Die Fahrt der Dackel – Kapitel 1: Von Blumen und Schmetterlingen

Dies ist das Tagebuch von Petrulius Schrotgang. Als schweizerischer Söldner diente er dem preussischen König, bis er aufgrund einer Kniewunde, die er sich während eines Scharmützels mit einem bayerischen Bauernverbund zugezogen hatte, ehrenvoll aus dem Dienst entlassen wurde. Fortan verdingte er sich als Wache bei Warentransporten, als Hilfslandjäger bei Schmuggelringaushüben, als gemeiner Schuldeneintreiber oder mit anderen Aufgaben, welche eines Mannes wie Petrulius bedurften. Eines Mannes, der sich durch rohe Körperkraft, Ausdauer, Disziplin, Autoritätsgehorsam und ein einfaches Gemüt auszeichnete. Und so einen Mann brauchte auch der Naturforscher Dr. rer. nat. Benjamin Muwin, als er von der preussischen Akademie der Wissenschaften einen Forschungsauftrag im Südpazifik erhielt.

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Dramatis personae:

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V.l.n.r.: Petrulius Schrotgang, Dr. Benjamin Muwin, Mat’thë „Krähe“ C’hroû, Schiffsarzt Dr. A.T.N. Tien und Big Boss, der Hund des Kapitäns

18. Juni, im Jahre des Herrn 1831 – kurz nach Sonnenaufgang:
Hier sind wir nun, auf einer gottverlassenen Insel irgendwo im pazifischen Ozean. Dr. Muwin könnte mir bestimmt lang und breit erklären, wo genau sie sich befindet, doch welchen Unterschied macht das, wenn das Festland und die nächste Kneipe hunderte von Meilen weit entfernt sind? Soll der lieber mal seine Blumen und Schmetterlinge sammeln, damit wir hier möglichst bald wieder wegkommen.
ankunftIn zehn Tagen dürfte unsere Brigg, die Dackel, nämlich vom Festland zurückkehren, wo sie gerade frische Vorräte besorgt. In der Zwischenzeit soll ich auf Muwin aufpassen und ein befestigtes Lager errichten. Mat’thë C’hroû – ich nenne ihn fortan der Einfachheit halber „Krähe“, aufgrund seines pechschwarzen Haarschopfs – wird mir bei Letzterem hoffentlich helfen. Er ist ein heidnischer Hafenarbeiter, den wir bei unserem letzten Versorgungsstopp angeheuert haben, einfach für den Fall, dass wir hier wider Erwarten auf Eingeborene treffen sollten. Dr. Adalbert T. N. Tien, der Schiffsarzt, wird solange ebenfalls mit uns auf der Insel bleiben, genauso wie der Hund des Kapitäns, ein Riesenschnauzer namens Big Boss. Dann mal an die Arbeit!

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Auf der Insel angekommen – noch herrscht Ordnung und Zuversicht.

18. Juni, Nachtrag – Abend:
Eigentlich gar kein so schlechter, wenn auch etwas schmerzhafter erster Tag auf dieser Insel. Ich verbrachte den Vormittag damit, unsere Vorräte – hauptsächlich Zwieback, gepökelte Schweineinnereien sowie Hammer, Nägel und weitere Werkzeuge – an eine von den Fluten geschützte Stelle zu bringen. Die Schaufel, welche ich später aus angespültem Strandgut zu basteln versuchte und bei der Lagerbefestigung sicherlich hilfreich gewesen wäre, misslang mir leider komplett. Noch dazu schnitt ich mir dabei in den Finger. Wenn sich die Wunde nur mal nicht entzündet…
Zumindest waren meine Gefährten erfolgreicher: Muwin hatte sich nach Südosten aufgemacht, um sich den Berg dort genauer anzusehen. Er kehrte gegen Abend ganz aufgeregt zurück, hatte er dort doch unbekannte Pflanzen entdeckt und ausserdem einige hoch giftige Beeren mitgebracht, die sich „vielleicht noch als nützlich erweisen“ würden. Ja klar – wenn er mir mit seinem unverständlichen wissenschaftlichen Gequassel weiterhin so auf den Geist geht, werde ich ihm womöglich mal einige davon in sein Abendbrot mischen!
Wo ich gerade davon spreche: Krähe brachte von seinem Ausflug, auf dem er mit Big Boss einen Fluss gleich östlich von hier entdeckte, ein gutes Dutzend ekelhafter, fetter Larven zurück. Die beiden taten sich dann auch genüsslich daran, während ich mich bei diesem Anblick beinahe in meine Schale mit Schweinekopfsülze übergeben hätte. Nach dem Essen packten wir nochmal gemeinsam an, um unser Lager an den Fluss zu verlegen. Eine nahe Süsswasserquelle konnte ja schliesslich nur von Vorteil sein.

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Essen scheint es genug zu geben, auch wenn es nicht jedermanns Geschmack entspricht.

19. Juni – Tag 2 auf der Insel:
Nach einer kurzen und überraschend kalten Nacht – es hatte sich sogar eine leichte Frostschicht auf den Gräsern am Ufer gebildet – wachten wir alle wenig erholt und mit steifen Gliedern auf. In Zukunft sollten wir wohl auch nachts ein Feuer brennen lassen und uns ausserdem eine Art Unterschlupf bauen.

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Phallus campanulatus

Dazu brauchen wir aber erst mal das nötige Material. So verbrachte ich heute praktisch den ganzen Tag mit Holz sammeln: Erst säuberte ich den Strand komplett davon, bevor ich auch noch am Fusse des Berges gröbere Äste und kleine Stämme zusammentrug. Dort verweilte ich aber nicht länger als nötig, da ich mehr als einmal beinahe nach einer sich sonnenden Schlange gegriffen hätte, die ich für einen Ast hielt. Widerlich, dieses teuflische, beinlose Gezücht!
Als ich am späten Nachmittag mit dem letzten Bündel Holz ins Lager zurückkehrte, präsentierte mir Krähe stolz ein grosses Jagdmesser, welches er angefertigt hatte. Dieser ignorante Heide wird nach seinem Tod zwar leider in der Hölle schmoren, aber bei Gott, er weiss mit seinen Händen etwas anzustellen! Selbiges kann Muwin wohl nicht von sich behaupten, doch auch er war heute nicht untätig. Zusammen mit Big Boss hatte er die Wiesenlandschaft nordwestlich unseres Lagers durchstreift und der Schnauzer schreckte dabei angeblich irgendein grösseres Tier auf, welches dann davonrannte. Hoffen wir mal, dass er trotz seiner nicht besonders aktiven Jahre an Bord der Dackel noch ein bisschen Jagdinstinkt in sich hat – eine fette Wildsau etwa könnte nämlich ordentlich was zu beissen abliefern. Muwin hofft natürlich auf eine unbekannte Spezies, die er dann stolz dem König präsentieren kann. Wir werden ja sehen…
Auf jeden Fall ist er bei der Verfolgung des Tiers über eine rostige Machete gestolpert – waren vor uns etwa schon andere Europäer auf dieser Insel? Das würde meine Wildschweintheorie natürlich wahrscheinlicher machen. Jesses – jetzt fange ich schon an, wie der Professor zu reden! Schluss für heute. Ich lass mir jetzt von Dr. Tien noch etwas von seiner Kräuterpaste auf meinen Finger schmieren – er meinte, damit sollte er schnell heilen.

 

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Alles halb so wild, so lange Machete schneller wie Schlange ist…

20. Juni – Tag 3 auf der Insel:
Nachdem wir uns letzte Nacht trotz eines Lagerfeuers schon wieder den Arsch halb abgefroren hatten, waren die wichtigsten Ziele für heute klar: Wir brauchten ein noch grösseres Feuer und einen Unterschlupf, damit dessen Wärme nicht einfach weiter so verpufft. Zusammen mit Krähe machte ich mich denn auch gleich an den Bau einer einfachen, aber robusten Hütte. Ich muss sagen, ich beginne den Kerl zu mögen: Er lernt schnell, labert nicht und arbeitet mit sicherem Griff. Und er lacht gerne. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob er nicht manchmal über mich lacht, aber ich glaube viel mehr, er ist wie alle Wilden einfach etwas tumb.
beagle05Die beiden Herren Doktoren bestanden darauf, dass all ihr Krempel auch in der Hütte untergebracht wird. So wurde schnell deutlich, dass wir ein grösseres Lager brauchen würden, als zuerst angenommen – und deshalb noch mehr Holz. Also ging ich heute Nachmittag erneut am Fusse des Schlangenberges Holz sammeln und es dürfte das letzte Mal gewesen sein: ausser einigen nutzlosen Sträuchern liess ich nämlich nichts Hölzernes stehen oder liegen.
Muwin hatte sich unterdessen erneut Big Boss geschnappt und wanderte mit ihm flussaufwärts nach Osten. Auch heute sollte sich ihr Ausflug lohnen: sie kehrten mit einem grossen Bündel Bambusstangen, Heilkräutern und einer Peitsche zurück. Diese hatte Muwin sicher aus der Kapitänskajüte mitgehen lassen, aber er wollte mir tatsächlich weiss machen, Big Boss hätte sie in einer Höhle gefunden. Ja, klar – eine Peitsche liegt da einfach so rum, mitten in der Wildnis. Und was findet der Köter wohl als nächstes, einen Filzhut oder gar eine Lederweste?
Aber ich will den Muwin heute nicht schlechtreden. Im Gegensatz zu Dr. Tien, der den ganzen Tag nur durchs Unterholz kriecht oder Grünzeug und Körner in seinem Mörser zerstampft, bringt er immerhin nützliche Dinge von seinen Ausflügen mit. Und er beschrieb mir eine Stelle unweit des Bergfusses, wo anscheinend noch eine ganze Menge nützliches Holz rumliegen soll. Angespornt durch diese guten Nachrichten rammte ich nach dem Abendbrot noch einige der Bambusstecken in den Boden und umschlang sie mit Dornbuschranken – dies sollte das Fundament für unsere Palisade werden.

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Der Fluss, an dessen Ufer wir unser Lager errichteten.

21. Juni – Tag 4 auf der Insel:
Was für eine Nacht! Zur Abwechslung haben wir zwar nicht gefroren, dafür tobte aber ein Sturm durch unser Lager, der meinen Schutzzaun hinwegfegte. Damit nicht genug, muss vor unserer Hütte auch noch ein grosses Tier gewütet haben. Wir dachten erst, das Durcheinander bei unseren Vorräten hätte auch der Wind verursacht, aber Muwin fand im feuchten Boden Abdrücke, die er „zweifelsfrei“ einem Bären zuwies. Er war darob ganz aus dem Häuschen, ich hingegen bin eher besorgt darüber, dass sich so ein Biest Mitten in unser Lager getraut.
beagle06Der Wind hatte auch einige grosse Blätter von irgendwelchen Palmbäumen ins Lager geweht – ich bastelte daraus gleich so eine Art Vordach, welches unsere Vorräte vor Regen schützen sollte. Danach gab ich als erstes Krähe den Auftrag, die provisorische Palisade wieder aufzurichten und dafür die restlichen Bambusstangen zu verwenden. Während er damit beschäftigt war, flocht ich ein Seil, um den Zaun stabiler zu gestalten. Das gelang mir zwar nicht schlecht, allerdings ging ich dabei wohl etwas gar überhastet ans Werk, was am Ende dazu führte, dass meine Wunde wieder aufbrach. Krähe lachte und murmelte dann mehrmals „Stu-pit wait-män!„, was in seiner Sprache wohl soviel bedeutet wie „du hast aber auch wirklich Pech!“. Ich nickte zustimmend, worauf er erneut lachte. Wahrlich, den geistig Armen gehört das Himmelreich!
Es war schon Nachmittag, als ich mich schliesslich daran machte, gemäss einer Skizze von Muwin kleine Holzkästen zusammenzuzimmern. Er wollte sie nutzen, um darin Tier- und Pflanzenproben zu sammeln. Der Professor selbst hatte sich erneut zum Schlangenberg begeben, um – ich trau mich fast nicht, das aufzuschreiben, aber bitte, man möge mir glauben, es ist eins dieser wissenschaftlichen Wörter, mit denen Muwin ständig um sich wirft – also, er ging zum Schlangenberg, um nach „Fotzilien“ zu suchen. Das sind angeblich versteinerte Tiere. Und er kam tatsächlich mit einem Stein zurück, der aussah wie ein grosses Schneckenhaus. Muwin erklärte mir, das sei von einem uralten Tintenfisch. Ich glaube, dem Professor tut das wechselhafte Wetter hier nicht besonders gut: Tintenfische auf einem Berg – natürlich!
Nun, auch ihm scheinen die Schlangen dieses Mal gehörigen Respekt eingejagt zu haben. Er untersagte mir jedenfalls ganz nachdrücklich, noch einmal dorthin zurückzukehren, was mir nur recht war.

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Die Insel war grösstenteils dicht bewachsen.

22. Juni – Tag 5 auf der Insel:
Heute wurden wir alle durch ein schreckliches Geheul kurz vor Morgengrauen aus dem Schlaf gerissen. Geistesgegenwärtig, wie ich nun mal bin, schnappte ich mir sogleich die Machete und Big Boss und stürzte aus unserer Unterkunft. Der Schnauzer jagte wie von der Tarantel gestochen durch unser Lager, schlitterte ungeschickt über einen Laubhaufen und verbiss sich anschliessend knurrend in… seinen Spielball, den wir ihm aus unnützen Lederriemchen gebastelt hatten. Weit und breit keine Spur von einem Eindringling – auch wenn das Tiergeschrei gewiss ganz in der Nähe des Lagers seinen Ursprung gehabt hatte.
In meiner Funktion als Sicherheitsverantwortlicher dieser Expedition ordnete ich folglich an, dass vorerst niemand alleine das Lager verlassen darf. So zogen Muwin und Krähe zusammen los, um einige der Kästen für die Tier- und Pflanzenproben in der Umgebung aufzustellen.
Derweil machte ich mich mit dem Hund auf Spurensuche. Irgendwo musste das Untier – womöglich der Bär, der uns bereits gestern einen Besuch abgestattet hatte – schliesslich seinen Schlafplatz haben. Big Boss schien seine Fährte tatsächlich aufgenommen zu haben, er führte mich jedenfalls zu einem kleinen Berg nordöstlich unseres Lagers. Während es meinen vierbeinigen Begleiter mal in diese, mal in jene Richtung zog, grübelte ich lange über einen passenden Namen für dieses Gesteinsmassiv. Es sollte ein Name sein, welcher seiner geografischen Lage, seiner Grösse, seiner Funktion auf der Insel und natürlich seinem Entdecker gerecht wird. Ganz schön knifflig, fürwahr, aber ich darf hier nun stolz festhalten, dass ich all diese Kriterien erfüllt habe, und zwar mit dem Namen „Grosser Schnauzer“! Big Boss zeigte sich davon jedoch nur mässig beeindruckt, denn unsere Suche verlief letztendlich erfolglos. Wir fanden zwar weitere Tierspuren sowie Pflanzen, die aussahen und rochen wie eine Art wilder Kohl, aber das Raubtier wollte sich uns nicht zeigen.

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Unser Lager und, im Hintergrund, der Grosse Schnauzer.

Zurück im Lager nutzte ich vor dem Abendessen – Kohl am Spiess – das restliche Tageslicht, um zwei stabile Käfige aus Holz anzufertigen: Auch dies ein Auftragswerk für Muwin, der darin unbekannte Tierarten in die Heimat zu befördern gedachte. Falls es denn abgesehen von den Schlangen, dem Bären und einigen Vögeln überhaupt irgendetwas Ungewöhnliches auf dieser Insel gab…

 

23. Juni – Tag 6 auf der Insel:
Nach einer durchregneten Nacht durften wir heute früh erleichtert feststellen, dass unser Blätter-Vordach dem Wasser standgehalten hatte. Wir sollten bei Gelegenheit mehr von diesen Blättern auftreiben, zumal der Himmel morgens immer noch mit dunklen Wolken bedeckt war. Unsere Vorräte blieben also trocken, liegen aber immer noch so ungeordnet herum, wie sie der Bär vor zwei Tagen zurückgelassen hatte – nicht gerade ein ermutigender Anblick.
Krähe hatte ein Tag in Gesellschaft von Muwin wohl gereicht, er rief jedenfalls schon vor dem Frühstück Big Boss zu sich und begab sich mit ihm auf Erkundungstour. Sie entdeckten hinter dem Grossen Schnauzer eine Hügellandschaft, in welcher sie auch ein grösseres Tier sichteten. Der Heide konnte mir aber nicht sagen, ob es ein Bär war. Immerhin hatte er einige der praktischen Palmblätter bei sich, als er zurückkehrte, auch wenn wir eigentlich dringender etwas zu beissen gebraucht hätten.
So begab ich mich denn auf die Jagd. Ich harrte fast den ganzen Nachmittag vor einem Fuchsbau aus, bis sich dessen Bewohner endlich zeigte, ein bereits etwas älteres, eher hageres Exemplar. Es tat mir beinahe leid, ihm mit der Machete eins überzuziehen, aber mittlerweile ging es hier um fressen oder gefressen werden: Unsere Nahrungsvorräte waren aufgebraucht und die Dackel würde frühestens in vier Tagen eintreffen.
beagle08Den grossen Reibach machte heute also ein anderer, und es war natürlich nicht der eigenbrötlerische, kaum mal den Unterschlupf verlassende Dr. Tien. Nein, Muwin kehrte von einer erneuten Forschungsexpedition nicht nur mit weiteren Steinschnecken, sondern auch mit Fellen und einem alten Säbel zurück. „Sieht so aus, als hätte ich da einen Piratenschatz gefunden!“, frohlockte er. Ich liess ihn mal in dem Irrglauben, auch wenn heutzutage jedes Kind weiss, dass Piraten Pelze hassen, weil [es folgt unleserliches, verschmiertes Gekrakel, das sich über zwanzig Zeilen hinzieht]. Aber lassen wir das – der Herr Professor kann ja nicht alles wissen.
Es beginnt wieder zu regnen. Hoffen wir mal, dass sich das Wetter bald verbessert.

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Leider ein gar alltägliches Himmelsbild.

24. Juni – Tag 7 auf der Insel:
Ah, ein Tag ganz nach meinem Geschmack – zumindest fing er vielversprechend an. Ich trat nämlich kurz vor Sonnenaufgang aus unserer Hütte und da stand er vor mir: der Höllendämon, der Schrecken der Insel, die Geissel der Menschheit, das Joch der zivilisierten Welt, das groteske Ungetüm vom Grossen Schnauzer – der Bär! Einzig mit dem Piratensäbel bewaffnet stürzte ich mich auf ihn, wich den Hieben seiner monströsen Tatzen immer wieder aus, bis er mir in einem Moment der Unaufmerksamkeit seine Brust präsentierte – ich stiess zu und der Koloss sackte mit einem letzten erderschütternden Aufschrei zu Boden. Zugegeben, einige Kratzer habe ich mir dabei auch eingefangen, aber zumindest waren wir unsere Nahrungssorgen fürs Erste los.
Angesichts des immer schlechter werdenden Wetters kam uns das sehr gelegen. Ich machte mich auch gleich daran, unser Feuer anzuheizen, doch als ich mir von unserem Holzvorrat einige Äste griff, spürte ich plötzlich einen Schlag an meinem linken Unterarm. Ich sah nur noch, wie etwas Längliches davon huschte, bevor sich ein lähmendes Brennen in meinem ganzen Arm ausbreitete: ich musste vor einigen Tagen unbemerkt eine dieser vermaledeiten Schlangen mit dem Holz ins Lager geschleppt haben!
Ich konnte meinen linken Arm folglich zwar kaum noch bewegen und meine Hand spürte ich gar nicht mehr, was mich jedoch nicht davon abhielt, mit Big Boss auf die Pirsch zu gehen. Schliesslich galt es, Bewohner für die beiden Käfige, die ich für Muwin gebaut hatte, zu fangen. Und siehe da: Wir scheuchten einen Puma auf! Drei teuflische Kreaturen an einem Tag, das würde wohl selbst den besonnensten Schöngeist in Rage bringen! Als sich das Biest nämlich in meinem rechten Oberschenkel festbiss, geriet ich vor Wut und Schmerz so ausser mich, dass ich ihm kurzerhand einen gezielten Fausthieb Schrotgang’schen Ausmasses verpasste – mit der immer gleichen Folge: Mein Gegner sackt bewusstlos zusammen. Hat auch hier tadellos funktioniert.
beagle09Mühselig schleppte ich mich und unsere Beute ins Lager zurück. Da Muwin mit dem Tag nichts besseres anzufangen wusste, als einen Topf aus Lehm zusammenzukneten, nahm ich dann auch noch die Aufgabe auf mich, unser Vordach etwas wetterfester zu gestalten. Ein Vorhaben, welches mir – mit nur einer Hand – leider gründlich misslang. Damit nicht genug, rutschte ich beim Zuschneiden der Äste mit dem Messer ab und hieb es mir versehentlich in die linke Pobacke (wie genau das vonstatten ging, möchte ich hier lieber nicht ausführen).
Muwin versuchte anschliessend, mich mit einem speziell für mich zubereitetem Gemüseeintopf etwas aufzupäppeln, welchem Dr. Tien auch noch einige fiebersenkende Pülverchen beimischte. Angesichts der vielen Wunden, die ich mir heute zugezogen hatte, war ich vor Schmerzen so benommen, dass ich von seinen wissenschaftlichen Vorträgen noch weniger als sonst verstand. Irgendetwas über das Paarungsverhalten von Steppenlöwen… Balzrituale unter der glühenden Sonne Westgotlands… dans, Schwede, dans… dans inne Midsomme nei…

25. Juni – Tag 8 auf der Insel:
Welchen Unterschied eine ruhige Nacht doch machen kann – ich fühlte mich heute zumindest schon wieder etwas kräftiger. Aber dieses ewig nasskalte Dreckswetter! Unsere Lebensmittel verderben aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit und unser Holzvorrat schwindet immer mehr, schliesslich wollen wir nachts auch nicht erfrieren. Ausserdem sind über Nacht Teile der Palisade eingebrochen – mein Seil war wohl doch nicht so fest, wie ich gedacht hatte. Alles in allem ein wirklich entmutigender Start in den Tag!
palmeEr wurde auch nicht besser, als Muwin nach dem Frühstück einfach wortlos aus dem Lager spazierte. Ich rief ihm noch hinterher, was er denn vorhabe, aber er tat so, als höre er mich nicht. Wenn sich der alte Dickkopf mal nur nicht verirrt…
Da ich heute immerhin wieder einigermassen Gefühl in meinem linken Arm hatte, machte ich mich noch einmal ans Befestigen des Vordaches – aufgrund meiner Verletzungen kam ich zwar nur langsam voran, aber ich war immerhin erfolgreich. Auch die Palisade konnte ich so zumindest notdürftig reparieren.
In seinem Jägerstolz angestachelt durch meinen gestrigen Erfolg machte mir Krähe morgens deutlich, dass er heute an der Reihe war, um mit Big Boss loszuziehen. Da mir ohnehin beinahe jede Bewegung Schmerzen bereitete, hatte ich dagegen auch nichts einzuwenden. Und siehe da, am späten Nachmittag kehrten die beiden zurück, mit einer grossen, hässlichen, Echse im Schlepptau. Der Wilde strahlte vor Stolz und schien voll des Lobes für den Hund. Aufgeregt gestikulierend – einer richtigen Sprache war er ja nicht mächtig – erzählte er mir, wie Big Boss das Biest anscheinend praktisch im Alleingang erlegte. Darob staunte ich nicht schlecht, zumal sich der Hund gestern beim ersten Drohgebrüll des Pumas winselnd in die Büsche verkrochen hatte. Nun gut, immerhin jagte ihm die Wildkatze hinterher und lief mir so direkt vor die Machete, aber trotzdem… Wie sich beim Zerlegen der Echse zeigen sollte, zierten sie zwar mehrere Stich- aber keinerlei Bisswunden. Ach, Big Boss…
Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und Muwin ist noch nicht wieder im Lager, was mir doch etwas Sorgen bereitet. Wie kann er einfach davonlaufen, auf einer von gefährlichen Raubtieren bewohnten Insel, wo ich doch für seine Sicherheit zuständig bin? Wenn er zurückkommt, wird er was von mir zu hören kriegen! Wenn er zurückkommt…

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26. Juni – Tag 9 auf der Insel:
Heute nach einer Nacht mit Schneeregen wieder zu Bodenfrost aufgewacht. Wie ist das nur möglich? Ich bin ja nun kein Gelehrter, aber selbst ich weiss, dass Echsen eigentlich Sonne und Wärme benötigen, weil sie sonst zu Stein erstarren. Und überhaupt – Bären, Wildkatzen, Schlangen, teuflische Echsen: Langsam glaube ich, diese Insel ist verflucht, bei all diesen mordlustigen, menschenfressenden Monstrositäten!
Ich war gerade dabei, den Puma zu füttern, als plötzlich Muwin ins Lager spaziert kam – so unbekümmert, als hätte er es erst vor wenigen Minuten verlassen. Ich lief zu ihm hin, packte ihn am Kragen und las ihm gehörig die Leviten. Na ja, zumindest war das mein Plan. Kaum hatte ich ihn mir nämlich gegriffen, steckte er mir seine Finger in die Augen, worauf ich ihn zu Boden rang und wir uns eine waschechte Prügelei lieferten. beagle10Glücklicherweise eilte alsbald Krähe herbei und trennte uns, sonst hätte ich dem Professor wohl mehr als ein blaues Auge und ein paar Prellungen verpasst. Nach einem kurzen, klärenden Gespräch versprach er mir, künftig auf solche Einzelgänge zu verzichten. Zwar schmollte er und sprach für den Rest des Tages nicht mehr mit mir, aber diese Angelegenheit war damit zumindest geklärt.
Ich widmete mich danach den mittlerweile täglich notwendigen Reparaturarbeiten an unserer Palisade, bevor ich mich mit Big Boss aufmachte, um auch für den zweiten Käfig noch ein Tier zu fangen. In der Nähe vom Grossen Schnauzer stiessen wir auf eine kleine Gruppe Wildhunde. Big Boss gelang es, einen von ihnen zu isolieren und zu mir herüber zu scheuchen. Da zeigte sich wohl seine wahre Bestimmung: Er wäre gewiss ein ausgezeichneter Schäferhund geworden!
Praktisch zeitgleich mit uns kehrten auch Muwin und Krähe ins Lager zurück. Oder genauer gesagt: Krähe trug Muwin quasi ins Lager zurück. Sie waren nämlich ausgezogen, um Proben von einer der seltenen Pflanzen hier einzusammeln, vom Manchinelbaum, wie Muwin ihn nannte. Anscheinend gehört zu einer wissenschaftlichen Untersuchung auch, dass man einfach mal in Früchte reinbeisst – was sollte schon passieren? Nun, ein nächtelanges, fiebriges Auskotzen zum Beispiel. Wie kritisch Muwins Zustand ist, lässt sich an Dr. Tiens Gesichtsausdruck ablesen: Blass und besorgt sitzt er schweigend am Lager des Professors und lässt diesen an einem fiebersenkenden Sud nippen, wenn er sich nicht gerade übergibt.
Mir geht es übrigens kaum besser: Auch mich plagt weiterhin ein Fieber und einige meiner zahlreichen Wunden scheinen nur schlecht zu heilen – ich hätte wohl noch nicht wieder auf die Jagd gehen sollen. Darüber hinaus ist es trotz Feuer so kalt in unserer Hütte, dass uns bis morgen womöglich, wenn nicht das Fieber, so doch die Kälte den Rest geben könnte.
Durch das kleine Fenster sehe ich gerade, dass draussen Schnee fällt. Weisser, weicher Schnee. Darauf bettet es sich bestimmt gut… kalt, aber so weich… weich und sanft… und kalt…

27. Juni – Tag 10 auf der Insel:
Als ich heute aufwachte, schien jeder einzelne Muskel in meinem Körper zu schmerzen. Zumindest hatte Dr. Tiens Medizin ihre Wirkung nicht verfehlt, mein Fieber war spürbar zurückgegangen. Auch Muwin wirkte ruhiger in seinem Schlaf und hatte wohl das Schlimmste überstanden. Den einzigen Kampf, den er heute austragen würde, war jener gegen seine Vergiftung. Krähe erhielt von Muwin in einem seiner wachen Momente den Auftrag, eine weitere seltene Pflanze, die sie gestern identifiziert hatten, sicherzustellen: den Schwarzen Lotus, wie der Professor sie nannte.
Da wir nichts mehr zu Essen hatten, war auch klar, was meine Aufgabe war. Mit Hund und Machete – den Säbel rührte ich nicht mehr an, denn seit ihn Muwin ins Lager geschleppt hatte, schien sich ein Unglück ans nächste zu reihen – brach ich also auf. Das Glück schien uns doch noch nicht ganz verlassen zu haben: Nur wenige Schritte ausserhalb des Lagers stiessen Big Boss und ich auf eine Wildschweinfährte. Zu Gott unserem Herrn betend, dass mein Begleiter wenigstens vor diesem Tier nicht den Schwanz einziehen würde, nahmen wir die Verfolgung auf. Und tatsächlich: Big Boss wurde für einmal seinem Namen gerecht und kämpfte wie ein… Boss. Das war auch nötig gewesen, denn mir fehlte schlicht die Kraft, um der Wildsau hinterherzurennen.
blume4Zurück im Lager stieg uns ein fürchterlicher Gestank in die Nase. Als ich Krähe darauf ansprach, deutete er stolz auf eine Holzkiste mit einem bizarren Gewächs mit grossen, schwarzen Blüten: Auf den Namen „Schwarzer Lotus“ hatte es Muwin getauft und das kleine Ding roch bestialisch. Ich wollte das Unkraut eigentlich ins Feuer werfen, wurde dann aber bei Muwins fiebrig-flehendem Blick schwach. Trotz der Kälte verbrachte ich den Rest des Tages vor der Hütte – und selbst da blieb der teuflische Geruch in meiner Nase haften.
Als ich mich nach Sonnenuntergang dann doch ins Innere begab, waren die muffigen Ausdünstungen der Pflanze jedoch meine geringste Sorge. Eine gewaltige, dunkle Wolkenfront hatte sich nämlich am Horizont zusammengebraut und zog auf die Insel zu. Bereits jetzt zerrten heftige Böen an den Bäumen und brachten unsere Palisade ins Schwanken. Diese Nacht würde zweifelsohne ein Sturm über uns herziehen, wie wir ihn noch nicht erlebt hatten. Und irgendwo da draussen war die Dackel, die morgen bei uns eintreffen sollte – mit frischen Vorräten. Mit Medizin. Mit der Hoffnung, den Aufenthalt auf dieser verfluchten Insel doch noch zu überleben. Wenn der Orkan sie nicht auf den Meeresgrund befördern würde. Wenn der Orkan unser Lager bis dahin nicht in Schutt und Asche legen und uns darunter begraben würde. Der Orkan – es geht los…

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Grundlage für diesen Spielbericht von Robinson Crusoe – Abenteuer auf der verfluchten Insel ist das erste Szenario der Erweiterung Die Fahrt der Beagle. Ich spielte es im Solo-Modus mit dem Soldaten und schloss es mit 34 Wissenspunkten ab (je 2 seltene Tiere und Pflanzen, 3 Sets biologischer Proben sowie 2 Fossilien). Die beiden Protagonisten hätten aber wohl keinen weiteren Tag überlebt:

ende

Die Fortsetzung der Abenteuer von Petrulius & Co. erscheint demnächst hier bei MUWINS.

Einige kleine Hausregeln, die ich für diese Kampagne anwende:

  • Für jedes Szenario ziehe ich zufällig eine der sechs Darwin-spezifischen Ereigniskarten und mische sie in den Ereigniskartenstapel.
  • Ebenso zufällig wähle ich jeweils einen der neuen Hilfscharaktere.
  • Sämtliche Ereignis- und Abenteuerkarten, die in einem Szenario vorkommen, nehme ich an dessen Ende aus dem Spiel – sie werden für den Rest der Kampagne nicht noch einmal benutzt.

Hinweis zum Bildmaterial: Alle Bilder, die nicht Spielmaterial zeigen, stammen von der Website Darwin Online. Es handelt sich um Zeichnungen, welche Darwin selbst während bzw. im Rahmen seiner Forschungsreise mit der HMS Beagle anfertigte.

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