Dragon Castle – Italienisches Mahjong Revival

Zu Zeiten des schrillen Signals von ICQ, Netscape, Snake auf dem Nokia, den Strichbalken von Limewire, Mixtapes für die Herzallerliebsten, den lauten „Ich will jetzt telefonieren!“-Rufen der Eltern, zockte ich auf meinem heimischen Computer zwei Spiele: Minesweeper und Mahjong. Minesweeper war echt frustrierend. Nach einer halben Stunde waren 99% der grossen Fläche leergeräumt. 2 Felder, 1 Mine, 50/50… Immer, aber wirklich immer explodierte dann der ganze Computer. Mahjong verstand ich nie, spielte es aber trotzdem. Zu den damaligen Zeiten war der Jugendliche zufrieden mit dem spärlichen Angebot.

Dragon Castle aus dem italienischen Hause Horrrible Games (für 2-4 Burgenbauer, ca. 45 Minuten) bedient sich frei an diesem chinesischen Mahjong. Dem Spiel liegen 116 Spielsteine, 4 Gebietstableaus, ein Haufen Schreine, sowie Geister- und Drachenkarten bei. Gleich vorweg: Das Material ist allererste Sahne! Da freut man sich bereits beim Auspacken auf eine Partie.

Die Spielsteine stapeln wir analog zu Mahjong zu einer Burg auf. Das Regelheft bietet uns eine Vielzahl an Baumöglichkeiten an und weist uns auch darauf hin, welche Startaufstellung für welche Anzahl Spieler geeignet ist. Das finde ich sehr löblich, danke!

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Ideale Drachenburg für 4 Kontrahenten: In der obersten Etage hat es viele Steine. Dadurch verlängert sich die Spielzeit gegenüber einer 2er Partie.

Das Aufstellen der Drachenburg benötigt seine Zeit. Ich mit meinen vom Klettern geschundenen Fingern bin immer froh, wenn ich dafür Hilfe erhalte. Haben wir unsere Kreation gemeinsam erstellt, können wir nach einer knappen Regelkunde (5-10 Minuten) starten.

Es gibt sechs Arten von Spielsteinen. Diese sind leicht an ihrer Farbe und ihrer Symbolik zu erkennen. Unterteilt sind sie zudem noch in Kasten- und in Spezialsteine. Zu diesem kleinen, aber wichtigen Unterschied komme ich später.

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1. Reihe Kasten-, zweite Reihe Spezialsteine.

Ich stibitze die Spielsteine von der Burg in der Spielfeldmitte und lege diese auf meinem Gebietstableau wieder ab. Steine sind jedoch nur dann zum Wegnehmen freigegeben, wenn ihre Längsseite offen liegt. Zudem dürfen nur Steine von der obersten Etage weggenommen werden. Für den Bau in meinem Gebiet gelten 3 Einschränkungen (chinesisches Baureglement!):

  • Nur innerhalb meiner Grundstücksgrenzen – das chinesische Baurecht gilt als Vorläufer des Sensler Rechts.
  • Kein Bau auf bereits erstellten Dächern – dies erklärt sich von selber, da es zu dieser Zeit noch keine Flachdächer gab!
  • Steine dürfen nur auf leere Felder oder bereits umgedrehte Steine gesetzt werden.
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Ich muss innerhalb des Rasters meine Steine setzen. In diesem Fall habe ich mich auf rosa, schwarze und blaue Steine spezialisiert.

In meinem Zug kann ich aus drei verschiedenen Aktionen eine einzelne auswählen:

  • Ich nehme einen Stein vom obersten Stock und ein weiteres identisches Exemplar (hier spielt es keine Rolle aus welcher Etage). Anschliessend setze ich die beiden in mein Gebiet.
  • Finde ich keinen identischen zweiten Stein oder passen mir die zur Auswahl stehenden Pärchen nicht, kann ich alternativ auch nur einen Stein auswählen. Zur Linderung des Ärgernisses darf ich zusätzlich einen Schrein aus dem Vorrat nehmen.
  • Sind beide Aktionen wirklich doof, d.h. alle zur Verfügung liegenden Steine sind zu Nichts zu gebrauchen, zerstöre ich einen Stein und erhalte von den Göttern einen Siegespunkt. Gleich vorweg: Diese Aktion ist eher als letzter Ausweg anzusehen.

Ergibt sich nach dem Setzen der Spielsteine eine Fläche von mindestens 4 Spielsteinen der gleichen Farbe (nicht gleichzusetzen mit identischen Spielsteinen), gibt es eine Wertung. Je grösser die Fläche, umso mehr Punkte gibt es. Gleichzeitig werden die gewerteten Steine umgedreht und ich darf entscheiden, ob ich darauf einen Schrein setzen will. Werden Spezialsteine umgedreht, darf ich sogar zwei Dächer erstellen. Je höher der Schrein am Ende der Partie liegt, umso gnädiger sind uns die Punktegötter. Auf den umgedrehten Steinen kann ab jetzt wieder neu gebaut werden.

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Einige Züge später: Ich habe einen Satz schwarzer und roter Steine zusammengeführt und auf ihnen weitergebaut. Jetzt sind die Blauen an der Reihe. Für den Steinfamilienzusammenzug spielt die Höhe keine Rolle. Die Steine dürfen auf unterschiedlichen Etagen liegen.

Das Spiel endet dann, wenn nur noch das Erdgeschoss der Drachenburg existiert. Ab diesem Zeitpunkt können die Kontrahenten die Partie beschleunigen. Wir haben eine weitere Aktion zur Auswahl: Die Gunst des Drachens. Sobald diese Gunstplättchen alle weg sind, alternativ alle Spielsteine, ist das Spiel zu Ende und die Punkteabrechnung folgt.

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Am späten Abend, nach mehreren Stunden Dragon Castle… Die Partie ist vorbei, leider konnte ich die gelbe Fläche nicht beenden. Die Türme mit den Schreinen ermöglichen mir 9 Punkte (3 x 2. Etage, 1 x 3. Etage).

Abwechslung in Dragon Castle bieten die Geister- und die Drachenkarten. Die Geisterkarten erlauben den Spielern eine Spezialfähigkeit, die sie durch die Abgabe eines offen liegenden Steins im eigenen Gebietstableau oder eines Schreins aktivieren können. Die Drachenkarten bieten einen alternativen Weg an, mit den Steinen auf dem eigenen Grundstück am Schluss Punkte zu generieren.

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Je 10 Geister- oder Drachenkarten verändern den Stil jeder Partie. In diesem Fall: Geist des Windes (erlaubt mir Schreine zu versetzen) und Drache der Hingabe (1 SP pro Schrein, der an einen offenen Drachenspielstein angrenzt).

Dragon Castle ist ein abstraktes und äusserst taktisches Spiel. Die Auslagen der Gegner dürfen zu keinem Zeitpunkt vernachlässigt werden. Ich muss meine Kontrahenten blocken, ihnen passende Steine vor der Nase wegnehmen oder gar aus dem Spiel spedieren. Zudem muss ich immer bedenken, ob ich meine ausliegende Fläche werten will oder lieber noch zuwarten soll. Auf die Gefahr hin, dass ich diese jedoch nicht mehr zusammenschliessen kann, weil die passenden Steine nicht in der Auswahl liegen. Dieses Taktieren finde ich sehr spannend und es macht mir ausserordentlich Spass. Ausserdem kommt hinzu, dass ich sehr interaktiv spielen kann. Die Interaktion findet jedoch eher indirekt statt. Ich zerstöre also nicht die Burg des Gegners, sondern verhindere nur seinen besten Zug.

Es liegt auf der Hand, dass die begrenzte Anzahl der ausliegenden Steine meine Auswahl einschränkt. Durch die Möglichkeit, nur einen Stein inklusive Schrein auszuwählen oder gar einen davon aus dem Spiel zu nehmen, fühle ich mich in meinen Entscheidungen aber nicht allzu sehr limitiert.

Die Geister- und Drachenkarten sowie die grosse Auswahl an Startaufstellungen führen dazu, dass jede Partie unterschiedlich gespielt wird. Meine eigene Drachenburg sieht in jeder Partie anders aus.

Zu guter Letzt: Es fühlt sich einfach sehr gut an, an seiner eigenen Kreation einer Burg zu arbeiten. Ich sehe meine Fortschritte. Nach jedem aufgesetzten Dach würde ich am liebsten eine Tanne darauf setzen und die Nachbarschaft zu einem Umtrunk einladen.

Die italienische Weiterentwicklung des chinesischen Klassikers ist bei mir zu Hause ein Hit. Bei Dragon Castle zeigt sich, dass die internationale Zusammenarbeit süsse Früchte hervorbringen kann, ohne die jeweiligen regionalen Traditionen zu zerstören. Da wir schon von Tannen gesprochen haben: Diese Perle von Horrible Games eignet sich hervorragend für spielende Familien, Paare und Freunde, um zusammen während der Weihnachtszeit ein harmonisches und wunderschönes Spiel zu zocken.

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an Horrible Games. Ich hoffe, dass Sensler Bier hat gemundet!

4 Kommentare

    1. Kann ich mich ebenfalls anschliessen. 😀

      Das Spiel sieht schön gestaltet aus. Inbesondere die Steine scheinen von guter Qualität zu sein und sehen entsprechend passend ’schwer‘ aus.

      Schönes Review und macht grad Lust eine Runde zu spielen. *thumbsup*

      1. Ich nehme Dragon Castle an der nächsten Muwins Veranstaltung mit. Wer weiss, vielleicht wird ja noch was in diesem Jahr organisiert.

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