Ein Jahr danach: Na, wie geht’s denn dem Patienten…?

Am 9. Januar 2017, also vor praktisch genau einem Jahr, musste ich meinem Ärger hier letztmals richtig Luft machen. Unser aller allerliebstes Hobby befindet sich ja vordergründig auf einem immer schwindelerregendere Ausmasse annehmenden Höhenflug. Und doch, wir damals noch blutjungen MUWINS-Motzer mussten unbedingt nach dem Haar in der Suppe suchen – und dann auch noch dem ganzen Lokal ausschweifend davon erzählen! Nun, wir waren damals (und sind es noch) ein unbedeutender Partikel in der Spieleszene, wollen ihr auch nach wie vor nichts Böses (im Gegenteil). Aber es ist an der Zeit für die erste Nachkontrolle. Und wie es üblich ist, führen wir dabei keine Rundumuntersuchung durch, sondern beschränken uns fokussiert auf wenige augenscheinliche Symptome.

Ein von uns ansonsten sehr geschätzter Rezensent hat am 7.1.2018 einen Artikel mit dem Titel „Wer Spaghetti-Western mag, wird dieses Brettspiel liebenveröffentlicht. Der Satz war letztlich der Anlass für diese Nachuntersuchung, denn er hat einen ungesunden, massiven Adrenalinschub ausgelöst. Weniger beim Patienten, als beim behandelnden Pflegepersonal – also mir.

Denn ohne zu gucken: Was denkt ihr, von welchem Spiel dabei die Rede ist?

Nein, das empfiehlt er zwar dann auch noch – für Fortgeschrittene, aber es geht um das Andere: Pioneers nämlich. Das scheint ein recht nettes Spiel zu sein, mit hübscher Grafik und durchdachten, funktionierenden Mechanismen. Man schickt dabei „Cowboys“ durchs Land – auf der Suche nach ihrer optimalen Arbeitsstelle. Und da sie die zu Beginn noch nicht haben, sind die Finanzen entsprechend knapp, also teilt man sich eine Postkutsche (offenbar eher eine Postkuuuuuuuuutsche, denn es finden haufenweise Leute darin Platz).

Und nun denken wir einmal kurz an die grossen Zeiten des erwähnten Spaghetti-Westerns zurück (wer zu jung ist, darf auch googeln). Es gibt wohl äusserst gute, aber zugegebenermassen nicht viele unterschiedliche Gründe, sich diese Filme anzusehen. „Schmierige Typen und blutige Schiessereien“ dürfte die wichtigsten davon zusammenfassen, eventuell kann man noch „tolle Filmmusik“ gelten lassen.  Und was findet der Spaghetti-Enthusiast davon in Pioneers? Nun gut, für die Hintergrundmusik kann er selber sorgen, aber ansonten: Nada, Gringo!

Das Thema „Berufsberatung“ ist in Spiel mir das Lied vom Tod und anderen filmischen Vertretern des Genres nämlich deutlich unterrepräsentiert (vielleicht hat auch jemand den Ausdruck „Headhunter“ missverstanden), und Siegpunkte treten hauptsächlich dichotom auf: Tot oder nicht tot.

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Er ist auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar und darf bei Pioneers nicht mitspielen. Im Spaghetti-Western dafür schon.

Sowohl der Rezensent wie auch der der Verlag wissen das, bezeichnen das Spiel denn später auch als „Optimierungsspiel“, beziehungsweise legen viel Wert auf das Thema „Pioniere“ statt auf Pulverdampf. Aber mal ehrlich: Warum dann überhaupt „Western“? Wer immer sich einen davon anschaut, erwartet mindestens eine grössere Schiesserei (ein Kavallerieeinsatz (sie kommt spät, aber sie kommt) gilt auch), sowie nach Möglichkeit die eine oder andere Saloon-Schlägerei. Es tut mir leid, aber das Spiel kann noch so nett sein – ich werde den Eindruck nicht los, dass man hier einmal mehr zu tricksen versucht und mir ein nicht-existentes Thema aufschwatzen will, reagiere mit konsequentem Nichterwerb und hole stattdessen Carson City aus dem Regal.

Verlassen wir die laufbahnorientierte Wildnis des Westens und kommen auf eines unserer Lieblingsthemen: Städtenamen.

Beziehungsweise schweifen wir zuvor noch kurz ab und berichten von einer äusserst erfreulichen Entwicklung in der Form von Frosted Games. Matthias Nagy hat sich offenbar unter anderem vorgenommen, der deutschen Spieleszene jene Perlen zu liefern, die einem eher anglophoben Teil des Publikums bisher verschlossen geblieben sind. Mit 13 Tage hat er dabei einen Superknaller allererster Güte gelandet und uns für alle Zeiten weitgehend besänftigt. Mit Hochverrat (High Treason) legt er eine weitere Schippe nach, und es sollen noch einige Pfeile im Köcher stecken, so dass mit zukünftigen Trouvaillen zu rechnen ist.

Aaaaaaaaber…

Reykholt.

Wirklich?

ReykholtJa, zugegeben, das Titelbild ist sehr schön und angenehm „anders“ illustriert, aber…

Reykholt. Oder auch Borgarbyggð.

Wirklich?

362 Einwohner. Sucht man nach Informationen zu Reykholt, findet man Fakten, wie man sie auch zu jedem X-beliebigen anderen Ort der Erde findet, wenn jemand nur krampfhaft genug danach sucht um halbwegs interessant zu erscheinen. Von Lokalprominenz (die sonst naturgemäss kein Mensch kennt) über die Tatsache, dass es dort einmal eine Schule gab (!), bis hin zum angedeuteten Erscheinen des ehemaligen Dorfpfarrers in einem Kriminalroman. Das alles interessiert uns im Spiel Reykholt aber nicht die Bohne, stattdessen pflanzen wir diese an. Und Tomaten. Und Bananen. Weil die Quellen dort so warm und die Touristen so gierig sind. Und lasst mich raten: Die Gier der Touristen wird sich in Siegpunkten niederschlagen.

reykholt google
Sehenswertes aus Reykholt in echt

Zugegeben, wir haben dazu aufgefordert, auf nichtssagende Städtenamen in Zukunft zu verzichten (und sind nicht davon ausgegangen, dass irgend jemand auf uns hören würde), aber das bedeutet nicht, dass wir nichtssagende Dorfnamen deshalb gelten lassen können. Falls ihr so etwas mögt: Schön für euch – wir wollen euch die Freude keineswegs vergällen (Stichwort Altersmilde?). Wir verstehen auch durchaus, dass man so etwas in seiner Produktepalette halt braucht, denn so ganz erholt scheint der Patient doch noch nicht. Aber bei aller Besänftigung: Für die MUWINS wird das nix!

Einige (besonders eingeschüchterte?) Verlage haben übrigens 2017 mit einer neuen Strategie versucht, sich dem MUWINS’schen Zorn zu entziehen: Anstatt den Namen einer Ortschaft oder Region zu verwenden, betitelt man das Spiel kurzerhand nach deren Bewohnern! Rajas of the Ganges, Clans of Caledonia, Founders of Gloomhaven, Raiders of the North Sea! Dazu nur soviel: Dadurch senkt sich unser Blutdruck nicht automatisch.

Allerdings: Wenn man seinen Blick über die nun nicht mehr ganz so neue Neuheitenliste der Spiel ’17 schweifen lässt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Städtenamenflut und deren Verwandtschaft dieses Jahr nicht mehr ganz so üppig ausgefallen ist. Das dürfen wir beim besten Willen nicht als Erfolg für uns verbuchen, und es bedeutet nicht, dass es keine unthematischen Spiele mehr geben würde. Oder keine schlechten Spiele (die beiden Kategorien sind NICHT deckungsgleich). Aber da wir mittlerweile nicht nur ein Jahr älter, sondern auch bedeutend weiser und eben milder geworden sind, versuchen wir, im nächsten Jahr auf schwarze Schafe mit ein wenig mehr Verständnis und Gelassenheit zu reagieren, indem wir sie noch intensiver ignorieren.

Und auch wenn wir weiterhin keine deutschsprachige Version von Combat Commander erwarten, oder die gewaltfreie Euro-Mittelalterausgabe eines Tragedy Loopers fürchten: Wir erfreuen uns an den kleinen und den grossen Fortschritten in unserer Geschmacksrichtung und stecken weiterhin viel Herzblut in die Genesung des Patienten, indem wir euch hier unermüdlich über Spiele informieren, die uns ansprechen, und die wir als MUWINS-tauglich einschätzen.

Bleibt uns treu – wie wir sind, so spielen wir!

Gesundheit!

8 Kommentare

  1. Hi, Stockum wäre doch ein super Spielename. Das ist mein Geburtsdorf. Da gibt es jetzt sogar noch eine Schule, Wahnsinn!
    Über Verkauszahlen, Umsatz und Gewinne der Spielebranche kann man ja genügend in den Zeitungen/Internet lesen. Ein Besuch der Spielemesse in Essen zeigt einem erst wirklich spürbar wieviel Geld damit gemacht werden muss. Und wo viel Geld ist, da ist auch Werbung und Marketing. Und die teilen uns dann schön in Zielgruppen ein.
    Die 30plus haben Geld und je nach Vorhandensein und Alter der Kinder auch mal Zeit für Brettspielabende. Ferne Länder (oder Städte), Ferne Welten (Mars), Menschheitsrettung (Zombie), Abenteuer (Western, Fantasy) sind scheinbar Themen bei denen die Leute zugreifen. Und da muss doch die Spielmechanik irgendwie reinpassen.
    Ich habe bei dem Spieleautorenwettbewerb von Hippodice schon einige wirklich gute Spiele gespielt, die vom Autor thematisch komplett anders vorgesehen wurden als sie später veröffentlicht worden sind. Ich finde das völlig legitim. Unternehmen sind ja nun mal da um Gewinne zu machen. Wenn aber das Thema nur nach Marketinggesichtspunkten gewählt wurde und die Spielmechanik dazu keinen Sinn macht wird es schwierig.
    Was mich gerade umtreibt sind die Spielrezensionen. In Mode und Lifestyle gibt es ja schon länger sogenannte Influencer, die orientierungslosen Menschen Halt in der großen Welt des Konsums bieten. Mein Gefühl ist, dass die Spielebranche da auch gerade hindriftet. Es gibt immer mehr Rezensionsvideos in denen alles so „awesome“ ist, dass es unglaubwürdig wird. Da müsste wirklich „Dauerwerbesendung“ eingeblendet werden. Bei über 1200 neuen Brettspielen pro Jahr und der Zeit von Kickstarter muss natürlich ordentlich getrommelt werden, um sich abzuheben. Für mich heißt Rezension aber auch, das negative Aspekte, Schwächen genannt werden, sonst sind es Produktpräsentationen. Und das perfekte Spiel gibt es nicht.
    Mein aktueller Eindruck ist, dass auch Branchengrößen ihre Geldbeutel ihrer Unabhängigkeit vorziehen. Leider ist das alles sehr intransparent und es artet bei manchen Spielen schon fast in Recherchearbeit aus sich eine ausgewogene Meinung einzuholen. Ist bei Spielen vielleicht nicht ganz so wichtig wie beim Autokauf, aber für unser Hobby finde ich das eine unschöne Entwicklung.
    Falls ich mal ein Spiel erfinde, wo liegt denn euer Preis?

    1. Wir beobachten diese Entwicklung in der Spiele-Rezensionsszene auch und können dir nur beipflichten – inklusive des explizit genannten, englischen Begriffs ;). Wobei der Effekt sicher deutlich stärker bei Videorezensionen zu finden ist, als in mühsamen, geschriebenen Artikeln – aber auch die sind nicht gefeit davor. Wir haben beispielsweise 2018 angefangen, Kürzest-Zweit-(oder auch Dritt)-Meinungen an unsere Rezensionen anzufügen, um da einen gewissen Ausgleich sicherzustellen.

      Persönlich tendiere ich „videomässig“ immer exklusiver zu Heavy Cardboard, da dort die Spiele (sehr gekonnt) erklärt und eine Partie voll (und ohne ständig Züge zurückzunehmen und mit nur sehr wenigen Regelfehlern 😉 ) mit real vorhandenen Gegenspielern durchgespielt wird. Mehr brauchts eigentlich nicht, um sich ein eigenes Bild zu machen – ist aber natürlich zeitintensiv.

      Für Leute mit kleinerem Zeitbudget gibt’s ja uns 🙂

    2. Da magst du Recht haben. Ich sehe es so:

      Da immer mehr Spiele von kleinen unabhängigen Publishern und auch aus dem Ausland auf dem deutschen Markt verfügbar werden, muss man als deutscher Verlag sehr schnell neue Kaufanreize schaffen. Da ist kaum Platz für ein mutiges Thema. Viel und schnell muss es verkauft werden, bevor der Kunde merkt, dass das Spiel nix taugt. Am Ende hat er eh so viele Spiele im Regal, dass er es eh nur 1-2 Mal spielt, wenn überhaupt. Deshalb ist die Werbung, sprich das Cover und das Material(Minis) das Wichtigste. Dann schreibt man noch ne schnelle Solo-Variante und schon läuft der Verkauf.

      Zu den Rezensionen:
      Ich gebe dir auch hier Recht, dass alles sich sehr positiv anhört. Zu positiv. Aber wie der Pete schon schrieb gibt es auch die Altersmilde.
      Ich für meinen Teil hätte 2017 ein paar richtige Verisse schreiben können. Aber ich hab nichtmal Lust, diese banalen hochgejubelten Spiele als Exemplar anzufordern. Denn ich weiss vorab schon, dass ich Mittelmaß präsentiert bekomme, und hab dann nur den Aufwand, das Zeug nach der Rezension wieder loszuwerden. Da hilft es auch nicht, wenn von anderen Awards verliehen werden. Sicher jedes Spiel hat seine Zielgruppe, und es soll Leute geben, die Spaß daran haben, jede Wochen Mensch Ärger dich nicht zu spielen. Sollen sie, muss ich aber nicht drüber schreiben.

      Und das ist auch schon der Hauptgrund, wieso nicht mehr RANTS über meine Kanäle fließen. Ich spiele den Mist gar nicht mehr. Anfangs hatte ich den Drang, dem Trend nachzueifern, um mehr Klicks, mehr Ansehen bei den verlagen etc zu erreichen. Heute weiß ich es besser…

      Ich schreibe über das, was mir gefällt, und sollte ich mal daneben greifen, wird man das auch lesen können (Aktuell ein Kinderspiel hier zu Hause… nicht so dolle, wie die Schachtel versprochen hat 🙂 )

      1. Altersmilde kam von mir. Pete kennt sowas nicht, beziehungsweise ist dafür noch zu jung 😉

        Einverstanden in Sachen Rants – wir schreiben ja auch lieber über Dinge, die uns begeistern, deswegen sind auch positive Rezis in der Mehrzahl. Aber ab und zu mal dem doch latent vorhandenen, leichten Ärger wieder Luft machen, das muss auch erlaubt sein 😉

      2. Bezüglich Rants bin auch ich mit dir einverstanden. Mir ist der Aufwand dafür in der Regel auch zu viel, zumal ich unsere Plattform hier lieber Spielen biete, die ich auch für kaufenswert erachte. Ausnahmen können vorkommen, wenn es mich spontan packt (Whitechapel) oder mich ein Spiel, auf welches ich mich sehr gefreut hatte, wirklich enttäuscht (noch ausstehend).

        @Benji: Ja, in mir lodert weiterhin auch die dunkle Seite der Macht, noch habe ich sie nicht genügend gemeistert, um mich in gewissen Dingen zurückhalten zu können…

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