Der Nebel der Liebe…

… oder Fog of Love erzählt die Geschichte von zwei sich liebenden Personen, wie diese sich kennenlernen und verlieben, wie sie über das Heiraten und Kinderkriegen reden, wie sie zusammen die Welt bereisen und zusammen im Bett frühstücken, wie sie sich langweilt, nur sein Geld will und bei der erstbesten Möglichkeit gegen einen viel schöneren, intelligenteren und reicheren Mann (oder Frau) austauscht… oder irgendeine ganz andere Geschichte!

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Ein Hingucker ist es sicherlich schon mal – das Design wie auch das Inlay.

Eines vorweg: Fog of Love von Hush Hush Projects gehört definitiv zu den am hochwertigsten produzierten Spielen, die ich je gesehen habe. Vom sehr stilvoll designten Brett, über die qualitativ hochstehenden Pokerchips bis hin zu den fast schon riesigen Karten passt alles perfekt zusammen und hilft, die richtige Atmosphäre zu schaffen. Und diese ist auch gleich von Beginn weg zentral, denn in Fog of Love schlüpfen die Spieler in die Rollen eines fiktiven Paars – vom Beginn bis zum Schluss. „Hallo. Ich heisse Bob und bin Model. Ich bin etwas chaotisch und egozentrisch, aber sehr sensibel.“ Und schon knistert es…


Abstraktes Storytelling

Ja, richtig gelesen: Im Grunde ist das reine Zweispieler-Spiel Fog of Love ein sehr abstraktes Spiel, das ohne Thema sehr, sehr langweilig wäre. Halt Stop! Hiergeblieben! Da müssen wir nun durch, aber ich verspreche, es wird besser!

Zum Abstrakten: Ich erhalte am Anfang der Partie drei Zielkarten und muss dann am Schluss genügend Tokens auf den richtigen Feldern liegen haben, damit ich so viele Punkte wie möglich kriege. Die zwei Verliebten spielen nacheinander Szenenkarten mit verschiedenen Auswahlmöglichkeiten, die es den beiden erlauben, auf den hoffentlich richtigen Feldern ebendiese Token hinzulegen. (Und wählen beide sogar dieselbe Option, gibt es möglicherweise noch einen Bonus – in Form von extra Liebe.) Da das Ganze kooperativ ist, muss ich dabei auch noch meinem Partner irgendwie mitteilen, wo mir seine Token am meisten nützen – aber mit ein wenig Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen ist dies kein Problem. Nach rund 60-90 Minuten tritt, abhängig von der Punktezahl des Paares, irgendein Ende ein und schön war’s…

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Glück gehabt: Jane (natürlich heisst sie Jane) und Bob sind wahrscheinlich beide etwas neugierig. Bob ist zudem auch noch zärtlich und Jane sensibel. Schwierig wird’s bei der Extrovertiertheit: Hier sind die beiden vollkommen unterschiedlich. Wenn das nur gut geht…

Im Ernst, das ist – zugegebenermassen etwas verkürzt – Fog of Love. Wenn da nicht noch die Geschichte und das Rollenspiel wären.

Zur Geschichte: Die Zielkarten sind in Tat und Wahrheit – und jetzt kommt’s – Charaktereigenschaften, die darüber bestimmen, wie unglücklich Bob mit seinem Leben und der Beziehung ist. Und die ausgespielten Szenenkarten sind meist ziemlich reale Lebenssituationen, in denen Bob vor allem chaotisch, egozentrisch und sensibel reagieren sollte, um die Token am richtigen Fleck zu platzieren. Nur so bleibt Bob bis zum Schluss auch glücklich in der Beziehung… oder eben nicht…

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Charaktereigenschaften: Macho: Am Ende der Partie muss für beide Spieler zusammen (shared) das negative Feld ‚Zärtlichkeit‘ mit fünf Token überwiegen. Patient: Um glücklich zu werden, muss nur der geduldige Spieler (individual) auf der ‚Aufrichtigkeits‘-Skala mit drei Token im Positiven liegen. Und analog bei workaholic: Drei individuelle Token im Plus auf der ‚Disziplin‘-Skala.

Ein Beispiel. Bob und Jane haben die Wahl: Wer darf die Ansprache beim Einweihungsfest der neuen Wohnung halten?

A) Bob

B) Jane

C) gar keine Ansprache

Bob als Egozentriker wählt natürlich gleich sich selbst, während Jane das ziemlich egal ist (sie hat keine entsprechende Charaktereigenschaft). Hätte sie Bobs letzte Entscheide etwas mitverfolgt, wäre ihr aber klar, dass er töten würde um die Ansprache zu halten. Leider ist Jane aber nicht so aufmerksam, wählt gar keine Ansprache und treibt Bob damit fast in den Wahnsinn… ob das noch gut geht?

Diese zwei Welten – abstrakt und thematisch – prallen auf den Szenenkarten frontal aufeinander. Die sehr amüsant verfassten, thematischen Situationen stehen im direkten Kontrast zu den darauf abgebildeten abstrakten Symbolen und Markern. Welcher Aspekt die grössere Rolle spielt, ist völlig den Spielern überlassen. Aber klar ist, dass Fog of Love ausschliesslich thematisch Spass macht. So sollten Entscheide stets aus Sicht der fiktiven Charakter getroffen und erzählerisch noch etwas ausgeschmückt werden. Rollenspiel eben…

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Die Szenenkarten: Links: Beide Spieler müssen sich für eine Reaktion entscheiden und platzieren danach entsprechend ihre Token – zusätzlich wächst ihre Liebe, falls sie dieselbe Option gewählt haben. Rechts: Derjenige, der die Karten ausspielt, legt ein Token auf die positive ‚Neugierde‘-Skala, dann wählen beide eine Option. Je nach Resultat werden die beiden danach glücklicher sein zusammen – oder auch nicht…

 


Wie werde ich glücklich?

Nur durch das Rollenspiel erwachen die Charaktere zum Leben und beginnen ihre Geschichte zu erzählen. Offen bleibt nur noch das Ende; und hier kommen wir zum Pünktchen auf dem i: den Schicksalskarten. Beide Spieler beginnen die Partie mit den gleichen Schicksalskarten auf der Hand. Diese bestimmen, wie die Beziehung enden wird/soll/muss. Während der Partie werden kontinuierlich Schicksalskarten abgeworfen bis am Ende der Partie beide Spieler nur noch eine übrig haben. Der Witz: Ob eine bestimmte Schicksalskarte am Schluss gespielt werden darf, hängt unter anderem davon ab, wie glücklich und verliebt die beiden sind. Das heisst, wenn Bob seine drei Zielkarten nicht erfüllen kann (Bob wird wahrscheinlich sehr unglücklich sein), wird zumindest für ihn eine Trennung sehr wahrscheinlich – oder er findet noch vor Ende der Partie irgendeine abstruse Beziehungsdefinition, die für ihn zumindest funktioniert. Aber leider weiss Bob nicht, auf welches Ende Jane hofft, und wie glücklich sie denn überhaupt ist. Und so versuchen beide Spieler eigentlich nur, sich selber glücklich zu machen, und wenn’s im selben Atemzug auch noch klappt, zusammenzubleiben, umso besser…

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Welches Schicksal darf es sein? Equal Partners: Beide sollten ähnlich stark verliebt / glücklich sein und – wichtig – der Partner darf sich nicht trennen wollen. Dominant: Ich muss meine Token auf der ‚Zärtlichkeit‘-Skala im negativen Bereich liegen haben, muss glücklicher sein als mein Partner und dieser darf sich ebenfalls nicht trennen wollen. Heartbreaker: Ich darf nicht sehr aufrichtig und mein Partner nicht sonderlich glücklich sein; er sollte aber dennoch nicht Schluss machen wollen…

Ein Kompromiss

Abschliessend kann ich lediglich erneut betonen, dass Fog of Love in jeder Beziehung (hehehe…) ein Kompromiss ist. Ein Kompromiss zwischen Geschichte und Spiel (wie sehr viele andere narrativen Spiele da draussen). Für mich persönlich funktioniert die Gradwanderung aber hier sehr gut. Das Spiel erzählt sehr amüsante, kleinere Geschichten – die übrigens auch allen aus eigener Erfahrung bekannt vorkommen werden – während beide Spielenden versuchen, das grössere Ganze im Hinterkopf zu behalten und ein bestimmtes Schicksal zu verfolgen, um so glücklich zu werden. Wer und ob überhaupt jemand gewinnt, ist höchstens sekundär.

Dennoch steht der abstrakte Mechanismus dem Spiel hie und da etwas im Weg. Zum Beispiel wenn bei einer Entscheidung lediglich auf die Symbole geachtet und die tatsächliche Antwort / Reaktion möglicherweise komplett ignoriert wird (da die meisten Szenenkarten für beide Spieler offen da liegen). Ohne die Anstrengung und das aktive Mitspielen der Beteiligten kann der Charme des Spiels verloren gehen und es resultiert wie erwähnt nur noch ein langweiliges Tokenverschieben.

Alles in Allem bringt Fog of Love dennoch etwas Neues und Spannendes auf den Tisch und hält, was es verspricht, nämlich ‚a romantic comedy as a board game‘.

2 Kommentare

  1. Da Männer doch immer nur das eine wollen stelle ich mir das Spiel sehr einfach vor. Der Schwierigkeitsgrad kann dann natürlich an der weiblichen Seite liegen. Und da wird das ganze dann aber schwer nachvollziehbar bzw. die richtige Entscheidung von einer Spielrunde kann beim nächsten mal völlig falsch sein. Das sorgt dann natürlich für einen hohen Wiederspielwert.
    Werde mir das Spiel holen, wenn eine Erweiterung mit Kindern rausgekommen ist – Fog of Family.

    1. Hehe… wieder diese Stereotypisierung… =) aber wenn du etwas Herausforderung willst, können auch beide Spieler Frauen spielen, na?

      Es gibt schon Baby-Szenenkarten und Szenarien – ziemlich amüsante Angelegenheit…

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