Card City XL – Mayonnaise im Supermarkt

Im Anfang des Konsumzeitalters war die Welt noch ganz einfach. Wer eine Mayonnaise kaufen wollte, ging in den nächstbesten Laden und kaufte das dort vorhandene Glas mit der weissen Sauce. Es stand genau ein Produkt zur Auswahl. Der Kunde wollte Mayonnaise und er kriegte Mayonnaise.

Der Fortschritt wollte es, dass sich neben dieses eine Glas schon bald weitere, ähnliche Gläser oder Tuben hinzugesellten. Der Käufer hatte nun die Wahl zwischen einem billigeren Produkt und einer oder zwei teureren Varianten. Das freute den Kunden, denn nun konnte er bei der Wahl seiner Mayonnaise mitentscheiden und durfte sich zu Hause ob seiner Entscheidung freuen. „Ha! Ich habe gespart, weil ich die billige Mayonnaise esse!“, oder:  „Toll! Die teure Mayonnaise schmeckt viel besser.“ Mehr Auswahl bedeutete mehr Zufriedenheit. Später füllte das Sortiment eines anständigen Supermarkts mindestens ein ganzes Gestell. Fettarm-Varianten, Freilandbioeiermayonnaise, Dijonsenfmayonnaise, Extrabilligmayonnaise, Familienpackung, Budgetvariante, etc. Für jeden ist etwas dabei. Was toll klingt, hatte einen sonderbaren Nebeneffekt. Statt noch glücklicher ob der riesigen Auswahl zu sein, stieg bei der Kundschaft die Verunsicherung. „Habe ich wirklich die richtige Mayonnaise gekauft, oder wäre die in der blauen Verpackung nicht doch besser gewesen?“ Psychologen haben diesen Sachverhalt natürlich schon lange untersucht. Einer von ihnen, Barry Schwartz, nannte diesen Effekt „the paradox of choice“ (Auswahl-Paradoxon) und behauptet, dass eine zu grosse Auswahl sogar unsere Lust, etwas zu kaufen, verringern kann. Die einfache Erklärung dafür lautet: Bei einer grossen Auswahl an gleichen Produkten kann ich beim Kauf sehr oft das „Falsche“ wählen. Statt einen Fehler zu machen, machen viele Menschen oft lieber gar nichts und lassen die Mayonnaise im Gestell.

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Zu viel Auswahl? Vielleicht gibt es zur Bewertung von Mayonnaise ein Forum oder gar einen Blog?

Wer jetzt an Ähnlichkeiten zur Brettspielszene und der Flut an jährlichen Spiel-Neuerscheinungen denken muss, um endlich die Kurve zum Thema Brettspiele zu kriegen, dem geht es wohl wie mir. Wie kann ein normaler Mensch hier noch eine vernünftige Auswahl treffen? Als wäre die reine Anzahl potentieller Kaufobjekte nicht schon überwältigend genug, kommen viele Spiele neuerdings auch gleich noch mit Varianten im Regelheft daher. Gleiches gilt für Erweiterungen. Da kauft man oft ganz viele Möglichkeiten ein, um dann eine oder gar einen Mix davon auszuwählen. Nach dem Kaufentscheid muss ich mich also zusätzlich nochmals entscheiden, auf welche Art ich spielen möchte? Ein ganz schlimmes Exemplar, was Varianten anbelangt, ist Card City XL, um nun endlich auf das eigentliche Thema dieses Beitrags zu kommen. Das Spiel wirbt stolz damit, auf 240 verschiedene Arten spielbar zu sein. Das klingt erst mal nach einem riesigen Gestell mit Mayonnaise und nicht nach Spass. Die Leser mögen es mir verzeihen, aber ich habe noch nicht alle Varianten durchgetestet und trotzdem wage ich es, hier ein Urteil über das Spiel zu fällen. Nur um euch zu helfen, ob ihr ein weiteres Glas Mayonnaise Spiel auf euren Wunschzettel setzen oder mit Sicherheit daran vorbeigehen könnt.

Worum geht es: Nicht um Mayonnaise! Card City XL (LudiCreations, Alban Viard) lässt den Spieler in die Rolle eines Bürgermeisters schlüpfen. Unser Job ist es, eine Stadt wachsen zu lassen und am Ende möglichst viele Einwohner in den Wohngebieten zu haben. Jede Runde bauen wir hierzu Quartiere, repräsentiert durch Karten, an unsere bestehende Stadt an. Dumm nur, dürfen wir die grünen Wohnquartiere nicht nebeneinander bauen. Diese Quartiere wachsen dafür in einer späteren Phase von selbst, wenn genügend Freizeitquartiere daran angrenzen.

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Das obere Wohnquartier (R) liegt neben zwei Gebäuden für Freizeitaktivitäten (L) und darf darum wachsen. Würden wir dieses links oben in der Lücke ansetzen, hätten wir ein drei Karten grosses Wohnquartier.

Diese Freizeitgebäude kosten natürlich Geld. Dieses wiederum kriegen wir, indem wir Gewerbeflächen in unsere Stadt aufnehmen. Ähnlich wie die Wohnquartiere dürfen auch die kommerziellen Nutzflächen nicht nebeneinander gebaut werden, sondern wachsen von selbst, wenn genügend Wohngebiete angrenzend sind.

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Dieser Gewerbedistrikt wirft insgesamt 6 Münzen ab. Auch hier gilt, je mehr Karten, desto mehr sind einzelne Quartiere wert.

Die Stadtgrösse ist auf 5×5 Felder limitiert und wird noch mehr eingeschränkt, sollten wir nicht über genügend Industriezonen in unserer Stadt haben. Sind die 20 Karten pro Spieler verbaut, wird abgerechnet. Zusammenhängende Wohnquartiere geben immer viel mehr Punkte als einzelne, darum gewinnt derjenige, welcher es schafft, seine Stadt auf die richtige Art und Weise „wachsen“ zu lassen. Dass sich die Stadt dank meiner Planung „von selbst“ entwickelt, lässt Sim-City Stimmung aufkommen und ist ein gut gelungener Aspekt des Spiels.

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Ob Geld oder Punkte, das System bleibt gleich. Grösser ist besser.

Card City XL ist im Prinzip ein Puzzle. Es gibt bei 20 verfügbaren Karten eine optimale Anordnung, man könnte gar sagen eine Lösung, welche den höchstmöglichen Wert von 79 Punkten abwirft. Im Solospiel (ja es gibt auch noch die Mehrspielervariante, dazu später mehr) kann ich versuchen, diese 79 Punkte zu schaffen. Das scheint mir nicht ganz einfach, auch nach mehreren Durchgängen und etlichen theoretischen Überlegungen habe ich es bisher nur auf etwa 55 Punkte gebracht. Trotz der einfachen Regeln befindet sich Card City XL  auf der gehirnbeanspruchenderen Seite des Spielespektrums. Ich würde das Spiel nicht zu später Stunde den Freunden auftischen. Wer solche Knobeleien mag, wird an dieser Sim-City-Umsetzung auch als Solospieler seine Freude haben, wer nicht gerne puzzelt, garantiert nicht.

Die hier erwähnten Regeln erklären knapp die vereinfachte Einsteigervariante. Das Spiel bietet noch zwei weitere Schwierigkeitsgrade, in denen Luftverschmutzung, Parkhäuser, Parks und leeres Bauland und weitere Kleinigkeiten in die Überlegungen mit einbezogen werden müssen. Ausserdem darf man aus fünf möglichen Gewinnbedingungen auswählen und als Krönung gibt’s 4 Varianten, die untereinander kombiniert werden können. Wir haben also rein rechnerisch 3 x 5 x 16 = 240  Mayonnaisen Spielvarianten.

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Damit das Puzzle noch schwieriger wird: Industrien erzeugen Luftverschmutzung, geteilte Karten sind vielseitig einsetzbar und Parks schützen vor Minuspunkten.

Braucht es das? Herr Schwartz wäre von dieser Auswahl wohl mässig begeistert und tatsächlich erleichtert dieses grosse Angebot den Einstieg in das Spiel nicht unbedingt. Die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade haben nicht nur mehr Regeln, sondern verändern gewisse Elemente. Das Nachschlagen einer Regel wird sofort mühsam und es empfiehlt sich, mit der „simplified version“ – also der Einsteigervariante – zu beginnen. Fühlt man sich da sicher, darf dann jeweils ein Gang hochgeschaltet werden.

Card City XL kann den Solospieler also wunderbar unterhalten. Im Mehrspielermodus kommt ein Mechanismus zum Einsatz, der etwas Interaktion ermöglicht und gut funktioniert. Ein Spieler zieht die benötigte Anzahl Karten und teilt sie in zwei Haufen auf. Der nächste Spieler wählt dann, welchen Kartenhaufen er für sich beansprucht. Ich kann also nicht alle tollen Quartierkarten in einen Stapel packen, sonst krieg ich davon garantiert nichts ab. In den höheren Schwierigkeitsgraden sind dabei einige Karten in den Haufen verdeckt, was Bluffen und Spekulieren ermöglicht und den Spieler vor schwierige Entscheidungen stellen kann.

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Welchen Stapel wähle ich nur? Das Wohnquartier in der rechten Auslage wäre sicher ganz nützlich. Vielleicht will uns der Gegner damit aber nur ködern und die tollen Karten liegen links unter dem wertlosen Parkhaus.

Im Mehrspielermodus wird das Spiel weniger berechenbar, da mir die Mitspieler vielleicht Karten wegschnappen, welche ich unbedingt bräuchte, oder es wird mir z.B. ein nutzloses Parkhaus untergejubelt. Hier muss schnell mal ein Plan umgestellt werden können. „Diese Industrie brauche ich gar nicht – wo baue ich die hin, ohne dass mein schönes Wohnquartier verdreckt wird…?“ Card City XL funktioniert also auch mit mehreren Spielern. Vor allem 2-3 Personen scheinen ideal. Bei vier Spielern wird die Phase zum Verteilen der Karten für meinen Geschmack zu lang.

Die Interaktion während des Spiels ist auf diese Phase beschränkt. Jeder baut seine eigene Stadt, ohne von den anderen behelligt zu werden, aber beim Verteilen der Karten muss berücksichtigt werden, was mein Gegner wohl gerade braucht. Mache ich das nicht, wird ein Sieg wohl nicht drin liegen. Einen direkten Wettbewerb zwischen den wachsenden Städten findet aber (leider) nicht statt.

Falls jemand gerne Puzzle löst und dem Thema nicht abgeneigt ist, findet sich in Card City XL eine schöne Auswahl an Mayonnaise. Wer keine Lust auf viel Planung und Rechnerei hat, sollte hiervon die Finger lassen. Andere Spiele gibt es genug.

Andere MUWINSer haben versucht eine Stadt zu errichten und Einwohner anzulocken…

Lukebigbosss: Ich mag Card City XL nicht. Als Filler dauert es mir zu lange und zockt sich zu wenig flutschig. Häufig korrigiert mich der Regelmaster und meint: Nein, ein Hochhaus darf nicht neben einem anderen Hochhaus… Wie bitte? Hat der Autor noch nie etwas von verdichtetem Bauen gehört? Hinzu kommt das langweilige Thema und das solitäre vor mich her Puzzeln. Interaktionen entwickeln sich nur mittels Auswahlmechanismus. Der ist aber absolut nicht spektakulär. Wir haben als Kinder in dieser Manier bereits unser Pausenbrot, unser Knoppers und später unser Bier geteilt.

2 Kommentare

  1. freue mich schon auf den ersten Mayonnaise-Blog.
    Schön geschrieben und die Qual der Wahl ist wirklich überall.
    Ich kaufe einfach alle Spiele. Da bin ich auf Nummer sicher.

    1. Der Herr Schwartz hat in seinen Studien sicher nicht so gerissene Teilnehmer gehabt: Einfach alles kaufen, so muss auch keine Wahl getroffen werden. Die Vollendung des Konsums! Gratuliere.

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