angestellter Redakteur bei einem Verlag muss man naturgemäss viele Abstriche machen.


image001MUWINS: Was sind deine Aufgaben bei Compass Games? Kannst du uns etwas über die zukünftigen Projekte erzählen?


Uli Blennemann: Im Wargame-Bereich mache ich lediglich ein wenig „scouting“. Im Eurobereich werden bis Ende 2019 mindestens fünf Spiele erscheinen, von denen ich zwei noch nicht nennen möchte.

Gestern startete der Kickstarter zur zweiten Auflage von Colonialism, dann folgt noch in diesem Jahr Cargoexpress, ein cleveres Eisenbahntransportspiel. Für die GenCon 2019 ist Stellar Horizons, das große Spiel von Andrew Rader, geplant.


image001MUWINS: Auf der Internetseite von Spielworxx sprichst du über „Fast Food“ oder über „ein übergestülptes Thema mit hoher Abstraktion“. Wir haben auch hier bereits über die Krise der deutschen Brettspiele sinniert. Wie siehst du den aktuellen Zustand?


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Uli relaxt an der diesjährigen Messe in Nürnberg. „Nagt alles kaputt“ wird übrigens mein Slogan, falls ich je für ein nationales politisches Gremium kandidieren sollte!

Uli Blennemann: Auf der einen Seite leben wir in einem „Goldenen Zeitalter“ – es gibt Spiele für jeden Geschmack, ob Karten-, Party-, Familien-, Kenner- oder Expertenspieler. Auch die allgemeine Qualität der Produkte ist sehr hoch.

Gleichzeitig finde ich, dass sich Brettspiele noch im „Kleinkind-Status“ befinden. Brettspiele bekommen gerade die ersten Zähne, was sich an Spielen wie John Company, An Infamous Traffic, Card-driven-games und anderen interessanten Projekten zeigt. Generell gelingt es uns (noch) nicht, ausreichend Spielerlebnisse zu schaffen und Spieler mit starken Gefühlen zu fesseln. All dies ist in unserem Medium auch nicht einfach und einige „Experimente“ werden scheitern, dennoch erachte ich Überlegungen in diese Richtung für lebenswichtig für die gesamte Branche.

Den spielsieggesteuerten „Mechanismus-Uhrmacher“ wird es unter Brettspielern immer geben; ich glaube jedoch, dass er immer unwichtiger wird.


image001MUWINS: Führen einer Firma im 18ten Jahrhundert, Machtkämpfe von Kolonialmächten, Aufbau einer Zivilisation im Mittelmeerraum, Gewinne erzielen mit Kohlebergwerken, Landwirtschaftsbetrieb auf Mallorca – um es mit der typisch direkten Muwins-Art zu sagen: Richtig „delikatessen-mässig“ und einzigartig sind diese Themen für Brettspiele nicht. Was macht die Spielworxx-Spiele dennoch aus?


Uli Blennemann: Zum einen bin ich darauf angewiesen, was ich von Autoren angeboten bekomme. Naturgemäß ist Spielworxx oftmals auch nicht „erste Wahl“, da ich nur Kleinauflagen mit geringer finanzieller Kompensation bieten kann.

Ich denke aber, dass kaum ein Verlag zum damaligen Zeitpunkt den Bergbau in einem Teil des Ruhrgebiets „angepackt“ hätte oder eine ernsthafte Umsetzung des Kolonialzeitalters. Colonialism war ein früher Schritt in Richtung „serious gaming“.


image001MUWINS: Unter welchen Aspekten wählst du als Verleger die Spiele aus? Was ist dir in erster Linie wichtig?


Uli Blennemann: In erster Linie muss mir das Spiel gefallen. Es sollte mechanisch oder thematisch nicht zu „mainstreaming“ und auf Kennerniveau oder darüber angesiedelt sein. In den letzten Jahren versuche ich zudem, mich von kaputtgerechneten Siegpunkt-Salat-Spielen zu lösen, die die Downtime unangenehm in die Höhe treiben.


image001MUWINS: Wir treffen dich häufig auf Twitter (@ulible) an. Wie wichtig ist dir der direkte Kontakt mit der Szene, mit dem Käufer? Finden wir dich auch an Messen? Hat dieser Aspekt im Zeitalter der Neuen Medien an Wichtigkeit verloren?


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Uli stellt der interessierten Dame, Anhängerin des Eishockeyklubs Boardgamegeek, sein Spiel Kohle & Kolonie vor. Follower seines Twitter Accounts wissen jedoch, dass sein Herz eher für die Iserlohn Roosters schlägt! Ich wusste gar nicht, dass in Deutschland Eishockey gespielt wird…

Uli Blennemann:  Ich mag den direkten Kontakt zu Spielern sehr, höre gerne zu und versuche, in einen Austausch zu kommen. Twitter als sehr direktes Medium kann da hilfreich sein. Ich bin bei einigen kleineren Veranstaltungen, außerdem in Berlin und in Essen.

Andere Social-Media-Kanäle und Brettspielforen meide ich, da sie sich zerfasern und oft zu absolut und rechthaberisch herüberkommen.


image001MUWINS: Suchen wir auf BGG nach Uli dem Brettspieldesigner, erhalten wir drei verstaubte Treffer. Warum hast du diese Tätigkeit aufgegeben und dich einzig auf die Verlagsseite konzentriert?


Uli Blennemann: Man sollte wissen, was man gut kann. Zwei meiner Designs bauten auf dem Gerüst bestehender Spieleengines auf. Black Day of the German Army ist ein sehr kleines Design, über das die Zeit hinweggegangen ist.


image001MUWINS: Wie geht ein Verleger mit negativen Rezensionen um?


Uli Blennemann: Rezensionen sind wichtig, ebenso Kritik jedweder Art. Leider gibt es aber kaum noch relevante Rezensionen. Wenn ich sage, dass sich der Brettspielbereich im „Kleinkindalter“ befindet, schließe ich damit die Kritiker in unserem Sektor ausdrücklich ein.


image001MUWINS: Welches Spiel hättest du am liebsten im Portfolio von Spielworxx?


Uli Blennemann: Ich nenne einmal zwei: Pax Porfiriana und An Infamous Traffic.


image001MUWINS: Bist du ein guter Verlierer oder warst du bereits für einen Tableflip verantwortlich?


Uli Blennemann: Gewinnen spielt bei mir in unserer kompetitiven Zeit, in der wir ständig „abliefern“ müssen, keine Rolle. Ich möchte in einer tollen Spielrunde ein großartiges Spielerlebnis. Wer am Ende gewinnt? Who cares?

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Uli zockt nicht nur Brettspiele, sondern feiert auch zur Musik der Lokalmatadoren ab.

image001MUWINS: Spielst du eigentlich noch „privat“ oder kannst du alle Partien als „geschäftlich“ abbuchen?


Uli Blennemann: Leider schweifen bei jeder Partie die Gedanken ab: Könnte man dieses oder jenes adaptieren, warum wurde dies so gelöst usw. Aber selbstverständlich spiele ich mit großem Vergnügen „privat“.


image001MUWINS: Über welches Thema sollte unbedingt einmal ein Spiel erscheinen?


Uli Blennemann: Über ernsthafte und relevante Themen; auch Themen, die starke Gefühle auslösen. Persönlich würde ich mir ein Spiel zum deutschen Herbst wünschen, fürchte aber, dass die Zeit dazu noch nicht reif ist.


image001MUWINS: Magst du lieber konfrontative Partien oder optimierst du lieber alleine für dich?


Uli Blennemann: Ich bevorzuge konfrontative Spiele. Wenn es aber passt und ich in einer kommunikativen Runde spiele, kann ich auch „alleine optimieren“.


image001MUWINS: Was wünschst du dir für die Zukunft der deutschen Brettspielszene?


Uli Blennemann: Ich wünsche mir mehr Mut und das Schauen über den Tellerrand hinweg. Ich denke, wir können und müssen alle noch sehr viel lernen.


image001MUWINS: Uli, herzlichen Dank für das interessante Interview. Wir hoffen, dich im Oktober in Essen wiederzusehen und wünschen dir für die kommenden Projekte viel Erfolg.

Gestern startete die Kickstarter Kampagne zu Colonialism, sie dauert bis zum 13. September. Käufer können ihr Exemplar in Essen abholen. Jeder Spieler übernimmt eine Kolonialmacht.

Ausserdem präsentiert Spielworxx an der Messe in Essen den nächsten Knaller: Captains of the Gulf. Wir werden den neusten Wurf dort sicher „anfischen“. Sehr spannend waren übrigens die „Tagebucheintragungen“ über die Entwicklung des Spiels auf dem Facebookaccount des Autors Jason Dinger.

2 Kommentare

  1. Hi, interessantes Interview! Ich wohne ja im Ruhrpott und mag die Thomas Spitzer Spiele, die ja bei Spielworxx erschienen sind sehr. Wirklich immer besondere Spiele, die Uli Blennemann im Programm hat.
    Jetzt muss ich mal bei den nächsten Punk-Konzerten gucken, ob ich mich beim Pogen noch über Brettspiele unterhalten kann…

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