Tragedy Looper: Tragische Zeitreisen

Zeitreisen üben spätestens seit Einsteins Erkenntnissen, dass so Manches relativ sei, eine ungeheure Faszination auf uns aus. Wäre es nicht toll, mal kurz einen Abstecher in die Vergangenheit zu unternehmen, um zu erfahren, wie sich so ein Saurier von Nahem anfühlt… oder vielleicht gar Einfluss auf das damalige Geschehen zu nehmen? Die Zukunft – also unsere Gegenwart – zu verändern? Die Unkenntnis darüber, „was geschehen würde, wenn…“, lässt Spekulationen und Fantasie freien Lauf.

Doch so faszinierend die Gedankenspiele sind, so problematisch scheint deren Umsetzung in Filmen und anderen Medien. Es nimmt nun mal viel Druck aus dem Kessel, wenn der Held nach seinem Abnibbeln einfach durch Drehen am Rad der Zeit wiederbelebt werden kann, ein anspruchsvolles, als nervenzerreissend intendiertes Unterfangen (siehe einen gewissen Film mit einem gewissen jungen Zauberer) zur spannungslosen Farce verkommt, weil es im Fall eines Misserfolgs beliebig oft neu angepackt werden kann, bis irgendwann…  frrrrzzzzzzzzz… *ping*

… MISSION ABORTED … 6 Loops remaining… Loop initiated…

Tragedy Looper kommt zugegebenermassen auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv daher. Ob man der Manga-Typ ist oder nicht, mag einmal mehr Sache des persönlichen Geschmacks sein, aber objektiv ist die Farbwahl und Ikonografie eher suboptimal und erschwert das Erkennen einiger Spielelemente – obwohl das Düstere im Prinzip natürlich thematisch durchaus seine Berechtigung hat.

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Die Orte des Geschehens: Spital, Tempel, Innenstadt und Schule.

Sieht man über dieses „Problem“ hinweg und ist man bereit, etwas Zeit in dieses Spiel zu investieren, eröffnet sich den Zeitreiseaspiranten aber ein Erlebnis der besonderen Art: Tragedy Looper ist DAS Deduktionsspiel überhaupt (nichts da von wegen Ressourcen sammeln und damit kann man dann schon irgendwie das Rätsel lösen, indem man nur erfolgreich genug würfelt – nein, nein, hier ist tatsächlich Gehirnschmalz gefragt).

Tragedy Looper ist ein Spiel der Sorte „Einer gegen viele“, genauer gesagt „mehrere“. Oder extrem genau gesagt: Im optimalen Fall spielt ein einigermassen böser Mastermind gegen drei mehr oder weniger gute Zeitreisende (genannt „Protagonisten“). Die Regeln sind recht umfangreich – in erster Linie aufgrund der ungewöhnlichen Mechanismen. Vor allem der Bösewicht muss zwingend (!) sehr (!) regelfest sein, da bereits kleine Fehler dazu führen können, dass ein Szenario für die Protagonisten unlösb…  frrrrzzzzzzzzz… *ping*

… MISSION ABORTED … 5 Loops remaining… Loop initiated…

So, da sind wir nun also offenbar in die nahe Vergangenheit gereist, leider haben die Deppen in der Administration vergessen, uns zu sagen, was wir hier sollen, ausser, dass es darum gehe, eine Tragödie zu verhindern. Immerhin haben es die Pfeifen gerade noch fertig gebracht, uns kurz vor dem Abflug eine aktuelle Zeitung in die Hand zu drücken. Ist ja nicht so, dass es darin an Unglücksfällen mangeln würde. Von einer Katastrophe im örtlichen Spital (sie schreiben, es wäre eine Gasleitung gewesen), über Mord und „Unglücksfälle“ (?)  bis zu Verschwörungsverdacht steht vieles zur Auswahl – aber leider nicht uns, denn wir sind nicht hier, um zu wählen, sondern um genau ein Ereignis zu verhindern – und wissen nicht, welches.

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Einige mehr oder weniger vertrauenserweckende Bewohner…

Also beobachten wir, versuchen auf Personen Einfluss zu nehmen, Dinge in Erfahrung zu bringen… Der Polizist wirkt seltsam, aber auch die Studentin, mit der wir eben noch gesprochen haben, scheint sich zunehmend unwohler zu fühlen… und warum begibt sich der Arzt auf einmal zum Tempel?

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Die Studentin wird plötzlich ein klein wenig paranoid… und was will der Arzt da oben im Schrein?

Der erste Tag neigt sich dem Ende entgegen – noch ist nichts Gravierendes geschehen. Es hiess, wir hätten vier Tage Zeit um herauszufinden, worum es überhaupt geht und die Sache zu verhindern… schaumamal. Aus der Zeitung wissen wir immerhin, dass ab dem folgenden Tag eine Person vermisst wird. Aber wer? Und hat das überhaupt etwas mit unserem Fall…  frrrrzzzzzzzzz… *ping*

… MISSION ABORTED … 4 Loops remaining… Loop initiated…

Da sind sie nun also, um meine Pläne zu durchkreuzen. Ich weiss nicht, ob sie das Zeug dazu haben, mich aufzuhalten – was ich aber weiss, ist, dass der Arzt ein bezahlter Killer ist, der eine Zeugin (die Studentin) beseitigen soll, und dass der Patient das Gehirn der Organisation ist. Glücklicherweise ist der lokale Polizist ein Verschwörungstheoretiker, der hoffentlich genügend Unruhe stiften wird, um die wahren Zusammenhänge vor meinen Widersachern zu verschleiern.

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Böser Mastermind

Die Schwierigkeit liegt darin, meine Ziele zu erreichen, ohne diesen Flaschen zu viele Informationen zukommen zu lassen. Denn das Leben des gemeinen Bösewichts wurde durch die Erfindung der Zeitmaschine deutlich komplizierter! Erinnern Sie sich zum Beispiel an diesen einen Vorfall mit dem jungen Zauberer, der eine Mission erfüllen sollte, die zwar auf den ersten Blick einigermassen spannend erschein, weil die Zeit soooo knapp wurde – allerdings nur, bis sich jemand daran erinnerte, dass der Balg ja eine Zeitmaschine hatte, und deshalb im Prinzip im Fall eines Misserfolgs problemlos beliebig oft… eben, Sie merken schon.

Aber zurück zur Sache: Ich lasse nun also den Arzt erst mal gemächlich zum Schrein spazieren, wärend ich die Studentin einschüchtere und – als Ablenkungsmanöver – dem Journalisten Falschinformationen zukommmen las…  frrrrzzzzzzzzz… *ping*

… MISSION ABORTED … 3 Loops remaining… Loop initiated…

Bei Tragedy Looper spielen Bösewicht wie Protagonisten nach identischen Regeln – der einzige Unterschied besteht darin, dass der Mastermind weiss, in welcher Geschichte sich die Protagonisten befinden (also was seine eigenen Ziele sind) und welche Rollen die auftretenden Charaktere innehaben. Aus einer Fülle möglicher Informationen versuchen die Protagonisten, die relevanten „Bits and Pieces“ von den Nebelgranaten des Bösewichts zu trennen und so dem eigentlichen Kern des Geschehens nach und nach auf die Spur zu kommen. Dazu steht ihnen eine vorgegebene Anzahl an Tagen zu Verfügung – sollte die Tragödie in dieser Zeit eintreffen (was meist der Fall ist), endet ein „Loop“, die Protagonisten haben erst mal verloren und springen zeitlich an den Ausgangspunkt des ersten Tages zurück – hoffend, dass die gewonnenen Informationen ihnen beim neuen Versuch weiterhelfen. Und weil so etwas nicht spannend wäre, wenn man dabei beliebig oft an den Ursprung zurückkehren könnte (es gibt da zum Beispiel einen Film mit einem jungen Zauberer, bei dem das offenbar vergessen wurde), ist die Anzahl an Loops begrenzt, von wegen Raum-Zeit-Kontinuum geht kaputt und so.

Ein einziger Loop ohne die entsprechende Tragödie bedeutet den Spielsieg der Protagonisten. Aber auch falls es ihnen nicht gelingt, den Mastermind zu stoppen, haben sie noch eine letzte Chance: Falls sie nämlich in der Lage sein sollten, alle relevanten Informationen zu nennen, besiegen sie den Unhold ebenfalls – was wiederum bedeutet, dass sich der Mastermind so richtig anstrengen muss, Informationen zu verschleiern, zu vertuschen, verdeckt zu ag…  frrrrzzzzzzzzz… *ping*

… MISSION ABORTED … 2 Loops remaining… Loop initiated…

Tragedy Looper ist anspruchsvoll. Nicht, dass die Regeln wirklich allzu kompliziert wären: Der Mastermind spielt drei Karten verdeckt auf Charaktere und/oder Orte aus, jeder der Protagonisten spielt danach ebenfalls eine. Durch die Karten ergeben sich einfache Auswirkungen: Eine Bewegung horizontal oder vertikal, man versucht, jemanden auf seine Seite zu ziehen (durch Goodwill), oder erhöht/verringert die Unruhe (Paranoia) einer Person. Einige Karten neutralisieren die Effekte der Gegenseite, ausserdem haben einige der Charaktere Rollen, die dem Mastermind bekannt sind und die es ihm erlauben, über diese Charaktere zu handeln und das Geschehen zu beeinflussen. Während die Protagonisten anfangs völlig im Dunkeln tappen und dem Mastermind ausgeliefert scheinen, werden sie alles daran setzen, nach und nach mehr Informationen zu erlangen und damit den Mastermind zwingen, andere Wege zum Erreichen seines Zieles zu finden.

Tragedy Looper ist ein Kräftemessen auf höchstem Niveau – die Rolle des „Einen“ ist nicht etwa die eines relativ neutralen Spielleiters, sondern jede Partie ist für die Protagonisten wie für den Mastermind gleichermassen eine Herausforderung!

Apropos Partie: Das Basisspiel enthält 10 Szenarien, die als Protagonist natürlich nur jeweils einmal gespielt werden können. Mittlerweile gibt es Erweiterungen und frei erhältliche Szenarien auf Boardgamegee…  frrrrzzzzzzzzz… *ping*

… MISSION ABORTED … 1 Loops remaining… Loop initiated…

Tragedy Looper ist einfach ein super Spiel, denn…  frrrrzzzzzzzzz… *ping*

… MISSION FAILED … 0 Loops remaining. You Lost.

 

Anmerkung 1: Beim Erstellen dieser Rezension wurden weder Protagonisten noch Bösewichte verletzt, noch beinhaltet sie Informationen zu lebenden Personen oder tatsächlich im Spiel enthaltenen Szenarien.

Anmerkung 2: Zu meinem persönlichen Alptraum in Sachen Tragedy Looper siehe auch hier.

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