Brettspiele sind die Lösung aller Probleme!

Der endgültige Beweis dafür bleibt zwar noch aus, sieht man sich jedoch etwas auf den für unser Hobby relevanten Internetkanälen und -portalen um (BoardGameGeek, Youtube, Twitter…), stellt man schnell einmal fest: Der Glaube an die potentiell gralsähnlichen Kräfte des Mediums Brettspiel ist weit verbreitet, die entsprechend darin gesetzten Heilserwartungen kennen praktisch keine Grenzen. Dabei mag einerseits auffallen, dass diese vornehmlich von der Kundschaft geschürt werden, während sich Verlage und Vertreiber selbst mit solchen Verheissungen zurückhalten. Aber andererseits wissen wir ja schon länger: Nur der wahre Messias leugnet seine Göttlichkeit!

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Am augenfälligsten und – so macht es zumindest in den anglophonen Teilen des Internets den Eindruck – weitesten verbreitet scheint diesbezüglich der Glaube an die Brettspielen innewohnende Heilkraft gegen Sozialphobie zu sein. Wer unter solchen Angstzuständen leidet, fürchtet sich davor, während des Zusammenseins mit anderen im Mittelpunkt zu stehen und dabei in irgendein Fettnäpfchen zu treten. Als therapeutischer Ansatz scheint es mir nun durchaus vertretbar, Betroffene zu ermutigen, sich während des Verlaufs ihrer Behandlung in Gesellschaft zu begeben und sich ihrer Angst zu stellen. Idealerweise sammeln sie so positive Erfahrungen und lernen dabei, ihre Erwartungen an das Erlebnis und dessen mentale Verarbeitung besser zu kontrollieren, sprich: die Angst in den Griff zu bekommen. Dazu kann gewiss auch ein Brettspielabend Gelegenheit bieten.

Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist jedoch: Wäre ein unverfängliches Treffen mit Bekannten oder Freunden auf Kaffee und Kuchen, ein Spaziergang im Wald, ein Filmabend bei jemandem Zuhause nicht besser geeignet, zumindest als erster Schritt? Gewiss, bei einem Brettspielanlass steht vordergründig das Spiel im Mittelpunkt, unübersehbar, mitten auf dem Tisch. Doch wie viele Möglichkeiten bietet es im Verlauf einer Partie, einen „Fehler“ zu begehen? Als ob soziale Konventionen nicht schon anstrengend genug sein könnten, gilt es nun auch noch, die Regeln des Spiels zu verstehen und umzusetzen. Es sollte möglichst klug gespielt werden, will man doch keine dummen Züge machen, die bei den Mitspielern Stirnrunzeln und fragende Blicke provozieren könnten. Das ist wohl schon keine leichte Aufgabe, wenn jeder für sich zu gewinnen versucht – aber was, wenn man in einem Teamspiel versagt, ein kooperatives Spiel aufgrund des eigenen suboptimalen Vorgehens verloren geht? Und sich dann womöglich am Tisch auch noch jemand aufregt – wenn auch nur temporär – weil u.a. deswegen die Partie bachab ging?

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Zugegeben, so was hängt zu einem grossen Teil auch von den Mitspielern ab, und früher oder später gilt es für Sozialphobiker wohl auch, sich solchen Situationen zu stellen. Insofern könnte man ein Brettspiel also durchaus als Therapieinstrument heranziehen. Aber das scheint so einigen, die sich im Internet selbst als an Sozialphobie leidend bezeichnen (worüber, und das möchte ich hier deutlich gesagt haben, ich mir kein Urteil anmasse), noch nicht der Konfrontationstherapie genug zu sein. Stattdessen üben sie sich zusätzlich als Blog- oder gar Videorezensenten. Im Prinzip gewiss auch nichts Verkehrtes, aber gerade als Letzteres begibt man sich doch in die Höhle eines nicht nur furchteinflössenden, sondern zudem äusserst leicht reizbaren, übereilt aburteilenden, in seinen Äusserungen gern unzimperlichen, wenn nicht gar hemmungs- und erbarmungslos brüllenden Trolllöwen.

Und spätestens da frage ich mich: Ist es wirklich noch das Brettspiel, welches hier einen therapeutischen Zweck erfüllen soll? Sind es in diesem Fall nicht die sozialen Medien als solche, die mit einfach zu ergatternden „Likes“, „Thumb Ups“, Herz-Emojis und zweisilbigen, locker aus dem Ärmel geschüttelten Komplimenten dem Selbstvertrauen schmeicheln? Könnte man diese nicht genauso leicht auch für appetitlich angerichtete Speisefotos, selbstgestrickte Alumützen und süsse Katzenfilmchen erheischen?

Hinzu kommt, dass sich manche dieser Leute aufgrund der Bestätigung, die sie online erhalten – und die ich ihnen von Herzen gönnen mag – offensichtlich dazu veranlasst fühlen, Leidensgenossen zu ermutigen, es ihnen gleich zu tun. Das ist an sich noch nicht verwerflich. Doch der Schritt zu bestenfalls laienhaft harmlosen und schlimmstenfalls fahrlässig inkompetenten psychiatrischen Ratschlägen liegt nun plötzlich gefährlich nahe, der Übergang von unverfänglichem Erfahrungsaustausch zu pseudotherapeutischen Empfehlungen ist schmal und verwaschen. Welche teils gravierenden Konsequenzen es nach sich ziehen kann, wenn sich medizinisch unqualifizierte Personen – die noch dazu oft selbst Patienten sind – auf einmal zum Therapeuten berufen fühlen, hört und liest man immer wieder aus anderen Bereichen, wie beispielsweise der Ernährungsberatung.

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Doch Angstzustände sind bei weitem nicht das einzige, was Brettspiele anscheinend heilen können. Auch bei Bemühungen um eine bessere Integration gewisser gesellschaftlicher Gruppen oder zur Konfliktbewältigung jeglicher Art wird gerne auf dieses Medium gesetzt. Nachfolgend eine kleine Auswahl an Testimonials*.

Erwin T., 24, Student:

In meiner Nachbarschaft gibt es ein Flüchtlingsheim. Ich würde gern etwas tun, damit dessen Bewohner sich hier willkommener und besser integriert fühlen, und werde deshalb morgen mit einigen Brettspielen vorbeigehen. Terra Mystica und Trickerion habe ich schon eingepackt, welche anderen Titel würden sich wohl zusätzlich noch eignen?

Uschi W., 41, Kleinkinderzieherin:

Ich finde es wirklich schade, dass die verschiedenen Generationen in meinem Quartier so aneinander vorbeileben. Also möchte ich ein Brettspielcafé gründen, exklusiv zum Zweck, Jung und Alt zusammenzubringen – so können sich klein Justin-Finn und Oma Bergman bei einer Partie Twilight Struggle wieder näherkommen! Wer hilft mit?

Helmut M., 38, Gemüsefachfrau:

Meine beste Freundin ist begeisterte Brettspielerin, aber ihr Mann hat selten Lust darauf. Sie hat bereits versucht, ihn mit allerlei Titeln anzufixen, aber er empfindet es oft als Arbeit („man muss soviel überlegen, und dann noch all diese Regeln…“) oder langweilt sich schlichtweg, regelmässig solange am Tisch zu sitzen, und würde lieber anderen gemeinsamen Aktivitäten nachgehen. Ich fürchte, wenn es so weitergeht, werden sie sich irgendwann trennen! Welche Brettspiele könnt ihr empfehlen, um ihre Beziehung noch zu retten?

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Angelika S., 49, Hausärztin:

Kürzlich habe ich im Internet gelesen, dass man mit Brettspielen seine feinmotorischen und geistigen Fähigkeiten trainieren bzw. erhalten kann. Da ich auch im Alter gerne noch selbständig und aktiv bleiben möchte, versuche ich, möglichst täglich Brettspiele auf den Tisch zu bekommen. So spiele ich z.B. oft Ein Fest für Odin für die Hand-Augen-Koordination (kniffliges Zu- und Einordnen der Plättchen auf meinem Spielertableau!) oder Die Akte Whitechapel für meine geistige Fitness (so viele Felder mit unterschiedlichen Zahlen drauf!). Kennt ihr noch andere Brettspiele, die sich hierfür eignen?

Kim P., 29, Regierungsangestellter (persönlicher Assistent der höchsten Person):

Mein Chef liegt sich schon seit längerem mit einem Amtskollegen in den Haaren und es wird irgendwie immer schlimmer. Da sie beide über einen sehr ausgeprägten Haarsch-, äh, Dickkopf verfügen und eine Eskalation ihres Streits weitreichende Folgen – sowohl für ihre Angehörigen als auch ihre Nachbarn – haben könnte, möchte ich sie mittels eines Brettspiels versöhnen. Ich habe schon etwas nachgeforscht, und Kemet scheint mir ein guter Kandidat zu sein. Können jene von euch, die es bereits gespielt haben, das bestätigen?

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Ja, die hier zitierten Damen und Herren verfolgen allesamt hehre Ziele. Und ja, in manchen Situationen können gewiss auch Brettspiele etwas dazu beitragen, diese zu verwirklichen. Aber genauso oft – und oft öfter – würden sich dazu auch andere Mittel und Vorgehensweisen anbieten, die, so schwer das für einige zu akzeptieren sein mag, nicht nur einfacher umzusetzen, sondern eventuell sogar erfolgversprechender wären. Um Jung und Alt zusammenzubringen oder vereinsamte Leute aufzumuntern, sind Brettspiele kein besseres Mittel als ein gemeinsam organisiertes Nachbarschaftspicknick und ein nettes, aufmerksames Gespräch bei einer Tasse Tee oder einem Bier. Brettspiele retten keine Beziehungen, in denen es an anderen Gemeinsamkeiten mangelt. Ein „Feld“ (oder fünf) allein schützt noch nicht vor Altersgebrechen wie Alzheimer oder Rheuma. Und Carcassonne wird aus Merhawi keine gut integrierte Mitbürgerin machen. Sollte dereinst gar die ganze Erdenbevölkerung in freudiger Eintracht zusammenleben, wird auch dies leider nicht das Verdienst von Brettspielen sein.

Mir ist durchaus bewusst, dass kaum jemand ernsthaft solch weitgreifende Erwartungen in Brettspiele steckt. Und doch scheint es für viele naheliegend, ihr Lieblingshobby als prima Lösungsansatz für beinahe beliebige Probleme oder Anliegen heranzuziehen und im Internet als solchen anzupreisen. Dabei gehen wohl manchmal zwei Punkte vergessen: Erstens mögen nicht alle Brettspiele. Und genau wie bei Rosenbergkohl-Verächtern macht es dabei wenig Unterschied, ob das Ding nun gebraten, gebacken oder gekocht daherkommt – genauso wenig, wie ein ständiges Nachfragen den Appetit darauf steigern wird. Zweitens spielen wir aus Gründen der Geselligkeit und Unterhaltung, weil es uns Vergnügen und Spannung bereitet, gewiss auch, weil wir dabei den Alltag, die Arbeit und damit verbundene Sorgen für eine Weile vergessen oder zumindest ausblenden, nicht jedoch in Luft auflösen können. Ja, Brettspiele haben etwas Eskapistisches. Und Brettspiele bleiben in erster Linie vor allem eines: Spiele.

peace8c

* Sämtliche Namen sind frei erfunden. Den Zitaten liegen tatsächliche Tweets, Forenbeiträge und Videos zugrunde, welche ich hier natürlich dramatisiert habe (abgesehen vom letzten, das enstprang gänzlich meiner Fantasie).

 

9 Kommentare

    1. Werter Patient #1

      Du steckst da schon zu tief drin. Für dich ist es nun an der Zeit, mit Therapie-Phase 3 (Videobeiträge) zu beginnen.

      MfG

      Dr. med. ark. Pete Shotgun

  1. Großartig, endlich geht mal einer gegen diese Glorifizierung von Brettspielen vor. Was allerdings stimmt das man beim Brettspielen jemand wirklich fix kennenlernen kann, in öffentlichen Spielrunden führt das dann dazu das man die nächsten Tage lieber wieder daheim spielt. Kinder müssen auch nicht zum Spielen gedrängelt werden und nicht jeder Flüchtling hat Bock zwischen Existenzkampf und Aussichtslosigkeit eine Runde Phase 10 zu spielen. Dazu ist es auch kein besonderes Hobby oder besseres Hobby als andere, Spiele sind letztendlich Spiele, da gibt es vielleicht hundert sehr gute Spiele und wer den Rest nicht kennt der hat definitiv nichts in seinem Leben verpasst.

  2. Ich mußte herzhaft lachen 🙂 .Sehr gut geschrieben!!!!
    Leider gehöre ich aber zu denen,die Spiele schon ein bißchen glorifiziert.Man trifft sich in dieser schnelllebigen Gesellschaft und hat Spass *zusammen* .
    Nur ich würde den Fehler nicht machen,dass ich das Spielen einem Freund oder Unbekannten aufzwingen würde.
    Einen negativen Aspekt würde ich noch hervorheben.
    Wer kann sich überhaupt noch so viele Spiele leisten?
    Neuerdings heißt es,bist Du auch bei diesem Kickstarter dabei?
    Nicht?Das verstehe ich aber nicht….Das erinnert mich stark an:Mein Haus,mein Boot,mein Auto usw.,deshalb habe ich mittlerweile die Glorifizierung abgelegt.
    Macht weiter so,solche Artikel finde ich klasse,aber ich höre lieber auf,sonst würde ich glorifizieren 😉

  3. Wie jetzt? Ich dachte, die Lösung aller Probleme sei die Sache mit den Bonobos!

    Jedenfalls: Ich kann dem Tenor dieses Artikels nur in aller Deutlichkeit zustimmen! Ich persönlich benutze vor allem hochkomplizierte und interaktionsfreie Euros, um sozialbehinderte Brettspieler wie die oben beschriebenen durch Zurschaustellung meiner überlegenen Kopfrechenfähigkeiten zu demütigen. So befriedige ich meine sadistischen Bedürfnisse und steigere zugleich mein unterentwickeltes Selbstwertgefühl — aber damit hat das eigentlich nichts zu tun, denn hier geht es ja nicht um mich, also in ersten Linie zumindest. Ich verfolge vielmehr erzieherische Ziele, um Anhänger der Brettspielesoterik durch Einsicht und Demut wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Das ist ja eigentlich schon fast Altruismus, wenn man es genauer betrachtet.

    1. Ah, ein Bruder im Geiste! Vor deiner meisterhaften Art, deine sadistische Ader auf solch altruistische Weise auszuleben, kann ich nur den Hut ziehen!

  4. Mh, kommt mir etwas zu negativ rüber. Sicher gibt es übersteigertes Sendungsbewusstsein. Aber das existiert bei jedem Hobby, vom Modellbootbauer bis zum Retro-Computer-Sammler. Jeder will den gegenüber von seiner Leidenschaft erzählen und trifft man auf Gleichgesinnte ergibt sich ein reger Austausch. Trifft man auf Unwissende, muss man sich rechtfertigen für die viele Zeit und das viele Geld das dort reingesteckt wird.
    Anstrengend wird es bei den Hobby-Missionaren, die bekehrend auf ihr gegenüber einwirken wollen. Diese Sorte Mensch gibt es sicherlich auch bei uns Brettspieleren aber mindestens genau so oft bei Hundebsitzern oder Eltern. Aber wer mal einen Abend mit Brettspielmuffeln am Tisch verbracht hat, merkt eigentlich schon beim Regelerklären, dass es ein langer zäher Abend werden wird. Und wenn beim ersten Zug ein Mitspieler sagt „Na, ich mag ja Spiele, bei dem man schon am Anfang weiß wer gewinnt“, dann kann man sich nur noch in den Alkohol stürzen. Laut Homer S.nämlich ist nämlich Alkohol der Ursprung und die Lösung sämtlicher Lebensprobleme, nicht Brettspiele.
    Ich habe mich durch das Pseudowissenschaftliche Buch „Rettet das Spiel!: Weil Leben mehr als Funktionieren ist“ gequält. Leider steht im Buch nicht viel mehr als auf dem Klappentext. Eine Aussage fand ich aber doch ganz treffend – nämlich dass man beim Spiel (nicht nur Brettspiel) Dinge ausprobieren kann, ohne Konsequenzen zu fürchten. Ich kann mich innerhalb der „Spielregeln“ aggressiv, vermittelnd, arschig verhalten und gucken wie mein Gegenüber reagiert. Das ist für Kinder sehr spannend und für Erwachsene auch.

    Brettspiele lösen nicht die Weltprobleme, sie schaden aber auch nicht. Und das behauptet wird, dass Brettspiele Leuten mit Sozialphobie helfen, lässt sich einfach durch einen Besuch bei einem offenen Brettspieltreff belegen. 80% der dort Spielenden haben keinen anderen Kontakt zur Aussenwelt und es handelt sich um einen groß angelegten Wiedereingliederungsversuch.

    Und jetzt alle: Brettspielen ist es! Es ist der Messiahs!
    Weil wenn es so wäre, hätte ich viel Zeit und Geld verschwendet…

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