London – Eine Stadt in Flammen

Vier Fünftel der Stadt zerstört, beinahe 100‘000 Einwohner, die obdachlos wurden, ein Schaden mit heutigem Gegenwert von 1.4 Milliarden Pfund – das die Bilanz der verheerenden Feuerkatastrophe in London im Jahr 1666. In Martin Wallace‘ Spiel London von 2010, veröffentlicht von Treefrog Games, bauen wir die Stadt über mehrere Jahre neu auf und verhelfen ihr zu modernen Glanz.

„Brettspiele mit einem Städtenamen im Titel und mit einem Bild eines Bauherrn inkl. Masterplan in seinen Händen werden von mir keine mehr gespielt und gekauft!“: Harte und klare Aussage von Oldiebenji. Wie konnte ich ihn trotzdem zum Zocken von London bewegen? Erstens, weil er Martin Wallace kennt (nicht persönlich), zweitens weil wir uns immerhin nicht im Mittelalter bewegen und drittens, weil ihm der thematische Aspekt der Bettlerkaste sowie der damit verbundene Mechanismus  interessant auffielen.

Übersicht
Bis hier handelt es sich um ein übliches Eurospiel: London, ein Haufen an Spielkarten und Plastikgeld… Kann ich Benji noch überzeugen?

Passenderweise handelt es sich bei London im Grunde um ein einfaches Eurospiel (Brexit kommt erst später). Wir bauen Monumente, kaufen Quartiere, eröffnen U-Bahnen und regieren die Stadt. Am Schluss zählen wir unsere Punkte (resp. Minuspunkte), vergleichen diese und küren den Sieger. Der Aufbau der Metropole geschieht mittels Karten, ergänzt wird das Kartenspiel mit einem kleinen Stadtplan von London.

Die Karten sind sehr thematisch gezeichnet und designt: Es gibt Schiffswerften, Schulen, das „Great Fire Monument“, Gefängnisse oder Strassenbeleuchtungen. Damit ich eine Karte in meine eigene Ablage spielen darf, muss ich die Kosten in Pfund bezahlen, sowie eine gleichfarbige Karte in die allgemeine Ablage werfen. Jede Karte erbringt mir zudem eine gewisse Anzahl an Siegpunkten am Schluss des Spiels.

Meine Ablage darf aus beliebig vielen Stapeln bestehen. Spiele ich also eine neue Karte, lege ich diese zuoberst auf einen bestehenden Stapel, wodurch das alte Gebäude überbaut wird, oder beginne einen neuen. Nur die offen liegenden Karten können später aktiviert werden.

Quartier
City kostet £8, ich darf 4 neue Handkarten ziehen und am Ende des Spiels erhalte ich 6 Siegespunkte.

In meinem Zug kann ich mich auch entscheiden, neue Ländereien, resp. ganze Quartiere in London zu kaufen. Nach einem Erwerb darf ich eine Anzahl an neuen Karten ziehen. Somit verbessere ich meine Hand und kann unbeliebte Karten in die allgemeine Ablage werfen. Die Ländereien werfen am Ende einer Partie zudem noch Punkte ab.

Ablage
Die Karte London’s inkl. allgemeiner Ablage

Als weitere Möglichkeit in meinem Zug darf ich 3 Karten ziehen. In London nehme ich diese entweder vom gemeinsamen Nachziehstapel oder von der allgemeinen Ablage. Daher muss jeder Abwurf meiner Karten dahin wohl überlegt sein: Ich will meinen Gegner ja nicht mit den besten Karten versorgen.
Die letzte mögliche Aktion ist das Regieren der Stadt. Dies heisst nichts anderes, als dass wir nun alle offen liegenden Gebäude in unserer eigenen Ablage aktivieren. Dafür betrachten wir die Leiste der Karte und befolgen das Geschriebene. Dies generiert uns Geld, Sieg- oder Armutspunkte und kostet uns Karten oder verringert unser Kapital.

Spielkarten
Um die Brauerei zu aktivieren, muss ich eine Karte ablegen (am besten eine „Paupers“ Karte), dann erhalte ich £9 und muss die Brauerei schliessen (umdrehen). Wenn ich die Kanalisation in Betrieb nehme, beschäftige ich 3 Personen aus der Strasse. Ich darf 3 Armutspunkte abwerfen,
Paupers
Das sind sie also, die Armutspunkte und die dazugehörigen Karten!

Bis hierher handelt es sich weitgehend um die übliche Euro-Handwerkskunst. Das spannende an London sind die Armutspunkte. Nach jedem Regieren der Stadt erhält der aktive Spieler eine gewisse Anzahl dieser „beliebten“ Punkte:

  • Anzahl der Stapel in der eigenen Auslage + Anzahl der Handkarten – Anzahl der Grundstücke im eigenen Besitz.

Viele Stapel zu besitzen ist also gleichzeitig positiv und negativ: Habe ich eine grosse Anzahl davon, erhalte ich durch das Regieren mehr Boni, gleichzeitig werden meine Quartiere von Bettlern überrannt. Diese kosten mich am Ende der Partie Punkte.

Der geübte Brettspieler merkt, dass sich der Kauf von Grundstücken daher doppelt lohnt: Ich verbessere meine Hand und verringere gleichzeitig die Anzahl der Armutspunkte. Leider hat man jedoch nicht immer die gewünschte Liquidität. Zum Glück gewährt mir die Bank von London einen (Wallace-)Kredit. Zwar zu haarsträubenden Zinsen (50%!!), aber immerhin. Zahle ich diesen im Verlauf der Partie nicht zurück, gibt es wieder Minuspunkte.

Es gewinnt derjenige, der im Verlauf des Spiels die meisten Punkte gesammelt, die wertvollsten Gebäude in London erstellt, das erfolgreichste Sozialhilfeprogramm gegründet hat und dessen Kreditoren ein Saldo von Null aufweisen. Die Minuspunkte für den Grad der Armut werden dadurch errechnet, dass man nur die Differenz zum Leader in dieser Sparte ermittelt. Es lohnt sich also, wenn man gelegentlich über den eigenen Tellerrand blickt und schaut, was die Gegner so treiben.

London spielt sich viel thematischer als beim Lesen der Regeln angenommen. Die Aktionen der einzelnen Karten sind extrem wirklichkeitsnah. Die Schule bildet aus, ergo lassen sich damit Armutspunkte abwerfen. Die Werft generiert Umsätze, ergo erhalte ich Geld. Strassenlampen erleuchten London, ergo lungert weniger Gesindel herum. Es gibt also weniger Armut in den Strassen der Metropole… Warte, was?!?! Das kann doch so nicht sein?! Ich habe das Spiel mit einem Sozialarbeiter (nicht Oldibenji, der ist Profibrettspieler) gezockt. Dieser fand diesen Aspekt, die negative Assoziierung von Armut mit Kriminalität (z.B.: die Polizei sperrt diese ein und verringert deine Armutspunkte) oder mit Minuspunkten als störend. Dieser Kollege wird London deshalb nicht mehr mitspielen.

Ich persönlich fand die Mechanismen mit den Armutspunkten, der „Bezahlung“ der Karten via gleichfarbige sowie dem Überbauen der eigenen Stapel sehr interessant und einmalig. Die Armutspunkte und der Überbaumechanismus entfachen den spannenden Konflikt darum, wie viele Stapel ich nun eröffnen will. Verdecke ich die Strassenlampen mit der ertragsreichen Shoppingmeile, mache ich die Strassen von London unsicherer. Ich könnte aber auch einen neuen Stapel starten. Somit kann ich beide Karten nutzen, erhalte aber neue Armutspunkte. Der gemeinsame und wiederverwendbare Ablagestapel führt zu starken Interaktionen zwischen den Spielern.

Material
Einen Kritikpunkt gibt es noch: Das Material ist nicht 2017-tauglich. Sehr wahrscheinlich hat Mr. Wallace Tonnen an diesem Spielgeld bei sich zu Hause liegen. Wir bezahlen in seinen Spielen immer mit den gleichen Münzen.

Ein auf BGG oft genannter Kritikpunkt ist dieser: London sei broken, weil es die garantierte Siegesstrategie gebe. Man müsse nur viele Grundstücke in London erwerben und schon gewinne man. Ich verstehe diese Kritik nicht. Jedem Kenner, gar jedem Gelegenheitsspieler sollte klar sein, dass die Ländereien essentiell im Spiel sind. Wir können unsere Handkarten verbessern, erhalten am Schluss Siegpunkte und verringern zudem die Anzahl an Armutspunkten. Bei London geht es jedoch nicht um verschiedene Strategien, es geht vielmehr um perfektes Handkartenmanagement, um das geschickte Ölen der eigenen Auslage und um den Entscheid, wie viele Stapel ich eröffne.

Neues Cover
Das neue Cover sieht schon mal chic aus!

Mit London erhält der Käufer einen kurzen und knackigen Euro, der thematisch gut passt und der schwierige Entscheidungen erfordert. Die Mechanismen flutschen toll, einzig das Material, vor allem das Spielgeld, sind nicht über alle Zweifel erhaben. Ich rate allen, bei der Neuauflage zuzugreifen: An der diesjährigen Messe in Essen veröffentlicht Osprey Games das Spiel von Wallace neu. Material und Design wurden komplett neu überarbeitet, das Regelwerk verfeinert. Oldiebenji konnte ich überzeugen: London lässt sich sicher bald in seiner Einfkaufstasche  finden.

 

 

Hinweis zum Titelbild: „The Great Fire, Seen From Tower Wharf“. Das Ölgemälde zeigt den Brand zwei Tage nach Ausbruch. Das verwendete Bild davon stammt von Ben Sutherland und ist in seiner Fotoserie über das „Museum of London“ zu finden.

3 Kommentare

  1. Mh, nach der Rezi muss ich das Spiel wohl doch noch mal auf den Tisch bringen. Hab die Regeln bestimmt schon vier mal vorbereitet und dann kam doch ein anderes Spiel dran. Keine Ahnung woran es lag. Vielleicht am spröden Design. Auf Spielama redet der Ben erst recht lange sehr positiv von dem Spiel, um es dann wegen einer Killerstrategie zu verreißen. Du hast es ja auch angesprochen.
    Beim Regellesen kam mir aber auch der Gedanke, dass man einfach viele Stadtviertel kaufen muss, um nicht in die Armutsfalle zu tappen. Liegt mehr oder weniger auf der Hand. Wenn das jeder Spieler vor der Partie weiß und jeder die gleiche Chance hat das so zu machen, liegt es halt an den Spielern das nicht zuzulassen. Naja, muss ich erst selber spielen, um das wirklich beurteilen zu können.

  2. Danke für deinen Kommentar. Das Spiel ist wirklich zu gut, als dass es im Keller verrotten sollte. Meistens gibt es bei uns ein Wettrennen um die Viertel. Die Frage ist halt, wie man diese finanziert. Mit Krediten? Oder mit Schiffswerften, Shops? Die Auswahl ist riesig. Leider kann ich dir keine online Partie vorschlagen. Wüsste nicht, wo man London spielen kann.

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