Dawn of the Zeds – Böses Erwachen in Farmingdale

Sie kommen. Erst hielten wir es alle für einen albernen Scherz – was lachte ich mit Rob, als er mir vom Anruf eines verängstigten Farmers ausserhalb von St. Thomas berichtete: Eine Gruppe von Zombies sei auf seiner Kuhweide und versuche, die Tiere mit blossen Händen zu töten, sie würden sich buchstäblich in sie festbeissen. Zombies, ha ha! Gewiss hatte der alte Ed mal wieder zu tief ins Glas geschaut und die High School Kids hier aus Farmingdale trieben Schabernack mit ihm. Seufzend setzte ich mich also ins Auto und fuhr raus nach St. Thomas. Und da sah ich sie. Keinen betrunkenen Ed. Keine High School Kids. Aber eine Horde blutrünstiger, geifernder Gestalten mit unheimlich leuchtenden Augen. Und auch wenn sie rein äusserlich aussehen wie Menschen, so weigere ich mich, sie so zu nennen. Das sind keine Menschen, zumindest nicht mehr. Das sind Monster. Das sind… Zombies. Und sie kommen unaufhaltsam auf Farmingdale zu.
– Sheriff Brett Hunt

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Über vier verschiedene Pfade bedrängen die Zombies Farmingdale und versuchen, bis ins Stadtzentrum vorzustossen.

Dawn of the Zeds (Hermann Luttmann, Frosted Games / VPG) gehört zur Reihe der sogenannten „States of Siege“ (SoS) Spiele. Dieses Genre richtet sich vornehmlich an Solospieler und konfrontiert diese mit Krisensituationen, die sie mit sehr beschränkten Mitteln zu meistern haben – Ressourcenmanagement in extremis. Das Grundprinzip ist dabei immer dasselbe: Über mehrere Runden wird ein Stapel mit Ereigniskarten abgehandelt und versucht, gegen eine übermächtige Feindschaft standzuhalten. Der Gegner kann dabei kaum einmal aktiv besiegt werden, es geht vielmehr ums nackte Überleben. Dies bietet natürlich einen wunderbaren Rahmen für militär- oder polithistorische Krisen, wie sie z.B. in Zulus on the Ramparts (Schlacht um Rorke’s Drift, 1879) oder Cruel Necessity (Englischer Bürgerkrieg, 1642-51) behandelt werden.

Als nicht realhistorisch inspirierter Schauplatz tanzt die Zombieinvasion in Farmingdale thematisch aber ordentlich aus der Reihe und dürfte nicht zuletzt deshalb auch ein grösseres Publikum ansprechen. Schliesslich haben wohl die meisten von uns bereits einen Zombiefilm oder eine entsprechende Serie gesehen – und so können wir uns auch leicht in das von Dawn of the Zeds gebotene Szenario hinein versetzen. Denn das Spiel geizt nicht mit Verweisen auf Film- und Comicvorlagen, bzw. bedient sich ziemlich hemmungslos am reichen Zombiefundus. Dies alles ist an sich eigentlich schon Grund genug, um Dawn of the Zeds für den Einstieg in die SoS-Reihe zu empfehlen. Dass sowohl Komplexitäts- als auch Schwierigkeitsgrad darüber hinaus fast beliebig angepasst werden können, ist der andere grosse Vorteil gegenüber seinen Geschwistern.

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Das hat ja gerade noch gefehlt: Jetzt fressen sie nicht nur Gehirne, sondern entwickeln auch noch welche!

Die Schachtel ist nämlich nicht umsonst proppevoll: Nebst unzähligen Papptokens, dicken Kartenstapeln und einem doppelseitigen Spielbrett liegen ganze sechs grossformatige Regelhefte bei:

  • Grundregeln
  • Fortgeschrittene Regeln (erklärt die jeweiligen Neuerungen zwischen den verschiedenen „Leveln“)
  • ein komplettes Regelwerk (ideal zum Nachschlagen)
  • eins für den Aufbau der verschiedenen Szenarien
  • ein Farmingdale-Dossier (mit Infos zu all den – teils sehr witzigen – Charakteren und Einheiten)
  • Bonus: der „No Brains“-Modus

Letzterer ist eine supergestreamlinte Spielvariante, bei der man sich einfach aufs Vermöbeln (und vermöbelt Werden) der Zeds konzentrieren kann – würfeln statt grübeln, sozusagen. Klingt nach viel Lektüre? Ist es aber nur bedingt. Der Einstieg wird einem wirklich leicht gemacht. Um loszulegen, braucht man nur einen Bruchteil der Regeln zu lesen. Entscheidet man sich nach dem Grundspiel für einen der schwierigeren Modi, werden einem die neuen Elemente pfannenfertig in passenden Häppchen serviert. An dieser Stelle gebührt den Redakteuren von VPG ein grosses Lob für die spielerfreundliche, durchdachte Aufmachung.

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Noch sieht’s (fast) gut aus – sollen sich die Zeds an den Barrikaden erst mal ihre faulen Zähne ausbeissen!

Unabhängig vom Modus gliedert sich eine Runde in mehrere Phasen. Als erstes wird immer eine Ereigniskarte aufgedeckt, welche uns sagt, wie sich die Zombieplage ausbreitet. Dabei kommen neue Zeds ins Spiel, die stetig weiter vorrücken und deren Bekämpfung uns wertvolle Ressourcen kostet. Schaffen es die Zeds bis ins Stadtzentrum, bevor der Ereigniskartenstapel abgearbeitet ist, ist das Spiel verloren. Diese Karten überzeugen übrigens mit ihrem karteireiterartigen Design, welches die Abfolge der einzelnen Phasen deutlich darstellt und so quasi auch immer als Rundenübersicht dient.

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Die Ereigniskarten. Was mit einem seltsamen Geruch beginnt (wer hat da einen fahren lassen?), endet bald einmal in einer grossen Sauerei.

Nachdem die Zeds ihr Unwesen getrieben haben, ist der Spieler an der Reihe. Er darf seine limitierten Aktionen etwa dafür nutzen, um mit seinen Helden- und Bürgereinheiten nach Nahrungsmitteln und Munition zu suchen, die Zombiehorden direkt zu bekämpfen oder – in den fortgeschrittenen Modi – gar nach einem Heilmittel zu forschen. Dabei hat er stets die Qual der Wahl, denn der Brandherde sind viele und es gilt, diese clever zu priorisieren. Zu erwähnen ist ausserdem, dass die Aktionen frei auf die verschiedenen Einheiten verteilt werden können, wobei u.a. Helden auch über Spezialfähigkeiten verfügen, welche nur sie ausüben können.

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Vom tapferen Deputy über die Martial Arts Expertin und den verschrobenen Verschwörungstheoretiker bis hin zu Horatius dem Schimpansen raufen sich alle zusammen, wenn es ans Eingemachte geht.

Anfangs dachten wir tatsächlich, wir hätten die Situation unter Kontrolle. Die Zeds mochten in Gruppen marschieren, aber sie waren langsam. Wir hielten sie mit gezielten Angriffen in Schach, während wir unsere Stellungen befestigten. Wie dumm waren wir, zu glauben, wir könnten sie mit ein paar Barrikaden und Schrotflinten aufhalten. Die Viecher vermehren sich wie eine Rattenplage und stehen nun kurz davor, ins Stadtzentrum einzufallen. Wir sind nur noch eine handvoll, Lebensmittel und Munition gehen uns langsam aber sicher aus. Wie wünschte ich, der Sheriff wäre jetzt hier – er wüsste bestimmt, was zu tun wäre. Aber er ist von seinem gestrigen Ausflug zur Mine, wo er nach Sprengstoff suchen wollte, nicht mehr zurückgekehrt. Wahrscheinlich ist er jetzt einer von ihnen und rüttelt an unseren improvisierten Absperrungen…
– Deputy Robert Schmidt

Das Gefühl der wachsenden Ohnmacht gegenüber den unerbittlich näher rückenden Massen an Untoten wird vom Spiel vorzüglich rübergebracht. Beinahe zu vorzüglich sogar, denn sobald man sich über das relativ überschaubare Grundspiel hinaus begibt und an den fortgeschrittenen Modi versucht, zeigt sich Dawn of the Zeds je länger, desto brutaler. Anders gesagt: Es ist sackschwer. Damit man sich aber trotzdem mal an den zusätzlichen Spielinhalten erfreuen kann, gibt es dankenswerterweise einige optionale Regeln, die den Kampf gegen die Untoten etwas erleichtern (oder, für die besonders masochistischen unter euch, sogar zusätzlich erschweren). So oder so sollte der interessierte Spieler ein gewisses Mass an Leidensfähigkeit und Frusttoleranz mitbringen, denn sowohl Kämpfe als auch die Suche nach Vorräten werden mit Würfeln bestritten. Diese kann man zwar durch geschicktes Planen günstiger stimmen, ein gewisser Zufall bleibt aber immer mit im Spiel.

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Die Spielerhilfe enthält auch die Tabellen zur Kampfabhandlung – diese dürften Cosim-Veteranen bekannt vorkommen.

Bedenken sollte man als potentieller Käufer auch, wie wichtig einem die Mehrspielermodi sind. Dawn of the Zeds lässt sich nämlich kooperativ mit bis zu drei weiteren Masochisten Mitspielern angehen, oder aber im Versus-Modus, in welchem jemand die Kontrolle über die Zombies erhält. Beide Varianten scheinen mir persönlich ein bisschen fadenscheinig. Es müsste sich schon um eine sehr harmonische, alphaspielerfreie Gruppe handeln, damit ich den Koop-Modus empfehle – zu wenige Entscheidungen liegen in der Hand eines einzelnen Spielers. Und wer den Bösewicht mimt, hat nebst einer etwas freieren Wahl darüber, welche Zombiehorde wann aktiviert wird, nicht wirklich viel zu erwägen.

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Es sieht nicht gut aus für Bürgermeister Hernandez und sein geliebtes Farmingdale. Ob ihm ausgerechnet die Heilsarmee dabei helfen kann, die Zombies noch aufzuhalten?

Als Solospiel möchte ich Dawn of the Zeds aber jedem ans Herz legen, der sich für das mittlerweile doch sehr gegenwärtige Thema begeistern kann und Freude am Lösen kniffliger Situationen hat (ok, ok – zumindest daran, es zu versuchen). Das SoS-Spielsystem und die tolle grafische Gestaltung sorgen dafür, dass man sich vorkommt wie bei der Verteidigung einer Siedlung in The Walking Dead – oder einer beliebigen anderen Zombieapokalypsenverfilmung, was das betrifft. Und wer weiss, vielleicht macht das Spiel einigen dann ja sogar Lust auf weitere SoS-Titel und bietet so womöglich einen Einstieg in die weitläufige und für den geschichtsinteressierten vielfältige Welt der Konfliktsimulationen…

Höre ich da Hubschrauber in der Ferne? Hat die Nationalgarde unseren Hilferuf doch erhalten? Oder verliere ich nach all den Tagen und Nächten des endlosen Kratzens und Klopfens der Zombies an der Tür nur langsam aber sicher meinen Verstand? Wer hätte gedacht, dass ich mich mal freuen würde, die Armee zu sehen. Ich glaube ja immer noch, dass die Regierung für diese vermaledeite Seuche verantwortlich ist. Aber das ist ein Kampf, den ich an einem anderen Tag austragen werde. Erst mal sollen sie mich hier rausholen. Wenn sie denn tatsächlich kommen…
– Mordecai Johnson, Verschwörungstheoretiker und ehemaliger CIA-Mitarbeiter

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Ein anderer Hirnfeinschmecker meint zu Dawn of the Zeds:

Benjamin: Dass das Zombiethema für mich wohl nie wirklich tot sein wird, hatte ich bereits erwähnt. Aber auch optisch machen die Horden und das ganze Gedöns (dazu gehören auch die (noch) lebenden „Helden“) drumherum richtig Laune. Wer sich also gern alleine (!) den Untoten entgegen stellt, darf hier zugreifen… vielleicht mit der zusätzlichen Anmerkung, dass man auch längeren Spielen gegenüber nicht abgeneigt sein sollte. Habe ich Lust auf eine kurze Solopartie, greife ich nach wie vor zu den Zulus – da stimmt für mich das Verhältnis zwischen (zufallsmechanismenbedingtem) Aufwand und Spielspass-Ertrag noch ein klein wenig besser.

2 Kommentare

  1. […]Schliesslich haben wohl die meisten von uns bereits einen Zombiefilm oder eine entsprechende Serie gesehen…[…]

    Ja leider. -.- Zombies hier, Zombies da. Ich kann’s echt nicht mehr sehen. Von daher ist das wohl eher nichts für mich.

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