Ponzi Scheme – Schweisstreibende Schneeballschlacht

Charles Ponzi begeisterte 1919 in den USA zahlreiche Anleger mit einem neuartigen Geschäftsmodell. Zwar verstanden sie nicht, wie es genau funktionierte, aber als Renditen von 50 bis fast 100 Prozent zu sprudeln begannen, verkniff man sich gerne lästige Fragen. Das Gericht, das Mr. Ponzi 1920 für mehrere Jahre hinter Gitter schickte, konnte sein System dann allerdings recht einfach erklären: Die meisten seiner wenigen Anlageobjekte waren wertlos. Den grössten Teil des Geldes investierte Mr. Ponzi in seinen aufwändigen Lebensstil. Die fälligen Renditen beglich er aus dem Kapital neu gewonnener Anleger. Sein Betrugstrick, eine Art Schneeballsystem, wird bis heute praktiziert und heisst im Englischen Ponzi Scheme.

Bei Ponzi Scheme (Jesse Li, Tasty Minstrel Games, 3 bis 5 Spielende) erleben wir ein solches Betrugssystem hautnah als Veranstalter und Anleger zugleich. Zu Beginn erhalten wir einzig ein Zeitrad und einen Sichtschirm, hinter dem wir unsere zukünftige Barschaft streng geheim halten. Und sonst gar nichts. Geld und sämtliche Anlagegüter ergaunern wir uns erst während des Spiels.

Wir starten mit einer Investitionsphase: In dieser können die Spielenden reihum beschliessen, ein Anlageobjekt aus dem Vorrat zu ergattern. Die Objekte der Begierde gibt’s in vier Varianten: Transportunternehmen (blau), Getreide (gelb), Medienhäuser (grau) und Immobilien (rot). Habe ich von einem Anlageobjekt (also z.B. Medienhäusern) bereits drei Exemplare, darf ich in der Investitionsphase keines mehr von dieser Kategorie dazu erwerben.

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Auch Kleinganoven machen Mist. Da wird schon noch ein richtig schönes Imperium daraus!

Wir fügen unsere Neuanschaffung freudig in unser Geschäftsimperium ein. Aber haben wir da nicht noch eine Kleinigkeit vergessen? Richtig: Wir müssen uns gleichzeitig eine Anleihenskarte aus der Auslage nehmen. Diese ist in drei Reihen gegliedert: Wenn ich das erste Anlageobjekt einer Kategorie nehme (also z. B. das erste Medienhaus), muss ich eine Anleihe aus der obersten Reihe nehmen. Dort finden sich die Anleihen, die mir am wenigsten Bargeld einbringen (und auch die wenigsten Zinsen kosten, aber dazu später). In den Reihen zwei und drei finden sich entsprechend Anleihen, die mir mehr Bares bringen (und auch höhere Zinsen kosten, aber hört mir doch im Moment mit dieser Erbsenzählerei auf).

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Dritte Reihe rechts: 77$ bar auf die Kralle! Auf die 138$ alle drei Runden wiederkehrenden Zinsen schauen wir jetzt mal nicht…

Ich greife mir also eine Anleihenskarte, kassiere den gross aufgedruckten Bargeldbetrag und füge die Anleihe an der Position in mein Zeitrad ein, die auf der Karte aufgedruckt ist.  Dort ist dann noch in kleinerer Schrift (hmm, ich habe grad meine Lesebrille verlegt…) ein Zinsbetrag aufgedruckt, der periodisch fällig wird. Aber darum kümmern wir uns lieber später; wir wollen uns ja nicht die gute Laune an unserer Anschaffung verderben.

Nach der Investitionsphase folgt die Handelsphase. Wer an der Reihe ist, darf einem Mitspieler ein geheimes Angebot unterbreiten. Der Anbieter übergibt dem Opfer Geschäftspartner einen geheim mit Geld gefüllten Umschlag und nennt das Anlageobjekt (z. B. das Transportunternehmen), das er dafür aus dessen erbärmlicher Kleinkrämerauslage in sein eigenes Unternehmensimperium kaufen will. Wie sich das für ein ordentliches Angebot gehört, kann es der Empfänger nicht ablehnen. Er hat allerdings dennoch eine Wahl: entweder das angebotene Geld verdeckt einzusacken und das gewünschte Anlageobjekt zu übergeben, oder aber er füttert den Geldumschlag mit dem gleichen Betrag, der ihm angeboten wurde, und kauft nun seinerseits aus der KMU-Wellblechhüttensammlung des ursprünglichen Offerenten ein Anlageobjekt der gleichen Kategorie (also z. B. statt ein Medienhaus zu verkaufen kauft er eines von seinem „Handelspartner“).

Nach Abschluss der Handelsphase drehen wir unser Zeitrad um eine Stelle weiter. Manchmal crasht auch der Markt nach bestimmten Regeln und wir müssen unser Rad gleich um zwei Stellen weiterdrehen. Und JETZT kommt die Sache mit den Zinsen…

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Zinsen von 244$? Wo ist da das Problem? Die sind doch erst in der nächsten Runde fällig!

Zeigt der rote Zeiger unseres Zeitrads auf eine oder mehrere Anleihenskarten, kramen wir die vorher verlegte Lesebrille hervor und lesen mit Bestürzung die Summe der fälligen Zinsbeträge. Diese entrichten wir an die Bank, wischen uns diskret den Schweiss von der Stirn und stürzen uns fröhlich in die Investitionsphase der nächsten Runde. Falls es überhaupt noch eine nächste Runde gibt: Kann ein Spieler seine fälligen Zinsen nicht bezahlen, endet das Spiel ohne Wenn und Aber sofort. Alle Spielenden, die ihre Zinsen nicht zahlen können, fliegen aus der Wertung und sollten sich mal schämen. Wer seine Zinsen brav zahlen konnte, zählt seine Anlageobjekte zusammen. Je mehr von einer Sorte (also z. B. Medienhäuser) vorhanden sind, desto wertvoller werden diese. Natürlich gewinnt der Spielende mit der höchsten Punktzahl; bei Gleichstand derjenige, der die höchste Anleihenskarte an seinem Zeitrad ausliegen hat.

Vor der ersten Partie Ponzi Scheme herrscht in der Runde Unsicherheit. Dies ist nicht etwa der verständlich erläuterten und klar illustrierten englischsprachigen Regel (des ansonsten sprachneutralen Spiels) anzukreiden. Die Verunsicherung rührt daher, dass Ponzi Scheme ein Spiel ist, das keine altbekannten Abläufe neu verpackt, sondern eine wirklich originelle Neuschöpfung ist. Zuerst haben wir keine Ahnung, wie wir unser Geschäft angehen sollen: Wie legen wir den Preis von Gütern fest, von denen wir ja eigentlich wissen, dass sie letztlich wertlos sind? Dazu mischen sich Zweifel, ob ein Spiel mit schweigend ablaufenden Handelsphasen und Zinszahlungen nicht bloss eine mühselige Kleinkrämerei darstellt, die höchstens Buchhaltungsfetischisten ein versonnenes Lächeln auf die Lippen zaubert.

Unsicherheit und Zweifel verschwanden in den bisherigen Runden jeweils rasch und wichen einer fieberhaften Erregung: Wenn wir in diesem Spiel wirtschaftlich überleben wollen, müssen wir rasch einen Instinkt für die Schwächen unserer Mitspielenden und den Riecher für den richtigen Deal zum passenden Moment entwickeln. Mit Argusaugen beobachten wir ein Geschäft zwischen Mitspielern in der Handelsphase: Zittert da jemand, weil er eigentlich Geld mit einem Verkauf verdienen wollte und nun unverhofft ein Anlageobjekt dazu kaufen musste? Hmm, da dürfte jemand also sehr gewillt sein, mir das unerwünschte Objekt bei meinem nächsten Deal zu einem Schnäppchen zu überlassen. Oder vielleicht täusche ich mich da?

Ponzi Scheme fühlt sich viel mehr wie ein soziales Deduktionsspiel (wie z. B. Secret Hitler) an als wie eine trockene Wirtschaftssimulation. Wie die Regeln neckisch anmerken, hat sich in der Testphase des Spiels ergeben, dass Spielende, die einen Taschenrechner verwendeten, auffällig oft bankrott gingen. Auch wenn Ponzi Scheme keine detaillierte Wirtschaftssimulation sein will, ist das Thema nicht aufgesetzt, sondern zentral. Es ist faszinierend, wie rasch wir unser eigenes Geschäft lieben lernen und wirklich zu jedem Preis über die Runden bringen wollen. Dabei ist nicht nur Gier unser Antrieb, sondern auch die Angst vor dem Versagen: Wir wollen ja nicht als derjenige Krämer dastehen, der mit seiner Pleite das ganze schöne Spiel zum Kippen bringt. Dass die Partie sofort endet, wenn jemand seine Zinszahlungen nicht erfüllt, sorgt von Beginn weg für eine ständig steigende Hochspannung. Spielmechanisch kann man jetzt natürlich einwenden, dass ein unwilliger oder unfähiger Spielender es in der Hand hat, eine Partie zu zerstören. Das stimmt zwar theoretisch, ist aber in meinen bisherigen Runden noch nie vorgekommen: Viel zu sehr waren alle rührend bemüht, ihre halsbrecherischen Investitionen irgendwie durch einen sechsfachen Finanzierungslooping über die Runden zu würgen.

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Ach, das werden schon die bald nötigen 244$ sein!

Wer seinen Geldmangel zu erkennen gibt, wird vom führenden Mitspielenden während der Handelsphase zusätzlich mit unverschämt tiefen Angeboten in die Mangel genommen. Deshalb sind alle Spielenden bestrebt, ihre Geschäftssituation möglichst rosig darzustellen. Das führt zu einer fröhlichen Grundstimmung am Tisch. Und manchmal ist man ja tatsächlich tief beeindruckt, wie jemand es schafft, eine mörderische Zinsverpflichtung irgendwie noch in letzter Sekunde durch eine halsbrecherische Neuverschuldung erfüllen zu können.

Ponzi Scheme kann ich als aussergewöhnliches Spiel nur wärmstens empfehlen. Einzige Warnung: Manchmal lernt man Mitspielende von einer Seite kennen, die einem lieber verborgen geblieben wäre. So musste ich es miterleben, wie ein hochgeachteter Spielesammler, dem es der Legende nach regelmässig gelingt, in Essen keinen Euro mehr auszugeben als vorher minutiös geplant, bei Ponzi Scheme in ein wüstes finanzielles Hallodritum verfiel und vorzeitig in den Ruin stürmte.

Ein anderer Finanzakrobat meint zu Ponzi Scheme:

Benjamin: Vom Habenichts zum Millionär – und das möglichst ohne Arbeit! Das bietet uns Ponzi Scheme und schliesst dabei massive (Angst)Schweissausbrüche mit ein. Das Spiel macht von Anfang an keinen Hehl daraus, dass wird die Hehler sind. Mit erfundenen „Investitionen“ in „Unternehmen“, die aus 100% heisser Luft bestehen, versuchen wir lediglich, uns länger als die Konkurrenz einigermassen über Wasser zu halten. Zinsen bezahlen? Kommt Zeit, kommt Rat… Dass die Reise in Richtung Ruin führt, ist von Anfang an allen Beteiligten klar, dazwischen schwimmt man im besten Fall mal kurz in Kohle. Immerhin kommen keine Unschuldigen zu Schaden, denn wir sind alle Täter und Opfer gleichzeitig.
Es ist oft erstaunlich, wie lange man sich mit den Investitions-Fantasiegebilden über Wasser halten kann – meistens bis irgendwann die Blase platzt und sich die Legende des einen Spielers, dem es angeblich regelmässig gelingen soll, in Essen keinen Euro mehr auszugeben als geplant, als leeres Gerede entpuppt, da er ganz offensichtlich doch alles andere als ein begnadeter Finanzjongleur ist.
Hat man ein Flair für (spielerische) pervertierte Wirtschaftssysteme, gehört Ponzi Scheme zum Programm!

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2 Kommentare

  1. Hi, bei Ponzi braucht man wirklich mehr Menschenkenntniss als Rechenschieber. Blufft mein Gegenübern, kann er wirklich noch eine Runde durchhalten, kauft er mir mein Unternehmen ab und gibt mir damit die fehlenden 8$, oder weiß er wie es um meine Finanzen bestellt ist?
    Wir haben es erst dreimal in unterschiedlichen Runden gespielt und wie du es treffend beschrieben hast, ist erst mal ein großes Fragezeichen bei allen in der ersten Runde. Das weicht aber spätestens bei den ersten Rückzahlungen einem großen Ausrufezeichen und alle schachern dann fröhlich mit.
    Wir haben bisher noch nie die 60 Minuten Mindestspielzeit geschafft. Irgendwer hat sich immer schon vorher böse verzockt. Schönes Spiel mit neuen Mechanismen und schönem Material.

    1. Es freut mich sehr, dass das besondere Spiel auch bei Euch einen Platz gefunden hat! Es ist zu Unrecht kaum bekannt. Die Mindestspielzeit von einer Stunde haben wir auch noch nie von Ferne geschafft.

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