Startups – Giraffen und Flusspferde

Einen unterhaltsamen Artikel über ein Aktienspiel zu schreiben ist in etwa so, als versuche man, eine Laudatio auf den aktuellen US-Präsidenten zu verfassen. Glücklicherweise lassen aber in diesem Fall beide Themen eine Hintertür offen: Sie haben ähnlich viel mit Psychologie zu tun.

Der Weg zum Erfolg ist mit fremden Misserfolgen gepflastert.

(Zarko Petan)

Wir mögen sie einfach, die winzigen Schächtelchen von Oinkgames. Nicht jedes der Spiele mag ein Volltreffer sein, aber gemessen am Schachtelvolumen erreichen sie alle unerreichte „Spiel-pro-Kubikzentimeter“-Quoten. Auch das Startups-Kistchen ist wieder randvoll, obwohl das Material nicht ganz so ungewöhnlich ausfällt wie etwa jenes der neuen Modern Art-Ausgabe (inklusive Staffelei!).

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Ein volles Kistchen mit Staffelei. Die hat allerdings mit Startups nichts zu tun…

Startups enthält nämlich „lediglich“ 45 Karten, haufenweise Geldchips sowie einige weitere Marker, darunter die formschönen Unternehmens-Kontrollanzeiger. Thematisch stellen die Karten Anteilsscheine zukunftsweisender Firmen dar, in die wir investieren dürfen. Jede Karte zeigt lediglich das Logo, sowie eine Zahl von fünf bis zehn, die angibt, wieviele Anteilsscheine dieses Unternehmens existieren – wobei allerdings vor jeder Partie fünf zufällige davon verdeckt beiseite gelegt werden.

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Um diese tierisch zukunftsträchtigen Technologien dreht sich alles.

Das Spielziel ist denkbar einfach: Am Ende lukrative (!) Mehrheiten zu besitzen. Ausserdem sollte man darauf achten, sich möglichst wenige Anteile zuzulegen, von denen man selber nicht die Mehrheit vorweisen kann. Merkt ihr’s? Das eine ist schwierig, ohne das andere…

Zu Beginn der Partie erhalten alle Spekulanten 10 Einheiten Geld, sowie drei Handkarten, die durchaus wegweisend für das weitere Vorgehen sein können. Obwohl dieses weitere Vorgehen enorm simpel ist: Man nimmt eine Karte, man spielt eine Karte. In beiden Fällen liegt der Teufel aber im Detail!

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Drei Karten, 10 Taler – es kann los gehen

Beginnen wir hinten: Ein Karte auszuspielen bedeutet, sie entweder in den eigenen Bereich abzulegen, oder in den offenen Markt abzuwerfen. Im ersten Fall hat man definitiv in das entsprechende Unternehmen investiert und ist auf Gedeih und Verderb dessen weiterer Entwicklung ausgeliefert. Im zweiten Fall legt man sich zwar selber (noch) nicht fest – liefert aber möglicherweise der Konkurrenz eine Steilvorlage.

Bei Aufnehmen einer Karte darf man ebenfalls aus bis zu zwei Optionen wählen: Liegen bereits abgelegte Anteilsscheine offen im Markt aus, darf man einen davon auf die Hand nehmen. Sollte Geld darauf liegen (dazu gleich mehr) wandert dies in die eigene Schatulle.

Liegt kein Anteilsschein im Markt aus, oder möchte man sich keinen davon krallen, darf man stattdessen den obersten vom verdeckten Nachziehstapel ziehen – was sich allerdings zu einer sauteuren Angelegenheit entwickeln kann, denn in diesem Fall muss auf jede (!) im Markt ausliegende Karte eine Münze bezahlt werden!

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Der Markt nach ein paar Runden. Offenbar ist das Softwareunternehmen bisher mässig beliebt. Oder ist das vielleicht eine Falle?

Das Aufnehmen neuer Anteilsscheine ist von einer kleinen Ausnahmeregel betroffen: Wer immer aktuell die Mehrheit einer Firma sein eigen nennt, erhält den entsprechenden Kontrollmarker. Dieser hat für seine Inhaberin eine positive wie eine negative Auswirkung. Die Positive: Auf Anteilsscheine dieser Firma im offenen Markt müssen keine Münzen mehr bezahlt werden, wenn man eine verdeckte Karte zieht. Die Negative: Offene Anteilsscheine dieser Firma dürfen nicht aus dem Markt genommen werden. Der weitere Ausbau der eigenen Mehrheit wird dadurch also deutlich erschwert – es sei denn, man hat vorher noch weitere Anteile in der Hand gebunkert.

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Die formschönen Mehrheitenmarker.

Damit wären die Regeln schon fast vollständig erklärt – bis auf den Schluss. Wurde die letzte Karte vom verdeckten Stapel aufgenommen und abgehandelt, wandern alle (jeweils drei) Handkarten in die persönlichen Bereiche (was für Leute, die nicht aufgepasst haben, verheerend sein kann). Die Mehrheitsaktionäre aller Firmen erhalten anschliessend von den Minderheitsaktionären pro deren Anteilsschein eine Münze, die allerdings von der Vorderseite auf die Rückseite gedreht wird. Da die Vorderseite nur eine „1“, die Rückseite aber eine „3“ zeigt, sind solche Siege äusserst süss – sprich gewinnbringend. Die Summe aller Münzwerte ergibt den Endscore.

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Vorne 1, hinten 3. Mehrheiten bringen am Ende richtig Kohle.

Das wär‘ nun echt alles. Und es hört sich möglicherweise recht trocken an. Aber erneut liegt der Teufel im Detail – denn dort kommt die Psychologie ins Spiel! Nehmen wir an, unsere initiale Kartenhand besteht aus zwei Anteilsscheinen der Firma Giraffe Beer. Davon gibt’s lediglich fünf, möglicherweise sogar weniger. Wir sind als Startspieler am Zug und haben folglich keine andere Option, als eine verdeckte Karte zu ziehen (ein offener Markt existiert noch nicht), und tatsächlich ziehen wir eine dritte Giraffenkarte. Damit haben wir die Mehrheit dieses Unternehmens auf sicher, also huschhusch auf den Tisch damit! Prima, oder?

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Eine erste Kartenhand – gleich mit zwei Giraffenbier-Anteilen. Super Sache, oder? …

Ganz falsch!

So bald wir auch nur den ersten Anteil dieser Firma in Besitz nehmen, wird die Konkurrenz misstrauisch und sich davor hüten, ebenfalls giraffenmässig einzusteigen. Eine mögliche Alternative wäre, eine der Karten stattdessen in den offenen Markt zu werfen um die Konkurrenz in vermeintlicher Sicherheit zu wiegen und zu Investitionen zu verführen. Nach und nach werden sich darauf wahrscheinlich Münzen ansammeln, irgendwann schlägt wohl jemand zu und hat das Vieh dann an der Backe. Möglicherweise bleibt es sogar eine Runde liegen und wir nehmen die Karte, inklusive Mehrwert, selber wieder auf (wissen dann zwar immer noch nicht wohin damit, aber hey – Kohle ist Kohle).

Es versteht sich, dass sich die verschiedenen Firmen aufgrund ihrer Häufigkeiten höchst unterschiedlich verhalten. Bei Elephant Mars Travel und Hippo Powertech haben Hinz und Kunz das Gefühl, sie würden eine Mehrheit hinkriegen, wenn sie mal zwei Karten geheim ins Trockene gebracht haben. Und natürlich geht das für Hinz wie Kunz schief, weil der lachende Dritte bei Spielende locker drei zusätzliche Anteile auf den Tisch knallt und die ganze Mischpoche nach Strich und Faden ausnimmt. Anders ausgedrückt: Bei kleinen Firmen bringt man’s einfacher zu Mehrheiten, aber die Gewinne halten sich (wenn überhaupt) in engen Grenzen. Grössere Firmen locken mit höheren Gewinnen, führen aber auf dem Weg zur Mehrheit zu handfesten Auseinandersetzungen, aus denen man, einmal darin verstrickt, auch nicht mehr herauskommt. Es ist immer wieder schön, das nervöse Lidzucken der Gegner zu beobachten, wenn man genüsslich einen dritten Oktopus auslegt und dabei den Mehrheitenmarker übernimmt…

Allen Strategien ist gemeinsam, die Konkurrenz erst einmal dazu zu animieren, in Unternehmen zu investieren, deren Mehrheit man selber anpeilt – nur so setzt es bei Spielende überhaupt Kohle ab. Aber woher sollen wir wissen, ob wir dabei nicht selber zu den Animierten gehören…? Psychologie eben – hab ich doch gesagt!

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Umstand, dass man irgendwann das unerwünschte Gerümpel in der Hand loswerden sollte. Da die drei Handkarten bei Spielende in die eigene Auslage wandern, verliert man dabei im schlimmsten Fall noch drei Punkte (und beschenkt gleichzeitig die Gegnerschaft mit deren neun). Am befriedigendsten ist es natürlich, wenn man mit dieser letzten Aktion noch genüsslich einen bisherigen Mehrheiteninhaber überflügeln und so richtig absahnen kann.

Die letzten, noch nicht beschriebenen Marker dienen zum Festhalten der Erfolge über mehrere Runden: Wer eine Partie gewinnt, schnappt sich ein „+2“-Plättchen, die Zweitplatzierte erhält noch einen Punkt, für das Schlusslicht setzt es den „-1“-Marker ab.

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MIt diesen Markern halten wir partieübergreifende Erfolge fest.

Startups ist momentan bei uns DER Warmmacher, beziehungsweise Absacker, beziehungsweise Überbrücker. Je nach Spielerzahl ändern sich Strategien und Gefühl recht drastisch, das Spiel funktioniert jedoch in allen Besetzungen (3-7) ertaunlicherweise prima.

Einmal mehr liefert der Verlag zugegebenermassen preislich nicht gerade ein Schnäppchen, aber gemessen an der üblichen Transportkapazität der gemeinen Spieletragetasche wie auch der spielerischen Performance ein durch und durch endverbraucheroptimiertes Produkt, dass sich sogar im Spieleregal optisch zu behaupten weiss!

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5 Kommentare

  1. Hab mir Startups besorgt und freu mich auf eine weihnachtliche Runde. War gar nicht so einfach das zu bekommen. Habe allerdings den scheinbar neuen online-shop nicegameshop gefunden (nein ich bekomme keine Provision oder bin dort Beteiligt). Dort gab es sogar Mini Rails, was sonst auch recht schwer zu bekommen ist/war. Wo bekommt ihr denn immer euren Stoff her? Wer ist euer Dealer?

    1. Coole Sache – ja, die sind momentan schwer zu kriegen – das soll sich aber bessern. Viel Spass schon jetzt, wir finden beide ungebrochen super. Wir haben sie direkt aus Essen mitgenommen, Kickstarten immer mal wieder das Eine oder Andere, und unser lokaler Dealer steht in der Linkliste. Die haben auch seeeeeehr viel – oft auch Seltenes.

      1. Ich lach mich tot: Wir kickstartern das Eine oder Andere… Eher „…das Eine viermal, und fast alles Andere einmal“ wäre korrekter. Hast du Angst vor Spionageattacken der Regierungen? 🙂

  2. haben hier im Rurpott auch einige sehr gut sortierte lokale Spieleläden, die einem auch gute Tipps geben können. Aber bei englischen Spielen sind die wirklich oft spät dran. Wird halt zu wenig nachgefragt. Besorgen können die aber auch fast alles, z.B. Empires von WizKids. Obwohl das scheinbar noch etwas auf sich warten lässt…

    Nicegameshop waren auch die einzigen bei denen es Lagerstätten gab. Ist jetzt aber auch vergriffen. Da bin ich mir aber gar nicht so sicher, ob ich das haben will. Hatte mich auf der Messe Essen nicht sofort überzeugt. Müsst ihr erst für mich testen 😉

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