Sylla

Lucius Cornelius Sulla Felix kurz Sulla oder Sylla beendet 81 v. Chr. seine Diktatur und tritt nun 79 v. Chr. endgültig von der politischen Bühne zurück: Eine Schreckensherrschaft geht zu Ende. Wer wird sein Nachfolger?

Sylla erschien bereits 2008 beim Ystari-Verlag. 2-4 Senatoren spielen um die Gunst des römischen Volkes. Wir errichten Bauten, lösen gesellschaftliche Probleme und mischen uns in die politischen Diskussionen des Reiches ein.

Definition „Eurogames“: Namensgebend ist üblicherweise ein Ort oder eine historische Persönlichkeit, die meiste Zeit werden Klötzchen und Punktemarker verschoben, aufgrund des Fehlens jeglicher thematischer Mechanismen sind sie so gut wie unmöglich zu rezensieren, Interaktionen geschehen indirekt (wenn überhaupt), zum Spielen benötigen wir mindestens einen Bachelor in Mathematik. Immerhin sind Eurogames häufig relativ günstig.

Für Sylla gilt nun: Name: check. Punktemarker: check. Beliebiges Thema: check. Indirekte Interaktion: check. Bachelor Mathematik: check. Günstig: check (gefunden im Ausverkauf bei einem Onlinehändler). Deshalb Sylla = Eurogame… Andere Meinungen werden an dieser Stelle nicht geduldet. Immerhin geht es ja auch um die „Wahl“ eines Nachfolgers des gefürchteten Diktators. Regelmässige Leser von muwins fragen sich nun: Werde ich jetzt Zeuge eines historischen Verrisses? Führt dies zu einer Sezession innerhalb der muwins-Gruppe, sozusagen einer Eurosplittergruppe? Hat die Dekadenz innerhalb der muwinser-Gemeinschaft endgültig die Oberhand gewonnen? Gerne beantworte ich diese Fragen am Schluss, sonst verliert der Rest des Textes ja all seine Leser.

Gesteuert wird das Spiel über drei Mechanismen: Versteigerung, Drafting von Karten sowie Abstimmungen. Nach 5 Runden – jeweils eingeteilt in 7 Phasen – wird der mächtigste Römer gekürt, alle verneigen sich und setzen ihm einen Lorbeerkranz auf.

Zentral sind die verschiedenen Personenkarten: Sklave, Senator, Händler, Legionär und Vestalin. Diese besitzen individuelle Fähigkeiten und kommen in den einzelnen Phasen zum Einsatz. Verfügt die Person über ein Fischsymbol, bekennt sie sich zum Christentum (und ja, es gab 79 v. Chr. bereits Christen, sog. christliche Hipster).

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Von oben links nach unten rechts: Senator, Sklave, Legionär, Vestalin und Händler. Bitte beachtet bereits die farbigen Sechsecke.

Zurück zu den 7 Phasen:

1. Der erste Konsul wird gewählt: mit Hilfe der eigenen Senatoren und angehäuften Kapitals wird der Startspieler bestimmt. Dieser erhält für die weiteren Phasen einen Vorteil sowie einen Res Publica Marker.

Definition „Res Publica“: Lateinisch für öffentliche Sache. Für das römische Volk waren damals 3 Belange von extremer Bedeutung: Bürgersinn, Gesundheit und Musse. Im Spiel zeigt eine Leiter, wie es um diese drei Punkte steht, bzw. wie respektabel wir unsere Arbeit als Senatoren durchführen. Gleichzeitig sammeln wir Marker dieser Kategorien: Diese zeigen unsere persönlichen politischen Bemühungen in diesen Belangen an.

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Um die Gesundheit steht es aktuell sehr schlecht in Rom! Der „Hungermarker“ steht bereits auf Stufe 3.

2. Rekrutierung von neuen Personenkarten

3. Kauf von Bauwerken (Baukran, Acker, Marktstand, Triumphbogen, usw.): Das Gebot generiert sich nicht etwa aus dem eigenen Vermögen, sondern der Anzahl der eigenen Charaktere mit einem Sechseck in der geforderten Farbe auf der Karte sowie der Frage, wieviele davon ich zu investieren bereit bin – WHAT!!??!! Wir bezahlen mit unseren Charakteren??!! Dieser Teil ist sowas von Euro, dass ich es am besten anhand eines Bildes erkläre:

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Für den Kauf des Ackerfeldes benötigen wir gelbe Sechsecke – Personenkarten mit dem passendem Symbol können nun aktiviert, resp. eingesetzt werden.

„Genutzte“ Personen können im weiteren Verlauf der Runde nicht mehr eingesetzt werden. Wir müssen also gut überlegen, wie wir unsere Personen einsetzen.

4. Einkommen: Bauwerke und Händler generieren Einkommen.

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Gibt es eine Christenverfolgung oder einen Sklavenaufstand in dieser Runde?

5. Ereignis: Es liegen jeweils vier mehr oder weniger schlimme Ereignisse (Seuchen, Christenverfolgungen, Sklavenaufstände, Senatssäuberungen, usw.) aus, welche wir mit unseren noch aktionsbereiten Legionären und Vestalinnen verhindern können. Die Dekadenz ist zudem ein Dauer(b)renner in Rom und muss daher in jeder Runde aufs Neue bekämpft werden. Die beiden Ereignisse, für welche am meisten personelle Ressourcen eingesetzt wurden, werden verhindert. Die beiden anderen treten ein. Das Resultat kann für die einzelnen Spieler verheerend sein: ein Sklavenaufstand oder eine Christenverfolgung zu einem schlechten Zeitpunkt können sämtliche Pläne zerstören. Die Diskussionen zwischen den einzelnen Spielern, welche Ereignisse abgewendet werden sollten, werden mit grösster Leidenschaft geführt. Die geheimen Absprachen, die gemeinen Verbrüderungen, das Ausschalten von einzelnen Spielern funktionieren hier phänomenal und haben uns anfangs unerwartet positiv überrascht! In unserer ersten Partie habe ich fast nur Christen beschäftigt. Petrus und Benito haben jedoch gemeinsam entschieden, dass die Gesundheitsversorgung Roms weitaus wichtiger als die Bekämpfung der Christenverfolgung sei. Daher musste ich in jeder Runde einen Christen „deaktivieren“. Denn dies ist das Schreckliche: Ein negatives Ereignis und dessen Folge gelten nicht nur eine Runde, sondern halten bis zu deren erfolgreicher Bekämpfung an.

6. Bauvorhaben: In jeder Runde liegt ein grosses Prestigeobjekt aus. Gemeinsam soll nun dieses Gebäude verwirklicht werden. Dafür stimmen wir ab. Bei einem positiven Ergebnis  (wiederum mittels Senatoren und Geld) werden Punkte verteilt oder Marker auf der Res Publica Leiter verschoben. Auch hier kann bitterböse abgestimmt werden: Warum benötigt Rom einen Kornspeicher, wenn meine eigenen Äcker MEINE Leute auch so bestens versorgen können?

7. Hungersnot und Krisen: Das Ausmass der immer drohenden Hungersnot wird auf der Res Publica Leiter wiedergegeben. Falls ich nicht ausreichend Äcker besitze, verliere ich Punkte. In dieser Phase wird auch geprüft, ob sich ein Res Publica Spielstein in der Krisenzone befindet. Falls ja, fragt sich das Volk, wer Schuld an der Misere trägt (wer die wenigsten Marker der betroffenen Res Publica besitzt, verliert sofort Punkte, wer die meisten hat, gewinnt Punkte).

Das Spiel endet wie bereits erwähnt nach 5 Runden. Die Kirche wird automatisch gebaut, der Anbruch des Christentums steht bevor: Jeder offen liegende Christ in meinen Diensten bringt mir 2 Punkte. Ausserdem kann ich noch meine Sklaven befreien. Dieser Akt der Nächstenliebe verschafft mir jeweils weitere 3 Punkte pro Freilassung. Am Ende zeigen die Spieler ihre gesammelten Res Publica Marker. Die Position auf der Leiter bestimmt analog eines Aktienmarktes die Anzahl der Punkte, die man für jeden seiner Spielsteine erhält. Natürlich siegt derjenige mit den meisten Punkten: Quae Altissimi? Scoring! (oder so ähnlich…)

Die armen Bürger von Rom: Nach der Schreckensherrschaft von Sylla müssen sie mit einer Machtübernahme von Mateo, Petrus oder Martino rechnen. Noch übler wäre aber ein Triumvirat aller drei muwinser. Denn so grausam  die Herrschaft von Syllus auch war, die Machtübernahme geht um einiges skrupelloser von statten. Benito ist verhungert, Ivone’s Sklaven haben sich mittlerweile alle Spartacus‘ Aufständischen angeschlossen und Stefano’s Senatoren verbluten auf den Stufen des Kapitols. Sylla kann also sehr brutal gespielt werden. Wir muwinser kennen keinen Skrupel: Wir verhandeln, wir brechen Versprechen, intrigieren, lassen morden, verwüsten, verhaften. Dieser hohe Grad der Interaktion macht Spass.

Sylla besitzt definitv Aspekte und Mechanismen eines Eurogames. Im Vorfeld des Reviews haben Beni und ich ausschweifend und in muwins-Art darüber gestritten, zu welchem Genre wir nun Sylla zählen. Fazit der Diskussion: Wir sind uns (m)uneins! Da ich jedoch schon zu Universitätszeiten Diskussion über Definitionen müssig fand, komme ich zum Schluss: Der Kampf um die Nachfolge in Rom macht Spass, ist sehr interaktiv sowie äusserst böse und passt deshalb perfekt in die muwins-Spielegruppe.

Das Design und das 08/15-Thema sind jedoch meiner Meinung nach nicht berauschend. Vielleicht haben diese beiden Punkte auch dazu beigetragen, dass die Brettspielszene das Spiel „kaum“ wahrgenommen hat. Falls ihr Sylla jedoch bei einem Ausverkauf, auf einem Flohmarkt oder sonst wo seht, gebt dem Spiel eine Chance, diese hat es sich redlich verdient. Deshalb beantworte ich die bereits gestellten Fragen (siehe 900 Wörter weiter oben) dreimal mit NEIN!!!

Ein Kommentar

  1. Nur damit oben keine Missverständnisse entstehen: Die Diskussion bezog sich in keiner Weise auf das Thema Spielspass. Da stimme ich dem sonst allzu oft komplett falsch liegenden Yves völlig zu…

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