Mea culpa: Höllenhunde auf dem Weg zum Himmel

18. Hornung 152017 im erzkatholischen Düdingen: In einer schummrigen Kaschemme beugen sich vier nicht minder zwielichtige Gestalten über ein Spielbrett. Shami gibt den Kaiser von Taiwan und spendet für den Bau einer protzigen Prunkkathedrale, nur um seine schwarze Seele vor den Höllenqualen zu retten. Während Heiko als Händler auf dem Markt habgierig rafft, gibt sich Martina ganz päpstlich und schickt mich für meine angeblichen Verfehlungen ein paar Schritte Richtung Höllenpforte. Dabei war ich kleiner Sünder doch nur ganz kurz im Freudenhaus, um mir einen Ablassbrief zu holen. Was in Dreiteufelsnamen oder um Himmelswillen wird hier gespielt?

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Mea Culpa
aus der Gottperspektive.

Mea Culpa heisst das Spiel um Ablassbriefe, Habgier und Bigotterie samt Papst, der alle anderen zur Hölle wünscht, während er sich im Bordell inkognito vergnügt. Hmm, genau wegen solcher Schweinepriester, die wir in diesem Spiel verkörpern, hat doch vor 500 Jahren Martin Luther seine zornigen Reformationsthesen an eine Kirchentür genagelt. Will sich da der Zoch-Verlag eine Scheibe vom Marketingkuchen des Lutherjahres 2017 abschneiden? Abwegig ist die Idee nicht, wenn man bedenkt, dass die Luther-Playmobilfigur bereits mehr als 750’000 mal verkauft wurde.

Selbst wenn hinter dem Spielthema einfach ökonomisches Kalkül stecken sollte, haben sich die Designer Klaus Zoch und Rüdiger Kopf zumindest nicht gegen das 11. und wichtigste Gebot versündigt, das da lautet: „Du sollst einer beliebigen Klötzchenschieberei kein gehyptes geiles Thema aufpfropfen.“ (Da sich bereits zu Moses‘ Zeiten Fehler in die Steinmeisselung der Regelbücher einschlichen, fehlt das Gebot in den offiziellen Tafeln.) Ein Spielekenner hat es mir gegenüber sehr schön auf den Punkt gebracht: „Das Thema passt super zum Spielgeschehen. Das hätte man mit Schafen auf dem Mars nicht hingekriegt.“

Was tun wir in Mea Culpa? 2 bis 4 Bussfertige starten auf einer Leiste genau mitten zwischen Himmel und Hölle. Wer dem Himmel am nächsten kommt, gewinnt. Die Erlösung kommt aber erst zum Schluss. Während des Spiels gibt’s  nur eine Richtung für unsere sündigen Seelen: Zur Hölle hier lang.

Zu Beginn jeder Runde bieten wir um einen der vier Charaktere: Papst, Kaiser, Händler oder kleiner Sünder. Dabei können wir Münzen anbieten, aber auch bis zu sechs Sünden als Entgelt in unser Kerbholz ritzen. Da man während der Runde gerne auch noch sündigen möchte, das Kerbholz aber höchstens sechs Verfehlungen zulässt, heisst es beim Bieten gut abwägen. Das Kerbholz (leider nur aus Pappe) ist eines jener liebevollen Details, mit denen das schön gestaltete Material das Spielthema unterstützt.

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Ein Angebot, das der Papst nicht ablehnen kann.

Rollenwahl kennen wir als Spielelement zur Genüge. Mea Culpa präsentiert uns dabei aber wirklich eine tolle Auswahl: Die Charaktere spielen sich ganz unterschiedlich, jeder hat eine wichtige Funktion und je nach Spielsituation sind andere Rollen attraktiv. Es gibt also keine Alpharolle, auf die sich alle stürzen und die ein Erfolgsgarant wäre.

Wer den Papst wählt, darf als Vorspiel Präludium vor seinem eigentlichen Zug einen Papststein versetzen. Zu Beginn des Spiels liegt bei jedem der drei Sündenpfuhle (Wolllust, Habgier, kleine Sünden) einer dieser Steine. Sündigen die Spieler während des Spiels, müssen sie Sündensteine in die entsprechenden Pfuhle legen. Liegen sämtliche Papststeine bei einem einzigen Pfuhl, werden die anderen beiden Sündenbecken geleert:  Die Spielenden kriegen ihre Sündensteine zurück, müssen aber für jedes einzelne Steinchen einen Schritt in Richtung Hölle wandern. Natürlich mit Ausnahme  des Heiligen Strohsacks Vaters.

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Es ist ein Kreuz mit diesen grünen Wolllüstlingen!

Der Kaiser darf als Vorspiel Präludium einen Bautrupp auf eines der drei Kathedralenfelder auf dem Spielplan setzen. Sobald auf einem der Felder zwei Bautrupps stehen, wird dort ein Kirchenschiff gebaut. Nach zwei weiteren Bautrupps wird der Kirchturm errichtet und das Gotteshaus gewertet (dazu später mehr). Sobald eine zweite Kathedrale fertig gestellt wurde, endet das Spiel mit der Schlusswertung.

Der kleine Sünder hat wahrhaftig ein Vorspiel. Er darf gleich nach der Rollenwahl ins Freudenhaus. Das Etablissement verfügt über sex 6 Zimmer, in die jede Runde Karten ausgelegt werden. Diese locken mit Geld, Ablassbriefen (nur hier gibts goldgelbe) oder Waren. Oder wir dürfen einen Bautrupp einsetzen oder herumschieben bzw. einen Papststein bei den Sündenpfuhlen verschieben.

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Komm rein! Es ist das Spielfreudenhaus.

Nach all dem Vorgeplänkel nun zum eigentlichen Spielzug. Die Zugreihenfolge ist immer strikt: Papst, Kaiser, Händler, kleiner Sünder. Dabei habe ich die Wahl zwischen folgenden Aktionen: Ich besuche das Freudenhaus (da sind wir ja zum Teil schon alte Bekannte), spende für mein Seelenheil oder kaufe auf dem Markt eine Ware (Brot, Wein, Tuch oder Edelstein) oder einen roten oder grünen Ablassbrief.

Auf dem Markt werden jede Runde sieben Waren und Ablassbriefe zufällig ausgelegt. Falls wir Geiz geil finden, können wir uns gleich ein 2 für 1 Angebot holen, müssen dafür aber einen Sündenstein in den Habgierpfuhl werfen. Der Händler darf bei jedem seiner Züge eine Ware oder einen Ablassbrief kostenlos einsacken. Ist der Markt leer, endet die Runde. Geraten die Spieler in einen Kaufrausch, geht das blitzschnell.

Die ergatterten Waren können wir spenden. Dafür haben wir eine Schatulle mit zwei Geheimfächern. Der Konkurrenz ums Seelenheil müssen wir zwar sagen, welche Ware oder welche Münze wir nobel an den Bau einer Kathedrale beisteuern. Hingegen verschweigen wir, ob wir für die Kirche, die zuerst errichtet werden wird, einen Obolus entrichten, oder eben für die zweite. Da die Absichten der anderen Sünder am Spieletisch ähnlich unergründlich sind wie die Wege des Herrn, gibt es hier ordentliches Bluffpotenzial.

Der Papst kann versuchen, das Freudenhaus inkognito zu besuchen. Die anderen Schweinepriester nennen in einem netten Minispiel gemeinsam die Zimmernummer, in der sie den Heiligen Vater vermuten. Wird der Pontifex nicht erwischt, darf er sich gratis verlustieren. Entdecken die übrigen Sünder hingegen den Stellvertreter Gottes ohne Soutane, muss er seinen Besuch bezahlen und ein Feld Richtung Hölle wandern.

Am Schluss jeder Runde werden die Kerbhölzer verglichen. Der Spieler, der seines am stärksten zu Kleinholz geritzt hat, muss um die Differenz zum Holz mit den wenigsten Kerben Richtung Hölle ziehen. Während des ganzen Spiels muss ich also abwägen, ob sich meine Sünden wirklich lohnen oder ob ich besser gottesfürchtig auf dem Pfad der Tugend wandle.

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Die St. Heiko-Kirche ist bereits gebaut. Folgt als nächstes die St. Andreas-Kathedrale oder die Basilika der heiligen Martina?

So läuft es ein paar Runden, bis plötzlich die Kirchenglocken läuten. Heiliger Bimbam! Jetzt geht’s an die Abrechnung: Alle Bussfertigen legen auf den Tisch, was sie in Fach I ihrer Schatulle gehortet haben. In drei Kategorien (Brot/Wein – Tuch/Edelstein – Münzen) wird gewertet. Und zwar ohne Pardon: Für jede Kategorie gibt es je nach Standort der Kirche unterschiedlich viele Ablassbriefe zu gewinnen, darunter auch blaue, die ich nur so bekomme. Der Erst- und Zweitplatzierte teilen dabei die Beute allein unter sich auf. Für die Letzten bedeutet dies im übelsten Fall, dass sie niemals die Ersten sein werden, sondern dass nach der Zwischenwertung für sie bereits habe fertig  Amen punkto Spielsieg sein kann.

Kaiserschmarrn Heiko hat natürlich genau die Kirche gebaut, auf die ich zu wenig gewettet hatte. Mit einem Krumen harten Brotes mehr, fusseligen Billigtüchern und einer einzigen Münze rafft er eine Unmenge an Ablassbriefen zusammen. Zu meinem Zitat aus der Heiligen Schrift (I. Korinther 10:24): „Jeder suche fortwährend nicht seinen eigenen Vorteil, sondern den des anderen.“ meint Heiko bloss, Mea Culpa sei halt nicht kooperativ. Also beschliesse ich im Gegenzug, nach der Wertungsklatsche nicht bergpredigtmässig die andere Wange hinzuhalten, sondern blättere in der Bibel zur Apokalypse. Von nun an hole ich alle gelben Ablassbriefe aus dem Freudenhaus.  Natürlich spende ich auch für die zweite Kathedrale, dass es den Stellvertretern Gottes ein Hallelujah entlockt.

Auf diese Weise gelingt es mir am Schluss, die wertvollste Ablassbriefesammlung, (komplette Sets zählen doppelt) zu präsentieren. Da ich während des Spiels – meinem Naturell entsprechend – nur sehr massvoll gesündigt habe, kann ich die Partie gewinnen. Ich muss allerdings beichten, dass ich davon profitiert habe, dass den anderen Sündern das Spiel vorher unbekannt war. Sind alle Spieler auf dem gleichen Wissensstand, dürfte eine Aufholjagd manchmal schlicht unmöglich sein.

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We’re on a highway to hell!

Legen wir Mea Culpa nun in das Fegefeuer der Rezension. Auf der positiven Seite haben wir ein Spiel mit einem unverbrauchten, ideal passenden Thema, das zu allerlei fröhlichen Frotzeleien in der Runde Anlass gibt. Was wir im Spiel tun, ist zwar altbekannt und unspektakulär. In der Summe ist Mea Culpa aber durchaus unterhaltender, als man es aufgrund der einzelnen Bestandteile vermuten würde. Zudem laufen die Züge so geschmeidig ab, wie ein Rosenkranz durch die Finger eines geübten Sünders läuft. Können wir Mea Culpa also direkt in den Spielehimmel loben? Leider nicht ohne Vorbehalte, da das Spiel mit seinem erbarmungslosen Wertungsmechanismus doch zumindest den Anschein einer Designsünde aufweist. Thematisch kann man es als göttliche Vorsehung ansehen, wenn man nach der ersten Wertung mit leeren Händen dasteht und sich sogar darüber freuen: „Das Wenige, das ein Gerechter hat, ist besser als der Überfluss vieler Frevler. Denn die Arme der Frevler werden zerbrechen, aber der Herr erhält die Gerechten“ (Psalm 37:16-17).

Zweiflerische oder gar ketzerische Spielernaturen werden jedoch mit Recht anmerken, dass Mea Culpa für ein ansonsten reinrassiges fein austariertes Eurospiel je nach Spielverlauf doch einen massgeblichen Zufallsfaktor aufweisen kann. Das kann im dümmsten Fall zur Folge haben, dass die Letztplatzierten nach der ersten Wertung gebeutelt wie Hiob eher freudlos durch den Rest der Partie schlurfen. Soll Mea Culpa also auf ewig im Höllenfeuer schmoren? Das hätte es meiner Ansicht nach nicht verdient! Gerne vergebe ich dem Spiel seine lässlichen Sünden und werde es gelegentlich in einer gut gelaunten Runde spielen, bevor es dann in der Sintflut von Neuerscheinungen versinken und in Frieden ruhen dürfte. Oder in einer 10er-Skala ausgedrückt: Wenn der Mensch 5 ist, ist der Teufel 6 und Mea Culpa eine gute 7 (sehr frei nach den Pixies).

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