The Climbers – Der Berg ruft

„Der Weg entsteht im Gehen.“

Reinhold Messner

Wer hätte gedacht, dass der bärtige Archetyp des Bergsteigens so treffende und kurze Rezensionen zu Gesellschaftsspielen im Repertoire hat. Das Zitat passt nämlich so toll zu The Climbers wie ein Paar massgeschneiderte Kletterschuhe. Im bunten Klötzchenspiel von Holger Lanz wollen drei bis fünf Bergsteiger ganz oben hinaus und bauen sich den Weg zum Holzklotzgipfel gleich selber. Wer am Ende des Spiels seinen Pöppel höher stehen hat als die Konkurrenz, gewinnt.

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Vor dem Spiel wird der „Berg“ erschaffen. Die grossen, weissen Klötze sollen vollständig zugebaut werden und nicht mehr sichtbar sein.

Bei Spielbeginn dürfen alle am Tisch mithelfen, aus dem Haufen Klötzchen einen „Berg“ zusammenzubauen. Zwei grössere, weisse Bausteine sollen dabei vollständig zugedeckt werden. So wird sichergestellt, dass keine unmöglichen Konstruktionen den Spielspass einschränken. Jeder Spieler erhält seine Figur, zwei Leitern und eine Holzscheibe. Dann geht’s los.

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Erstbesteigung! So könnte ein „Berg“ bei Spielbeginn aussehen.

Unsere Gipfelstürmer können im Prinzip auf jeden Quader steigen, der kleiner ist als sie selbst. Mit einer zusätzlichen Einschränkung: Nur Flächen in „unserer“ Farbe dürfen betreten werden. Da ein Klötzchen sechs Seiten hat, ist auf jedem die eigene Spielerfarbe genau einmal vorhanden. Die sechste Seite ist immer weiss, für alle begehbar und der einzige Ort im Spiel, welcher von mehreren Alpinisten gleichzeitig betreten werden kann.

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Rot hat sich im ersten Zug gleich eine zweistufige Treppe gebaut und kann in einem Zug so weit wie möglich ziehen. Nach rechts weiter geht es leider nicht, da nicht die rote Fläche oben ist.

Ein Zug ist schnell erklärt. Der aktive Spieler wählt ein Klötzchen aus, darf es solange Drehen und Wenden, bis die gewünschte Farbe nach oben zeigt und es am Platz seiner Wahl einsetzten. Darauf bewegt er seinen Bergsteiger nach allen Regeln der Kunst (Farbe beachten) nach oben (hoffentlich) oder bleibt stehen. Runterklettern ist verboten. Sollten andere Spieler der neu gebauten Route folgen können, dürfen sie das.

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Anfassen erlaubt. Wer die Klötze nicht im Geiste drehen und hinstellen kann, darf dies physisch tun. Somit können auch Menschen ohne fünfjährige Minecraft-Erfahrung mitspielen.

Bei der Bauerei müssen selbstverständlich noch einige Vorschriften eingehalten werden. So ist es z.B. verboten, das gleiche Klötzchen zu bewegen, wie der Spieler vor mir. Ebenfalls tabu sind die Quader, welche von Bergsteigern besetzt sind oder sich in tieferen Schichten befinden. Abstürze oder zusammenbrechende Konstruktionen à la Rhino Hero sind in diesem Spiel nicht vorgesehen. Ausserdem dürfen keine überhängenden Stellen entstehen.

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Solche Konstruktionen sind nicht erlaubt. Wir sind ja nicht bei Jenga.

Die Spieler versuchen nun, durch geschicktes Platzieren der Klötzchen ihrem Pöppel den Weg nach oben zu ermöglichen und die Gegner hier und da zu blockieren. Einige Tricks haben sie dabei noch im Ärmel. Wir können einmal im Spiel ein Klötzchen für eine Runde sperren. Hier darf dann niemand drüber spazieren oder das gesperrte Teil für seine Konstruktionsvorhaben benutzen. Ist man mal in der Klemme, können mit der Hilfe von Leitern auch grössere Höhenunterschiede erklettert werden. Die Steigen sind aber nur „Einwegleitern“ und ihr Einsatz will wohl überlegt sein. Einmal benutzt, verschwinden sie aus dem Spiel.

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Herr Messner mit Blockierscheibe und seinen Leitern.

Sollte es eine Runde lang keinem Spieler gelungen sein, an Höhe zu gewinnen, endet das Spiel. Das ist meistens so nach 30 – 40 Minuten der Fall. Wer jetzt die beste Aussicht hat, ist der Gewinner.

The Climbers kam in meinen Runden immer gut an. Was das Alter der Expeditionsteilnehmer betrifft, scheint das Spiel nach unten relativ offen zu sein. Eine Empfehlung für Familien! Klar, den kleinen Nachwuchsmessners darf der Grosse am Tisch auch mal einen Tipp geben, aber selbst Sechsjährige schaffen das Spiel. Erfreulicherweise müssen gestandene Bergsteiger  Brettspieler nicht auf „ich spiel das mal euch zu liebe“ stellen. Einen guten Zug zu finden erweist sich nicht immer als trivial und der passende Einsatz seiner „Sperrscheibe“ kann zu viel Geschrei am Berg führen. Wer’s gerne fies mag, darf auch blockieren und sabotieren. Man muss ja nicht möglichst hoch klettern – nur höher als die anderen. Achtung, es kann gut vorkommen, dass jemand seufzend und ächzend um den Tisch herumläuft, um endlich einen Ausweg aus seiner misslichen Lage zu finden. Blöde Sprüche sind da vorprogrammiert.

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Kampf am Berg. Während Gelb verzweifelt versucht, seine Verfolger irgendwie zu bremsen, hat Rosa seine liebe Mühe, den Anschluss nicht zu verlieren. Oder hat jemand noch eine Leiter aufgespart?

Toll ist auch, dass The Climbers erfrischend anders ist. Das Spielgefühl unterscheidet sich recht stark von den Sachen, die bei uns sonst so auf den Tisch kommen. Und Abwechslung tut nun einmal gut. Einziger Wermutstropfen ist der Preis. Klar, bei der Menge an Massivholz in der Schachtel sind 40 Euro verständlich. Im Vergleich zur Spieltiefe ist das vielleicht eher viel. Aber das ist ja auch ein absurder Vergleich und ausserdem ist The Climbers sein Geld wert. Ganz ehrlich. Ihr habt hier eine Kaufempfehlung.

Schnee von gestern?

Ja, The Climbers ist kein neues Spiel. Das deutsche Original Die Aufsteiger erschien schon 2008. 2016 erschien die neu gestaltete Auflage. Regeltechnisch ist das Spiel das gleiche geblieben und toll ist es auch heute noch.

Akuter Sauerstoffmangel in der Höhe führt bei anderen MUWINSern zu folgenden Äusserungen zu The Climbers:

Lukebigbosss: The Climbers ist ein tolles Familienspiel. Kinder benötigen ein Mindestmass an dreidimensionalem Vorstellungsvermögen. Kleiner Tipp: Benutzt die Leitern bereits sehr früh. Sobald ein Bergsteiger abgehängt ist, ist es für ihn sehr schwierig, die Führenden einzuholen.

mratn: Hätte ich mich nur nicht vom Preis und der verwirrten Erklärbärin abwimmeln lassen! Das Spielen mit Blöcken macht Spass wie eh und je – auch für Vielspieler, die stunden minutenlang nach dem besten und doch noch höchsten Aufstieg suchen.

Shotgun Pete: Ja, zugegeben, ich habe mich über das Spiel anlässlich des bereits rund um die GenCon grassierenden Hypes lustig gemacht. Ich meine, ein sich ständig wandelnder, orangetürkispinklilarotgelber Berg? Pfff… sowas geht doch höchstens in der Fantasie! Aber nein, sowas macht auch in der Wirklichkeit Spass. Wirklich mal was anderes!

6 Kommentare

  1. Hab grad eure Rezi gelesen. Geht runter wie Öl! Danke dafür! The Climbers schicken sich an, den Atlantik zu überqueren. Sitze gerade an der deutschen Übersetzung der englischen Übersetzung meiner alten deutschsprachigen Spielregel. Schön, dass im Lande der dreieckigen Schokolade auch gespielt wird. Weiter so! Holger

    1. Es wird nicht nur gespielt, es wird sogar Berg gestiegen. Climbers passt also bestens zu uns ins Alpenland! Eventuell hätte sich der Hersteller der besagten dreieckigen Schoggi ja sogar zu einem thematisch passenden Sponsorendeal hinreissen lassen…? 😉

      Danke für den netten Kommentar – und das Spiel!

        1. Wenn Du auf der Karte nach „Freiburg“ (unserem, nicht Eurem, auch bekannt als „Fribourg“) suchst, bist Du schon mal sehr nahe an uns in der Westschweiz. Also nicht wirklich tiefstes (höchstes?) Alpenland, dafür gut erreichbar. Falls Du mal auf der Durchfahrt sein solltest: Immer gern!

          1. Aha. Freunde bzw. Ex-Nachbarn sind job-mäig in die Schweiz gezogen. Irgendein Kaff im / am Kanton Zug. DAS ist die wahre Schweiz, wie man sie kennt. So mit Heidi und Geißen-Peter und Almen?

            Na, wenn wir mal in der Ecke sind – why not?

            LG, Holger

          2. Nö – Kanton Zug ist Steueroase. Glaube weniger, dass die entsprechende Optimierung beim Geissen-Peter Priorität hat.

            Aber prima – gib uns doch per Mail Bescheid!

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