VENOM Assault: Deckbau + Würfel = KAWUMM!

Es wird einmal im Jahre 2050. Eine UN-Ermittlung deckt auf, dass eine Organisation namens VENOM für sämtliche Terrorakte der letzten 20 Jahre verantwortlich war. Auch der dritte Weltkrieg, von welchem sich die Menschheit gerade so langsam erholt, geht auf die Kappe dieser skrupellosen Gruppierung. Aber damit nicht genug: Jetzt plant VENOM nämlich nichts Geringeres, als die Weltherrschaft an sich zu reissen. Was haben wir da für ein Glück, dass die Vereinten Nationen die Freedom Squadron ins Leben gerufen haben: eine Spezialeinheit, welche sich immer wieder heldenhaft für das Wohl und die Freiheit aller Erdenbürger einsetzt!

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VENOM Assault von SpyGlass Games ist ein kooperativer Deckbuilder für ein bis fünf Spieler. Wie nun unschwer zu erraten sein dürfte, übernehmen diese die Rolle der Freedom Squadron im Kampf gegen die Bösewichte. Ihnen steht ein vielseitiges Team an hochspezialisierten Agenten sowie ein beeindruckender Fahrzeugpark zur Verfügung, um den Terroristen an Land, in der Luft, im ewigen Eis sowie auf bzw. unter Wasser Paroli zu bieten. Dieses Pack hat sich nämlich überall ausgebreitet: Wer eine Unterwasserbasis mitten im Indischen Ozean oder eine Festung auf Nowaja Semlja in der russischen Arktis errichtet, hat es gewiss faustdick hinter den Ohren. Dass man Stützpunkte an solch zentral gelegenen Orten braucht, wusste der gewiefte Weltherrschaftsanwärter schliesslich schon… in den 80ern.

80er Jahre, eine Koalition von machtgierigen Schurken, eine Spezialeinheit, die im Namen der Freiheit dagegen hält – war da nicht mal was? Ja, thematisch basiert VENOM Assault auf der G.I. Joe bzw. Action Force Franchise. In jüngerer Zeit erlangte diese durch höchst mittelmässige Actionfilme ein begrenztes Mass an Bekanntheit, ihren Ursprung hat sie aber in einer bereits etwas älteren Spielfiguren-/Comic-/Zeichentrickserie (siehe Infobox). Persönlich habe ich aus meiner Kindheit nur sehr vage Erinnerungen an die TV-Serie, was vielleicht auch besser so ist… Um Spass am Spiel zu haben, sind jedenfalls keine entsprechenden Vorkenntnisse nötig.

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Die 80er: YMCA-Flair und patriotische Symbolik gingen Hand in Hand…

Als Barbie Ende der 50er Jahre in Amerika auf den Markt kam, schlug sie ein wie eine Bombe. Zumindest verkaufszahlentechnisch. Bei Mädchen. Denn welcher Junge würde schon mit einer Puppe spielen wollen? Nein, da musste ein völlig anderes Konzept her. Man taufte Ken also kurzerhand in G.I. Joe um, steckte ihn in eine US-Infanteristen-Uniform und verpasste ihm das Etikett „America’s movable gijoe_action_figure_originalfighting man“. Jetzt war er offensichtlich keine „Puppe“ mehr, sondern eine „männliche Action-Figur“ – der nächste Kassenknüller! Einige Jahre später knallte es dann in Vietnam, da war das Militär bei der heimischen Konsumentenschaft plötzlich nicht mehr so angesagt. Folglich wurden G.I. Joe und seine Kollegen zu einem „Adventure Team“ bzw. einer „Action Force“, zu einer Art menschlichen Superhelden also (mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten zwar, jedoch ohne Mutationen und übersinnliche Kräfte). Das Leben wurde ihnen hauptsächlich von einer Terroristenorganisation schwer gemacht, welche es auf die Weltherrschaft abgesehen hatte. Zeichentrickserien und ein erster Film folgten in den 80ern.

Jetzt schauen wir aber endlich, wie sich VENOM Assault spielt. Als Spielbrett dient eine wenn auch eher funktional als schön gestaltete, so doch zumindest angenehm grosse Weltkarte. Darauf werden teils durch die Mission vorgegebene, teils zufällig gewählte VENOM Leader den sieben Stützpunkten zugewiesen. Die Siegbedingungen variieren je nach Szenario, in der Regel gilt es jedoch, einige spezifische Leader auszuschalten sowie bestimmte Objekte zu sichern. Diese erhält man in Form von Belohnungskarten, von denen sich in jeder Zone, d.h. hinter jedem Leader, eine versteckt. Dadurch entsteht zwar der Eindruck, dass sich die Spiellänge ziemlich variabel gestalten könnte – je nachdem, wie schnell man die benötigten Belohnungen findet. Da sich diese jedoch nicht zwangsläufig hinter den unbedingt auszuschaltenden Leadern befinden, muss man in der Regel doch die meisten – wenn nicht gar alle – Bösewichte unschädlich machen.

Die Zeit ist auch der entscheidende Faktor, wenn es ums Verlieren geht: Zu Beginn jeder Runde wird eine Event-Karte gezogen. Davon gibt es positive, neutrale, negative und besonders negative. Letztere lösen nämlich auf einem fünfstufigen Track ein missionsspezifisches Ereignis aus, welches VENOM ihrem Ziel ein Stück näher bringt. Wird das fünfte dieser Ereignisse getriggert, haben die Spieler meist noch eine letzte Chance (d.h. Runde), um ihre Siegbedingungen zu erfüllen – manchmal endet die Partie an dieser Stelle aber auch sofort. Das ist gewiss ein Countdown-Mechanismus, der stete Ungewissheit und steigende Spannung verspricht, zumal es sich bei 10 der 37 Event-Karten um jene Trigger handelt. Wenn es dumm läuft, ist allerdings bereits nach fünf Runden Schluss, bzw. selbst nach 30 noch nicht (ja, Wahrscheinlichkeit und so, aber trotzdem). In meinen bisherigen Partien trat zwar kein solcher Extremfall ein, dennoch wäre ein durchgestufter Stapel – wie man ihn etwa aus Pandemie kennt – hier vielleicht die spielspassfreundlichere Alternative gewesen. Wenn man nämlich nach einigen Runden verliert und realisiert, dass man gar nie eine Siegeschance hatte, kann das dem einen oder anderen schon bitter aufstossen. Aber ich greife vor…

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Event-Karten

Der Zug eines jeden Spielers gliedert sich in 5 Phasen. Als Erstes wird aus einer Karten-Auslage rekrutiert, ganz so, wie man es aus anderen Deckbuildern auch kennt. Zur Auswahl stehen zahlreiche Fachkräfte unterschiedlichster Kulör, die – im Gegensatz zu den dem Spielbrett in puncto Langeweile nacheifernden Kartenrückseiten – alle äusserst stimmig und thematisch ansprechend dargestellt sind. Danach folgt die Taktik-Phase, in welcher man sich einen der VENOM Leader als Angriffsziel aussucht.

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Diese Bösewichte sind böse, weil… sie können.

Soweit, so unspektakulär – was sich aber nun ändern wird! Als Nächstes erklärt der Spieler eine seiner Einheiten zum Anführer dieses Angriffs. Das ist nicht immer eine leichte Entscheidung, da dieser anscheinend mit der Planung zu beschäftigt ist, um seine Spezialfähigkeit nutzen zu können. Die restlichen Einheiten hingegen können ausschliesslich ihre Sondereigenschaften nutzen – ihre Grundangriffswerte werden also ignoriert. Nun werden jeder Einheit, entsprechend ihres aktuellen Angriffswertes, Würfel zugeordnet. Ja, in der Tat – Würfel! In einem Deckbuilder! Welch dreiste Vermengung zweier Spezies, die sich sonst nichts schenken! Doch dazu gleich mehr.

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General Steel und sein Team sind bereit für den Kampf.

Denn jetzt ist erst mal VENOM dran. Der Leader stellt sich der Freiheitsschwadron nämlich nicht allein – so leichtsinnig ist kein Schurke von Welt – sondern erhält Unterstützung von seinen eigenen Truppen, welche von einem dicken, bunt durchmischten VENOM-Unterstützungskartenstapel gezogen werden. Nun aber genug der Taktiererei…

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Unterstützung für den VENOM Leader

…zünden wir die Kampf-Phase! Das heisst erst mal: würfeln! Die Angriffswürfel bilden nun einen Pool, der sich an zwei Werten orientiert: dem Verteidigungswert des Oberschurken (entscheidet darüber, welche Würfel als Erfolge gelten) und der Anzahl seiner Lebenspunkte (diese entsprechen den benötigten Erfolgen). Hierbei können Spezialfähigkeiten auf beiden Seiten sowohl Würfel- als auch Leaderwerte noch beeinflussen. War der Spieler erfolgreich, erhält er den Leader als Trophäe und mit ihm die darunter liegende Belohnungskarte. Behielt jedoch der Bösewicht die Oberhand, hat dies in der Regel äusserst leichtwiegende Konsequenzen – nämlich keine (es sei denn, der VENOM Leader hat eine diesbezügliche Sonderaktion, was jedoch selten vorkommt).

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Das war’s dann wohl, Mayhem!

Abschliessend folgen noch die Rentenphase (erlaubt das in den Ruhestand Schicken einer gespielten Einheit zur Erhaltung eines schlanken Decks) und eine Aufräum- bzw. Kartennachziehphase, bevor die nächste Spielerin am Zug ist.

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Reicht nun all dies, um meinen Lieblings-Deckbuilder Legendary Encounters: Alien von seinem säurezerfressenen Sockel zu stossen? Nein. Dafür haben Facehugger & Co. in drei Punkten die Nase vorn: Eleganz des Legendary-Systems; Spannung und Story, die sich beim Spielen ergeben; sowie Thema. Heisst das, VENOM Assault ist klobig, langweilig und unthematisch, ja, gar nicht erst einen Kauf wert? Mitnichten!

Ich finde VENOM Assault sogar sehr thematisch, aber im Gegensatz zu LE:A lässt mich die Franchise dahinter relativ kalt – das ist also ein ganz persönlicher Aspekt. Hierbei möchte ich SpyGlass jedoch zu Gute halten, dass sie die peinlich patriotisch-pathetische Aufmachung der Comic-Vorlage geschickt umschifft haben. Auch scheint mir der Anteil an weiblichen und männlichen Helden sowie Schurken sehr ausgewogen (nachgezählt habe ich jetzt aber nicht extra…). Das Artwork der Karten ist actionlastig, aber jugendfreundlich, was für einige (Mit)Spieler bestimmt auch ein Pluspunkt sein dürfte.

Spannung kommt trotz ausbleibender Fehlschlagkonsequenzen durchaus auf, wenn auch nicht auf solch nervenaufreibende Weise wie bei den Aliens (was für die Gesundheit längerfristig vielleicht auch besser ist). Das liegt zum einen am unberechenbaren Event-Karten-Timer und zum anderen in der Natur der Würfel. Der mit Letzteren verbundene Mechanismus verleiht diesem Spiel etwas ganz Eigenes und der Taktik- bzw. Kampfphase ein bisschen mehr Gewicht, als dies beim simplen Addieren von Kartenwerten der Fall wäre. Das macht durchaus Spass, hat aber auch zwei kleine Haken: der Ablauf eines Spielzuges ist in zahlreiche, nicht unbedingt intuitive Schritte gegliedert (auf der quick(!) reference page sind es deren 22, auch wenn einige zusammengefasst werden könnten), was diesen – und damit auch ein an sich eher „leichtes“ Spiel – schon mal in die Länge ziehen kann. Dies ist mit ein Grund, weshalb ich das Spiel nur unter Vorbehalt für 4-5 Spieler empfehlen würde, zumal die Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Spielern auch relativ begrenzt sind. Für Solospieler und Kleinstgruppen hingegen lohnt sich ein Anspielen auf jeden Fall.

One comment

  1. Das Spiel hat mich gut unterhalten. Vor allem deshalb, weil ich es toll finde, üble Pläne wie diesen zu vereiteln: Professor versucht durch DNA-Mischereien (Julius Cäsar, Sun Tzu und Dschingis Khan) einen neuen General zu entwickeln… Hervorragend!

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