Dream on! – träum weiter

Ein weiteres Spiel über Träume, das uns gemeinsam eine Geschichte erzählen lässt und welches das Erinnerungsvermögen von allen am Tisch beansprucht.

Noch jemand da?

Tatsächlich!

Es gibt ja bekannterweise die Momente im Leben von Brettspielern, in denen wir nicht „Terraforming the Rajas of Caledonia“ spielen können – oder wollen. Wenn zum Beispiel das Date vom Gang aufs Klo nicht mehr zurückkommt und durchs Fenster verschwunden ist oder wenn sich das andere Pärchen immer neue Ausreden ausdenkt, um unsere Einladungen zu einem weiteren Spieleabend abzulehnen, müssen wir zugeben: Wir haben wohl unpassende Spiele aufgetischt. Wer das verstanden hat, weiss: Es braucht auch simplere Spiele im Regal, die trotz ihrer Einfachheit unterhaltsam sind, denn um gute Unterhaltung geht es in unserem Hobby. Taugt also Dream on! dazu?

Starten wir mit einigen Fakten: Wir sprechen von einem kooperativen Partyspiel, erschienen bei CMON und aus den Federn von Julien Prothière und Alexandre Droit. Eine deutsche Übersetzung scheint zur Zeit noch nicht zu existieren, da das Spiel aber gänzlich ohne Text auskommt, darf man ruhig zu anderen Sprachversionen greifen. Die Regeln sind sehr simpel, daher sollte die Anleitung auch in englischer Sprache zu verstehen sein. Die Spieldauer von ca. 15 Minuten und das breite Spektrum hinsichtlich der Spielerzahl (2-8) verraten, dass hier nichts Abendfüllendes vor uns liegt.

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Die Schachtel enthält eine Sanduhr und etwa 150 Bilder.

Alle am Tisch versuchen, während zwei Minuten gemeinsam eine Traumgeschichte zu erzählen. „Traum“ definiert das Ganze tatsächlich am besten, da wir verschiedene Bilder eher als lose Assoziationen zu verbinden versuchen. Jeder Spieler hat drei Karten auf der Hand und ein Bild liegt zu Beginn für alle sichtbar in der Mitte. Eine Reihenfolge unter den Spielern gibt es nicht. Wer eine Karte legen will, tut das ohne um Erlaubnis zu bitten und erzählt die Geschichte passend zu seinem neuen Bild weiter. Meist beschränkt man sich dabei auf einen Satz.

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Wie geht die Geschichte der kleinen Susi weiter? Ich könnte auf jeden Fall nicht widerstehen….

Zu sehen gibt es die unterschiedlichsten Dinge. Vom sonnigen Strand, über Aliens bis zum Büstenhalter ist alles dabei, was in Träumen so vorkommen könnte (keine Angst, alles ist jugendfrei). Nach dem Ausspielen einer Karte zieht man sofort wieder eine neue nach.

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Märchen, SciFi-Thriller, Liebesgeschichte oder doch etwas Horror? Die Auswahl an Stilrichtungen ist sehr breit und die grafische Umsetzung weiss zu gefallen.

Wir schmeissen also einfach Bilder auf einen Stapel und sagen einen Satz dazu?

Ja.

Gehen wir dabei aber zu schnell vor oder verbinden wir die Begriffe nicht einigermassen sinnvoll, werden wir in der nächsten Phase bestraft. Sind nämlich die zwei Minuten abgelaufen, drehen wir den Kartenstapel um. Vor uns liegt nun unsere soeben gemeinsam erfundene Geschichte. Ganz oben auf dem Stapel wäre das erste Bild – leider verdeckt. Wir müssen nun als Gruppe die gleiche Geschichte nochmals erzählen. Nach jedem Satz sollte das hoffentlich passende Bild umgedreht werden. Da jetzt reihum gespielt wird, müssen alle Mitspieler ihre Gedächtnisleistung  unter Beweis stellen. Wer unsicher ist, darf aber genau einen Tipp von einem beliebigen Mitspieler annehmen. Die aufgedeckten Karten geben Punkte. Kann ich den Verlauf der Geschichte selber korrekt wiedergeben, sammle ich zwei Punkte für die Gruppe. Lasse ich mir helfen, wirft das immerhin noch einen Punkt ab. Erinnere ich mich nicht mehr oder falsch, werden wir mit zwei Minuspunkten bestraft.

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„Es war einmal die Susi…“ Hoffentlich haben wir uns einen einprägsamen Verlauf der Geschichte ausgedacht, dann können wir uns garantiert daran erinnern.

Sind alle Karten durch, vergleichen wir unsere Gruppenleistung mit einer Skala und finden so heraus, ob wir Schande oder Ehre über uns gebracht haben.

Spiele, in welchen Geschichten erzählt werden, gibt es mittlerweile einige. Die meisten kranken daran, dass das Punktesystem schwammig ist oder relativ leicht ausgetrickst werden kann. So ist z.B. Es war einmal nicht wirklich kompetitiv spielbar und ein positives Spielerlebnis ist nur in der richtigen Gruppe möglich. Dream on! löst dieses Problem souverän, indem die Geschichte nochmals erzählt werden muss und man klar zwischen richtig oder falsch unterscheiden kann. Genau genommen wird man aber nicht für die Geschichte belohnt, sondern nur dafür, ob man sie auch noch ein zweites Mal erzählen könnte.

Wer jetzt aufgrund tiefsitzender Memoryphobie zurückschreckt, darf beruhigt sein. Die Mitspieler können jederzeit helfen, darum reicht es, wenn ich mich an einige Szenen unseres Traumes erinnere. Ausserdem ist es erstaunlich, wie stark eine gute Geschichte das Erinnern erleichtern kann. Mag es einigen von uns schwer fallen, sich Einzelfakten zu merken, können wir logische Abfolgen relativ mühelos wiedergeben. Die Gruppe wird an einigen Stellen ins Stocken kommen, aber es wird auch Szenen geben, die fast von selbst wiederholt werden können.

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Wer unbedingt seine Leistung bewertet haben will, darf diese in der Skala situieren. Über 60 Punkte ist echt schwierig zu schaffen.

Dream on! hat aber mit anderen Vertretern des Genres gemeinsam, dass das Spiel wohl nicht funktioniert, wenn viele schweigsame Gesellen am Tisch sitzen – andererseits wird es besser, je grösser die Bereitschaft der Spielrunde ist, sich eine spassige Geschichte auszudenken. Denn allzu ernst sollte man das Spielchen nicht nehmen. Es ist als Füller gedacht. Für mich ist es das erste „Geschichtenerzähl-Spiel“, das von der Spielmechanik her funktioniert und in der passenden Runde für viele Lacher gut war.

Getestet wurde das Spiel auch mit Kindern. Hier war die Resonanz immer positiv und die jungen Hirne hängen die alten in Punkto Fantasie und Erinnerungsvermögen oft ohne Probleme ab. Logisch, sie haben noch Zeit, zu träumen.

6 Kommentare

    1. Als Erwachsener ist es sicher nicht immer einfach, dem kindlichen Handlungsstrang der Geschichte zu folgen. Da der Nachwuchs sich aber meist an die eigenen Bilder erinnert, funktioniert es trotzdem.

  1. Spiel mit Erinnerungsmechanik? Da bin ich raus! 😀
    Ich hab ja schon Mühe mir meine eigenen 4 Karten bei Bla5t zu merken. ;D

    Aber schön gestaltete Sujets auf den Karten (die Kartenrückseite hingegen…).

  2. Wenn ich ganz teif in meinen Erinnerungen wühle, dann kommt mir da Memo Crime von Ravensburger ins Gedächtnis. Dort stricken die Spieler auch gemeinsam Geschichten. Hier sind es allerdings Kriminalfälle, die sich mit jeder Karte weiter spinnen. Jeder Spieler ist ein Kommissar und kann wenn er es sich zutraut einen solchen Fall lösen. Hierzu muss er alle Karten aus dem Gedächtnis abrufen und den Fall richtig wiedergeben. Jede Karte gibt Punkte und es gibt später einen Gewinner. Also miteinander Fälle kreieren, gegeneinander gewinnen.
    Fand es ganz gut, aber die Vergangenheit malt ja auch mit einem goldenen Pinsel…

    1. Ja, MemoCrime, war übrigens eine Wiederauflage von Story, das seinerseits wieder als die Story vom Pferd aufgelegt wurde.
      Eine Geschichte zu erzählen um sich Dinge zu merken, kenne ich als alter Jugendgruppenleiter aber schon als „Traditional“ 😉 (Goosebumps fällt mir noch ein, das war auch so).
      Der beste Ansatz bislang war m.E. Essels-Brücke von Schmidt, da waren das aber keine echten Geschichten.

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