Bin ich ein Mainstream-Spieler?

Das soll keine endlose Diskussion über Mainstream- oder Indie-Brettspiele werden. Vielmehr geht es darum, ob Erstspieler oder chronische Verlierer auch hie und da eine Partie gewinnen dürfen oder nicht…


Nie wieder Sekigahara!

Ich erinnere mich ein paar Wochen zurück. Es gab fast keine muwins-Diskussion, in der Sekigahara nicht erwähnt wurde, und die durchaus positive Rezension von lukebigbosss war bereits publiziert. Und dann war es endlich soweit: Meine allererste Sekigahara-Partie stand an. Und an dieser Stelle muss ich es ein für allemal klarstellen: „Ich bin – trotz Siegesserie in 1812: The Invasion of Canada – kein War-Gamer!“

Nach einer rund fünf-minütigen Anfängerglücksphase durfte ich dann meinen einstündigen Niedergang im japanischen Bürgerkrieg mitansehen. Jede verlorene Schlacht wurde von lukebigbosss mit einem „du hättest wohl dieses und jenes machen müssen“ begleitet… Vielleicht hatte er recht. Aber vielleicht wäre mit ein wenig – oder sehr viel, was weiss ich – Glück mein Plan perfekt aufgegangen. Dachte ich zumindest.

Am Schluss habe ich dann tatsächlich aufgegeben; auch wenn das eigentlich keineswegs in Ordnung ist. Das letzte Spiel, das ich gespielt habe und in dem Aufgeben unter Spielefans akzeptiert (bis gefördert) wird, dürfte wohl Monopoly gewesen sein. Aber ist es tatsächlich so schlimm, in Sekigahara aufzugeben? Das reale Vorbild hätte das in meiner Situation wohl auch getan. Aber egal…


Bin ich ein Mainstream-Spieler?

Sekigahara ist wohl für mich gestorben und dies hinterlässt in mir einen bitteren Nachgeschmack. Denn ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mir in den ersten fünf Minuten eingeredet habe, dass ich vielleicht zum ersten Mal ein Wargame lieb gewinnen könnte. Das System ist durchas zugänglich und attraktiv, Glück spielt zwar eine gewisse Rolle, ist aber mit einer guten Strategie wettzumachen. Als meine Truppen im Osten aber immer spärlicher wurden, verschwand zunehmend auch mein Enthusiasmus für das Spiel. Und heute weiss ich wieso: Ich bin ein Mainstream-Spieler! Meine Weltanschauung ist zerstört.

Sekigahara hat mich nicht an der Hand genommen und hat mich allein gelassen, und ich habe resigniert. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein kleiner Bruder und komme relativ gut mit dem Verlieren von Spielen klar. Aber dieses stündige Gemetzel war mir schlichtweg zu viel – vergleichbar mit einer 2-zu-12-Niederlage in Siedler von Catan, für all die anderen Mainstream-Spieler da draussen.

Es ist vor allem eine Eigenschaft von Sekigahara, die mir in diesem Moment der Niederlage gegen den Strich ging: Die relativ steile Lernkurve. Man muss das Spiel kennenlernen, und dabei sind vor allem die ersten – bei mir fehlenden – Partien zentral. Ich beruhige mich nun mit dem Gedanken, dass ein Neuspieler kaum gegen denjenigen gewinnt, der eine Rezension dazu geschrieben hat – was auch durchaus Sinn macht. Und so schlafe ich mittlerweile schon wieder etwas ruhiger.

Ich bin aber immer noch schockiert über die Einsicht, ein Mainstream-Spieler zu sein. Es mag für viele befriedigend sein, in einem Spiel eine „keine-Ahnung-was-ich-hier-mache„-Strategie zu verwenden und damit zu gewinnen – ABER DOCH NICHT FÜR MICH! Dies mag in einer allerersten Partie in Ordnung sein – und vielleicht an einem Spieleabend mit den Eltern – aber ich habe eigentlich eine grössere Erwartung an ein Spiel, spiele doch lange genug, um den Unterschied zwischen Sekigahara und Siedler von Catan zu erkennen. Ich möchte wissen, wieso ich gewonnen habe, sonst hat ein Sieg doch kaum eine Bedeutung. Und lukebigbosss wusste, wieso ich untergegangen bin…


Bin ich nicht!

Somit weigere ich mich weiterhin hartnäckig, ein Mainstream-Spieler zu sein. Aber ich konnte für einen kurzen Moment der dunklen Seite der Macht nicht widerstehen, wollte für einen kurzen Moment ein Spiel, bei dem ich nach einer Stunde Zufall entweder mit 2 zufälligen Siegpunkten Unterschied gewinne oder verliere. Ich war tatsächlich überfordert mit der Nord-, Ost-, Süd- und Westfront. Und ich war für einen kurzen Moment Opfer der anspruchslosen Familienbrettspiel-Industrie. Keine Angst: Diese hat durchaus auch ihre Berechtigung – aber nicht an einem Spieleabend mit lukebigbosss. Ausser vielleicht, wenn dieser todmüde und zu faul zum Überlegen ist.

Denn Mainstream-Spiele haben gegenüber Sekigahara einen grossen Vorteil: Aufgrund einer meist flachen Lernkurve müssen die Spieler nicht denselben Erfahrungsstand haben. Wer die Regeln kennt, kann gleich losschiessen und höchst wahrscheinlich auch gleich gewinnen. Dass eine steile Lernkurve Verleger abschreckt ist durchaus verständlich. Schlussendlich sollte ein Spiel auch ein möglichst grosses – und einfaches – „Kaum-Spieler-Publikum“ ansprechen, und das wären möglicherweise auch meine Eltern und deren Kusinen. Flache Lernkurven sind also gefragt.

Ich kann nicht sagen, ob ich dies gut oder schlecht finde. Ich weiss nur, dass in diesem Moment der vernichtenden Niederlage die steile Lernkurve von Sekigahara dieses Spiel für mich getötet hat. Wahrscheinlich wäre auch dieses Spielerlebnis ein komplett anderes gewesen, hätte lukebigbosss das Spiel zusammen mit mir zum ersten Mal gespielt und hätten wir es zusammen entdeckt – das Problem der steilen Lernkurve zusammen gemeistert.

Gleichzeitig weiss ich aber auch, dass Colt Express mit einer flachen Lernkurve zwar 45 Minuten – wenn auch oberflächlichen – Spass garantiert, das Spiel jedoch nur sehr sporadisch den Weg auf den Tisch findet. Denn Spiele, die entdeckt und gelernt werden müssen, die bei jeder Partie eine neue Herausforderung bieten, werden erfahrungsgemäss auch öfters gespielt – Spielreiz und Wiederspielwert sind deutlich höher.


Es tut mir so leid…

In diesem Sinn möchte ich mich bei der ganzen Spieler-Community für meinen schwachen Moment entschuldigen. Ja, ich gebe zu, ich weiss ein tolles Mainstream-Spiel zu schätzen. Es ist aber wichtig, Herausforderungen nicht zu scheuen. Die Herausforderung, ein Spiel kennenzulernen. Ein Spiel, das mit dem Lesen der Regeln nicht bereits durchschaut ist.

Es ist vor allem in einer Zeit wichtig, diese Herausforderung anzunehmen, in der immer mehr Spiele-für-jedermann gefragt sind und publiziert werden. Ich entschuldige mich daher für meinen schwachen Moment, in dem ich einem tollen Spiel die Chance verwehrt habe – genau dies braucht die Spielindustrie nämlich nicht.

Daher:

Lukebigbosss, spielen wir eine Partie Sekigahara?“

9 Kommentare

  1. Sehr gerne wieder in Japan!
    Folgendes möchte ich zu diesem Artikel noch hinzufügen: Ich habe gegen Beni gefühlte hundertmal „Wir sind das Volk“ verloren. Bei den Coin-Spielen gehöre ich auf Grund meiner unberechenbaren Spielweise immer zu den Besiegten. Daher macht es grundsätzlich nichts aus, wenn man ein Spiel immer und immer wieder verliert. Eine Partie muss jedoch eine Geschichte erzählen. Ich kann dir heute nahezu jede Coin-Geschichte, ob in Kuba oder in Kolumbien geschehen, nacherzählen. Das Erlebte ist also vielfach wichtiger als das Ereignis.
    Dann weiter… In vielen von dir genannten Mainstreamspielen gibt es einen Aufholmechanismus. Dieser erlaubt einem Spieler einen Fehler auszubügeln. Am besten siehst du dies bei „Funkenschlag“. Natürlich, ich würde nun nie behaupten, dass es sich hier um ein Anfängerspiel handelt… Wenn man jedoch bei „Food Chain Magnate“ einen Fehler macht, kann es sein, dass man 2 Stunden zuschaut und am Schluss 2-3 Burger verkauft hat. Dass dies einem Neuling nicht gefällt, kann ich gut verstehen. Macht für mich jedoch eine gute und realistische Simulation aus.
    Jeder Spieler steht einmal am Wendepunkt: zocke ich nur noch Spiele auf der „Spiel des Jahres“-Liste oder befasse ich mich nun neu mit schwereren Kost. Ressourcentechnisch muss dies gut überlegt sein (Zeit und Geld…).

  2. 1. bin ich froh, dass mratn in seinem Artikel die Kurve doch noch gekriegt hat, und 2. möchte ich anmerken (wenn auch aus Prinzip ungern), dass ich die Aussagen von lukebigbosss zu 100% unterschreibe. Und wir wissen alle, dass die 2-3 Burger in meinem speziellen Fall noch massivst übertrieben sind…

  3. Ich geb auch gerne noch meinen Senf dazu: Ich kenne dich zwar (noch?) nicht mratn aber nur schon dass du hier einen Brettspieleblog führst und dich mit eben dieser von dir genannten Problematik beschäftigst, disqualifiziert dich in höchstem Grade ein Mainstreamspieler zu sein. Sorry. ;P

    Ich verstehe aber deine Gedanken, da es mir manchmal auch so geht. Speziell bei Spielen in denen ein Wissensvorsprung einfach ein Killerkriterium für einen Sieg ist, kann das bei assymetrischem Wissensstand schnell für Frust sorgen.

    Aber da halte ich es wie lukebigboss und spiele dann einfach der Geschichte wegen. Oder spiele einfach sehr unorthodox (wenn schon verlieren, dann mit Stil :P). (PS@lukebigboss: Sehr schöner Kommentar bezüglich Geschichte/Spielerlebnis!)

    1. Apropos Frust und Killer: Ich gehe mal davon aus, dass es Dich vor Ostern ironischerweise wieder gegen Weste(r)n zieht und Du am 15.4. wieder dabei bist?

      1. So sehr der Frust auch lockt (haha!), werde ich am 15.4. wohl nicht können, da ich Besuch erwarte.
        Bin aber auf jeden Fall gerne mal wieder dabei. Vielen Dank für die Einladung (und das vom Chef persönlich! :O).

      2. […]Papa und Vorsteher unserer illustren Spielerunde ist der geschätzte Beni.[…]

        😉

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